Lebenswelten in Chile

„Die vier wichtigsten Himmelsrichtungen sind drei: Norden und Süden!“, schrieb Roberto Bolano, ein Schriftsteller aus Chile. Diesen literarischen Scherz versteht man nur, wenn man sich die geografischen Gegebenheiten dieses Landes vor Augen hält. 4300 km Küste von Arica bis nach Feuerland. Im Westen der Pazifik, im Osten der Wall der Andenkordilliere mit vielen 6 Tausendern, im Norden die Atacama, die trockenste Wüste der Erde, im Süden der durch die Magellanstraße getrennte Archipel, den wir als Feuerland kennen. Diesen Gegebenheiten ist es geschuldet, dass Chile bis in die Hälfte des 19. Jahrhunderts beinahe eine vom Rest des Kontinentes isolierte Insel blieb.

Im April 2017 habe ich mich drei Wochen in Chile aufgehalten, um meine FreundInnen aufzusuchen, und wieder einmal – wie ich das seit 1978 tue – im Abstand von 10 Jahren in ihre Lebenswelten einzutauchen. Ich will mit Eduardo beginnen:

Eduardo ist in der dritten Generation Nachfahre von aus Syrien und dem Libanon eingewanderten Arabern, die zu Beginn des 19. Jhdts. der Repression durch die Türken im ottomanischen Reich entflohen sind und sich zuerst in Argentinien und später in Chile angesiedelt hatten.

Als In der Osterwoche weit über hunderttausend StudentInnen in Santiago und Valparaiso auf die Straße gingen, um wieder und wieder die von Bachelet vor den Wahlen seit 2011 versprochenen Reformen einzufordern, habe ich meinen Freund gefragt, was er von Bachelet hält.

Hier ein kurzes Resümee aus einem Transkript meines Interviews:

Eduardo: Ich zB. gehöre noch einer Generation an, die freien Zutritt zu den Studiengängen in den Universitäten hatte.Die Schulen waren gratis und garantierten eine qualifizierte Ausbildung, obwohl Chile damals wesentlich ärmer war. Mit Pinochet und den Chikagoboys wurde Chile zum Laboratorium des Neoliberalismus und es gibt kaum mehr einen Bereich, der nicht privatisiert ist. Heute zahle ich für meine zwei Kinder monatlich je 800 Dollar für ihre schulische Ausbildung.

Die Superreichen Chiles sind auf wenige Familien konzentriert, die als entscheidungstragende Eliten neben den internationalen Konzernen im Besitz der Banken, Straßen, des Transportwesens, der Pensionskassen, der Universitäten, Spitäler und der Kupferminen sind. Zu ihnen gehören zB. Luksic, Fallabella oder Guzman, die wie Paulmann mit Baumärkten und Ketten von Supermärkten reich geworden sind. Paulman, ein eingewanderter Deutscher, hat sich als Zeichen seiner Macht einen weithin sichtbaren phallischen Wohnturm errichten lassen, der die Skyline von San(tiago)hattan prägt. Wie in Europa haben auch hier die Menschen ihre Hoffnung auf einen Wandel durch die etablierten Parteien von links, Mitte und rechts aufgegeben. Selbst die Kommunisten, die eine Privatuni unterhalten, schneiden am Kuchen mit. Ein Beispiel: Vom Abbau in den Kupferminen erhalten die Militärs seit der Junta bis heute einen Prozentsatz, der allein genügen würde, eine kostenlose Gesundheitsversorgung und Ausbildung für alle zu garantieren“

Er schließt resigniert: „In meiner Studentenzeit war ich ein Anhänger Allendes Nach 30 Jahren Pinochet und zaghaften, aber mittlerweile gescheiterten Versuchen, den endgültigen Ausverkauf des Landes zu verhindern, haben meine Freunde und ich, von denen viele ermordet wurden oder verschwunden sind, die Hoffnung auf einen Wandel aufgegeben.“

Ja, die Schere zwischen arm und reich ist nur im Zentrum und den angesagten Vierteln der Hauptstadt Santiago weniger sichtbar, aber der Lebens- und Überlebenskampf großer Bevölkerungsschichten noch härter als in anderen lateinamerikanischen Ländern. Wenn man das Grundeinkommen von derzeit 270.000  = ca. 390 € mit den im Warenkorb enthaltenen monatlichen Ausgaben vergleicht (ohne Auto zu fahren, Bücher zu kaufen oder ins Kino zu gehen laut Statistik 543.200 = ca. 780€, geschönte Zahlen, die der Wirklichkeit nicht standhalten) sieht man auf einem Blick, dass es kaum ausreicht, sich selbst, geschweige denn eine Familie zu ernähren. Bis auf in Asien gefertigte Textilien und Elektronik, ist Chile, wenn man sich nicht auf den Märkten mit Nahrungsmitteln versorgt, sicherlich in mancher Hinsicht teurer als Europa.

Übrigens fand am 19. April eine Volkszählung statt. Niemand weiß derzeit, wie viele Menschen in Chile leben. Sind es 17 oder gar 20 Millionen? Auch bei dieser Erhebung wird man das nicht feststellen können. Es sind seltsame Fragen, die gestellt werden: Aus welchem Material bestehen die Wände, der Boden, die Decke? Zu welcher von 6 angeführten Ethnien gehören sie? Drei davon sind mittlerweile ausgestorben.

Obwohl Chile seit jeher ein Einwanderungsland war (heute mehr denn je), – Jorge Baradit, ein chilenischer Schriftsteller, vergleicht es mit Frankenstein: „In 200 Jahren zusammengestückelt aus Türken, Arabern, Spaniern, Mapuches“ – scheint es auch hier größere Ressentiments vor allem gegen Migrantinnen aus Haiti zu geben. Er beklagte bei einem Fernsehauftritt die oft rassistische Haltung der Chileninnen gegenüber den „Wirtschaftsflüchtlingen“, von denen die Mehrheit besser qualifiziert sei als die hier Geborenen. Das hat mich an den in Österreich geführten Diskurs erinnert. Leider haben die von mir geführten Interviews mit verschiedenen Vertreterinnen aus den Herkunftsländern der Migrantinnen (allen voran Peru, Haiti, Dominikanische Republik und Venezuela) seinen Kommentar zur oftmals diskriminierenden Haltung der Einheimischen gegenüber den Migrantinnen bestätigt. Andererseits gibt es seit Bachelet´s Regierung viele Initiativen, – organisiert von Staat, Kirche, NO`Gs, aber auch Privatleuten -, die daran erinnern wollen, dass es mehr als eine halbe Million Exilierte waren, die während der Militärdiktatur bei anderen Ländern Aufnahme gefunden haben, und es darum mehr als angebracht sei. ihnen bei ihrem Start in ein besseres Leben zu helfen. Nicht vergessen werden darf, dass heute noch mehr als eine geschätzte Million Chileninnen im Ausland leben, vornehmlich in Spanien, Argentinien und den Vereinigten Staaten.

Aus den Nachrichten erfahre ich, dass es 450.000 registrierte Immigranten gibt. Die Dunkelziffer, der „illegal“ im Land lebenden Menschen, dürfte doppelt bis dreifach so hoch sein. Das Einwanderungsgesetz ist aus dem Jahr 1976 und wurde noch nicht den neuen Gegebenheiten angepasst. Natürlich gibt es auch hier Rassismus und skrupellose Ausbeutung. Das trifft vor allem Haitianer, die nach dem Erdbeben nach Chile geflohen sind und nicht wie die anderen Immigranten aus Peru, Kolumbien, Venezuela und der Karibik spanisch sprechen.

Migrar no es delito. Migration is no crime. Niemand ist illegal.

Zusammengefasst wäre zu sagen, dass Chile derzeit mit ähnlichen Problemen konfrontiert ist wie manche Länder in Europa, von denen Schweden, Deutschland und Österreich in Bezug auf Immigration und seinen Folgen sicherlich die Hauptlast tragen. Im Unterschied zu Europa sind es hier keine Asylsuchenden, obwohl es kaum einen Unterschied macht, ob man aus Ländern wie Venezuela oder Haiti flieht, die durch Misswirtschaft oder Naturkatastrophen in den Bankrott geraten sind, oder aus Kriegsländern wie Syrien, Irak oder Afghanistan.

Maria

Maria ist im Süden Chiles, in Temuco, aufgewachsen und eine Nachfahrin deutscher Kolonisten aus Baden-Württemberg, die 1850 angeworben wurden, das kaum besiedelte Land urbar zu machen. Damals lebten gerade mal 1,4 Millionen Menschen auf einem Drittel der heutigen Ausdehnung, die Chile erst nach dem Pazifik- oder Salpeterkrieg 1879 – 1882 mit den nördlichen Nachbarn Peru und Bolivien erreichte. Jede Familie, die sich für die Überfahrt entschloss, erhielt ein Darlehen, ein Stück Land (oft den Mapuches, Ureinwohnern weggenommen, die Eigentum an Land nicht kennen), Samen und Werkzeuge für die Kultivierung des Bodens sowie Unterhalt für das erste Jahr. Außerdem waren die Ankömmlinge 6 Jahre steuerfrei und galten sofort nach Ankunft als chilenische Bürger. Die Regierung wusste, dass sie nur durch Immigration die aufständischen Indianer befrieden, die Grenzgebiete gegen das expandierende Argentinien sichern und den Rückstand aufholen und so Anschluss an die damals fortgeschritteneren Länder Südamerikas finden konnte.

Mit Maria, die nach 40 Jahren, in denen sie in einem der 13 SOS-Kinderdörfer Chiles gearbeitet hat, nun in Pension ist, durchstreife ich die Stadt, die ich kaum wiedererkenne.  Auch sie muss versuchen, das wenige, was ihr blieb, aufzubessern, auch, um das Studium ihres Sohnes zu finanzieren, indem sie für die Kinder naheliegender Schulen würzige Cakes aus roten Rüben, Mehl und Butter bäckt..

Wie es einem geht, sagt sie, käme wie überall auf das Geld an, das einem zum Leben zur Verfügung steht. Ich gehöre eher zu den privilegierten Pensionist-innen, da ich eine Wohnung habe, die mir gehört und mir nach der Einführung der privaten Altersvorsorge nach dem Zusammenbruch der Pensionskassen, der Millionen von Menschen in Chile ins Prekariat gestürzt hat, zwar wesentlich weniger als die zugesagten 70% des letzten Lohnes geblieben sind, aber mit 45o€ weit mehr als der Durchschnitt, der mit umgerechnet 270€ auskommen muss.

Santiago – mittlerweile Schaukasten moderner Architektur in den Vierteln der Reichen, – erlebt gerade einen ziemlichen Boom. Obwohl, – es gibt sie noch -, die Barrios mit den einstöckigen Häusern, ihren Patios und Fassaden, die mit bunten, oft lustigen Murales geschmückt sind und herausgeputzten alten Damen gleichen, denen es trotz der vielen Schminke nicht gelingt, ihren Verfall vergessen zu machen. Manche enthalten politische Botschaften, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Wie in Peru scheint es auch hier unsägliche Gewalt gegen Frauen zu geben, die selten geahndet wird. Abtreibung ist nach wie vor verboten, Homosexualität zwar legalisiert, aber noch immer von vielen als Krankheit angesehen

In einem Cafe, das leider noch nicht offen war, fand ich Wände voll mit Plakaten aus der Zeit der lateinamerikanischen Befreiungskämpfe gegen die Militärdiktaturen in den 70igern, aber auch die Erinnerung an Allende und den Widerstand gegen Pinochet. Damit diese Zeit nicht vergessen wird, gibt es auch ein „museo de la memoria y los derechos humanos“, das mich mit einer Wand von Fotos all der in den Gefängnissen Ermordeten sehr beeindruckt hat. Der Volkssänger Viktor Jara, dem Soldaten der Junta im Stadion beide Hände abgeschlagen haben, bleibt ebenso wie Violetta Parra, der übrigens auch ein Museum gewidmet ist, unvergessen.

Ema hat sich auf die Aufzucht von Bienenköniginnen spezialisiert, um ihre magere Pension, von der sie nicht überleben kann, aufzubessern.

Ema ist – wie ihre Eltern – in Chile geboren. Von Vaters Seiten her ist sie eine Mapuche. Dass sie indigene Wurzeln hat, sieht man ihr auch an. Sie war Lehrerin und ist 63. Von den umgerechnet 150 € Pension, die ihr nach dem Zusammenbruch 2008 des von der Militärdiktatur eingeführten Systems privater Pensionskassen blieben, das die Pensionen an die Rentabilität der Pensionsfonds bindet, kann sie ihr Leben – wie Hunderttausend andere – nicht bestreiten. Sie hat ihre Stadtwohnung verkauft und ist aufs auf Land gezogen, um mit Bienen zu arbeiten. In 4 Jahren hat sie sich alle Fertigkeiten angeeignet, welche die Arbeit mit Bienen erfordert und sich jetzt mit 300 Bienenhäusern selbstständig gemacht. Spezialisiert auf die Aufzucht von Bienenköniginnen, die sie bis nach Kanada verkauft, führt sie ein bescheidenes Leben am Land und ist glücklich. Mit ihr lebt Emilia. Sie ist 83. Ema wollte nicht, dass sie in ein Heim muss und hat sie adoptiert. Ja, Ema hat ein großes Herz.

Ich verstehe wenig bis nichts von der Arbeit mit den Bienen; nur so viel: es un trabajo duro; es ist harte Arbeit, die nur verrichten kann, wer die Bienen liebt, von ihnen lebt und weiß, welche lebenswichtige Bedeutung sie auch für unsere Umwelt haben. Abgesehen davon, dass Ema mit ihnen ihr bescheidenes Auskommen findet, ist es auch ein Beitrag zur Erhaltung der Natur. In Kanada zB. sind sie mittlerweile vom Aussterben bedroht. Um das zu verhindern, gibt es staatlich geförderte Programme, welche die Finanzierung der Importe ermöglichen. Während meines Aufenthaltes wurden 300 Bienenhäuser mit einem Streifen Karton immunisiert, der mit ökologischem Gift gegen aus Argentinien importierten Parasiten imprägniert war.. Was es heißt, bei 30 Grad – umschwirrt von wütenden Bienen – in diesem Anzug mit einem Gesichtsnetz und Handschuhen 300 Bienenhäuser zu öffnen, um diesen Kartonstreifen an einer der Waben anzubringen, habe ich nur für kurze Zeit am eigenen Leib erfahren. Erstens habe ich wegen des schwarzen feinmaschigen Netzes kaum wahrnehmen können, was ich da aufnehme, zweitens war ich nach wenigen Minuten so nassgeschwitzt, dass ich bald aufgeben musste. Fast hätte ich den Schutzanzug ruiniert, nur um mich seiner schneller entledigen zu können. Wie Ema und die peruanischen „Gastarbeiter“ das über so viele Stunden aushalten, ist und bleibt mir ein Rätsel.

Wieder verlasse ich Chile in dem Gefühl, dass sich wenig getan hat in den Jahren, nachdem sich Pinochet aus der Politik zurückgezogen hat und friedlich entschlafen ist, ohne für seine Verbrechen bestraft worden zu sein. Wie soll eine Demokratisierung der Institutionen auch gelingen, wenn die unter der Junta erlassenen Gesetze noch immer wirksam sind. .

 

 

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