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Nokia Rufton

Wie er den nokiarufton hasst. Selbst noch bei der überquerung der maghellanstraße – mitten auf hoher see – in der kabine der fähre, die ihn nach feuerland bringt, the uttermost part of world, schreckt ihn dieser signalton aus seinen gedanken, die er sich macht, sich machen muss, weil es doch immerhin für einen selbst denkwürdig ist, wenn man das ziel seiner reise zu erreichen beginnt.

Er selbst hat das handy auf diese nicht mitgenommen. Warum auch sollte er auch noch dort erreichbar sein. Einige mitreisende nesteln hektisch ihre handys aus den jacken- oder handtaschen, die einen, um befriedigt festzustellen, dass es nicht ihres ist, das geläutet hat, ein anderer, der nach nervösem suchen es gerade noch schafft abzuheben, bevor er mit einem anderen piepston darauf aufmerksam gemacht würde, dass er eine nachricht erhalten hat. Das dröhnen der schiffsmotoren dürfte ihm mehr zu schaffen machen als die tatsache, dass wir alle zeugen seines gespräches werden. Lautstark teilt er mit, dass er gerade auf der fähre ist. Ein kontrollanruf, denkt er – ein bisschen schadenfroh – abgelenkt von den denkwürdigen gedanken, die er sich gerade machen hatte wollen.

Wie gut, dass er nicht erreichbar ist, ist der einzige gedanke, der ihm sofort all die peinlichen situationen in erinnerung ruft, in die er in seiner letzten ehe geraten war, weil er entweder nicht sofort oder – noch schlimmer – gar nicht abgehoben, manchmal nicht die erwarteten antworten gegeben hatte oder nicht einfühlsam genug gewesen war, seine ihm angetraute mit jedem anruf seiner liebe zu versichern. Das war nun schon beinahe über zwei jahre her, und sein nächster gedanke war, warum ihn das noch immer einholen, noch immer so schrecken konnte, dass er – ebenso hektisch wie die anderen Passagiere – nach einem nicht vorhandenen Handy sucht, um nur ja keinen konflikt herauf zu beschwören, der aber immer gerade deswegen unausweichlich war, weil er eben entweder nicht schnell genug, gar nicht oder nicht so reagiert hatte, wie erwartet worden war. „Ja, hallo Liebes. Ja, ich bin bei meiner schwester. Wir plaudern gerade.“ Aha, ihr plaudert gerade. Warum hast du nicht gleich abgehoben? Ich habe nämlich vor zwei minuten schon einmal angerufen, aber da bist du nicht drangegangen. Bist du überhaupt bei deiner schwester oder lügst du mich an?“ Augenblick, ich verbinde dich gleich mit ihr. „Nein, ich glaubs dir auch so. das nächste mal aber geh gleich ran, bevor ich auf blöde gedanken komme.“ Auf welche gedanken denn, schatz? Du weißt schon. Es könnte ja sein, dass du gar nicht bei deiner schwester bist.“ Aber ich sag’s dir doch. Ich kann sie dir auch geben, wenn du willst. „Ich will jetzt nicht mit deiner schwester reden, sondern mit dir. Du bist soweit weg. Wann kann ich denn ungestört mit dir reden?“ Meine schwester stört doch nicht. Was ist denn so wichtig? Wir haben doch vor einer stunde erst miteinander gefrühstückt. “Entweder willst du mich nicht verstehen, oder du stellst dich jetzt dümmer als du bist.“ Was, bitte, soll ich denn jetzt verstehen oder nicht verstehen können? Was willst du mir denn sagen, was du jetzt nicht sagen kannst, weil ich bei meiner schwester bin? „Du bist soweit weg.“ Ja, das hast du schon gesagt, aber du hast doch gewusst, dass ich meine schwester besuchen will. „Ja, das hast du gesagt, aber es hätte ja auch sein können, dass es nur sagst und gar nicht zu ihr gehst…“ Wohin hätte ich denn deiner Meinung nach hingehen können? „Warum hast du nicht gleich abgehoben? Da kommt man auf dumme gedanken.“ Ja, hast du denn überhaupt kein vertrauen? „Du, ich will das nicht in gegenwart deiner schwester abhandeln.“ Aber die stört doch nicht. „Aber mich stört sie.“ Wobei stört sie dich denn? „Du verstehst mich nicht. Du hast mich noch nie verstanden.“ Ich höre angestrengt in die Muschel, aber da kommt nichts mehr nach dem Klack.

Sie hat aufgelegt. „Hat sie aufgelegt?“, fragt mich meine Schwester. Ja, sie hat wieder aufgelegt. Aber sie wird gleich wieder anrufen und sich entschuldigen und dann geht das alles wieder von vorne los. Tatsächlich. Das Handy klingelt. Sie schluchzt: „Warum tust du mir das an?“ Was tue ich dir denn an? „Ihr macht euch jetzt sicher lustig über mich.“ Nein, warum sollten wir. Ich geb dir meine Schwester, ja? „Ich will deine Schwester nicht, ich will mit dir reden.“ O.k. „Was heißt jetzt o.k.?“ O.k. Heißt: Sprich! „Warum soll immer ich reden? Warum kannst nicht du einmal auch was nettes sagen? Ich hab gesagt, dass du soweit weg bist, dass ich dich vermisse, dass ich ungestört mit dir reden will, verdammt. Das würde alles nie über deine Lippen kommen. Du bist immer so aalglatt am Telefon.“ Aber liebes, ich bin jetzt bei meiner schwester und … „Ja, deine schwester darf wohl nicht wissen, dass du mich liebst.“ Aber das weiß sie doch. Das darf sie doch annehmen. Immerhin sind wir schon 10 Jahre zusammen. „Das ist es ja. Weil du schon 10 Jahre mit mir zusammen bist, glaubst du, du musst es am Telefon nicht mehr sagen.“ O.k. Jetzt hab ich verstanden. Ich sag’s jetzt. Ganz laut. Meine Schwester hört zu. Bist du bereit? Ich liebe dich. „Wie du das sagst. So abgebrüht und nur, weil ich’s hören will. Von selber würde dir das nie einfallen. Vielleicht willst du mich einfach nur wütend machen. (Ich schreie genervt in die Muschel:) I c h l i e b e d i c h! Wieder macht es klack und ich sitze da mit dem handy am ohr und lausche dem klack nach und fürchte mich vor dem nächsten anruf.

Der nokiasignalton. Mein sitznachbar fischt sein handy aus der Tasche. Beinahe wäre es ihm aus der hand gefallen. „Si? Querida. Soy …“ Wieder einmal davon gekommen, denke ich, obwohl ich mir eigentlich andere Gedanken machen wollte. Immerhin überquere ich die Maghellanstraße und das ist denkwürdig. Für mich zumindest.

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