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Sokratische Unterweisung

Er hieß Schigu, eigentlich Zsigmond. Er hasste seinen Namen. Vor allem das eingedeutschte Sigismund. Wer ihn so nannte, war sein Feind. Und von denen gab es viele. Das Gymnasium, das wir besucht hatten, war ein Backsteinbau aus kleinen roten Ziegeln mit einem Turm, von dem aus man einen Blick über die Stadt werfen konnte. Es war eine kleine Stadt, die sich nicht ausbreiten konnte, da sie in einem schmalen Streifen zwischen dem Fuß eines Berges und am Ufer eines See’s lag. Ich saß in der hintersten Bank in der Fensterreihe und hoffte von den Professoren nicht gesehen zu werden. Eigentlich verbrachte ich meine Stunden in der Schule angestrengt damit, mich hinter meinem Banknachbarn in Deckung zu bringen. Das war schon deswegen nicht einfach, weil auch dieser alles unternahm, die Aufmerksamkeit der Lehrer nicht auf sich zu lenken. Nicht so Schigu, der einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn besaß und es nicht duldete, wenn Lehrer uns unsre Minderwertigkeit spüren ließen. Und von solchen, die ihr Ego auf diese Weise stärken mussten, gab es leider mehr als genug.
Ich war sein bester und einziger Freund. Es gab nichts, worüber wir uns nicht ausgetauscht hätten. Absolut gar nichts. Wir lasen im Buch des anderen, als hätten wir es selbst geschrieben. Ich weiß nicht, warum unsere Bande so stark waren. Meinem Bruder jedenfalls, der nur ein Jahr jünger war, hätte ich niemals anvertraut, was er von mir wusste. Es lag wohl daran, dass ich mich ebenso fremd gefühlt hatte wie er, dessen Eltern es in der Zeit des Kalten Krieges in abenteuerlicher Flucht gelungen war, den Eisernen Vorhang hinter sich zu lassen. Sie, die sich mit ihm und seinen zwei Brüdern und nichts als dem Tafelsilber über die Grenze gerettet hatten, waren so beschäftigt, in ihrer neuen Heimat wieder Tritt zu fassen, dass sie keine Zeit für ihn hatten. Hauptsache war, dass er keine schlechten Noten hatte.

Im Gegensatz zu mir musste er sich nicht hinsetzen und lernen und trotzdem gehörte er zu den besten unserer Klasse. Diesem Umstand und weil sich Lehrer für ihn eingesetzt hatten, verdankte er es mehrmals, dass er nicht aus der Schule geworfen wurde. Einmal nämlich hatte er in der Hofpause im Winter – ganz ohne jede Absicht – einem uns beaufsichtigenden Lehrer bei einer Schneeballschlacht, die natürlich verboten war, genau in den Mund getroffen. Bei der Konferenz, in der dieser Lehrer nicht für einen Verweis, sondern für einen Ausschluss Schigu’s plädiert hatte, weil er ihm unterstellte, den Ball gezielt geworfen zu haben, soll der Sportlehrer – ein schon etwas angegrauter Herr, dem der berufliche Ehrgeiz mit den Jahren abhanden gekommen war und immer eine leichte Fahne vor sich hertrug, zur Verwunderung aller aufgestanden sein und gesagt haben: Selbst in meinen besten Jahren ist es mir bei aller Absicht nicht gelungen, einen Ball so sicher ins Ziel zu bringen. Dieser Satz soll alle so
erheitert haben, dass die Sache dann schnell vom Tisch war.

Ein andermal hatte er unseren Klassenlehrer gleich in der ersten Stunde eines neuen Schuljahres gegen sich aufgebracht, indem er nach 10 Minuten auf die Uhr sah und gähnend meinte: Das Schuljahr zieht sich wieder. Einer, der es besonders auf ihn abgesehen hatte, war der Religionslehrer, der zu jener Zeit mehr Einfluss zu haben schien, als selbst der Direktor. Schigu trieb ihn mit seinem Scharfsinn und seiner geschliffenen Rede, – er hatte sich in wenigen Jahren ein Deutsch angeeignet, das selbst wir Einheimische nicht so perfekt zu sprechen verstanden -, in vielen Stunden, die nur aufgrund der zwischen den beiden geführten Dispute nicht lähmend langweilig wurden, oft zur Weißglut gebracht. Der Religionslehrer nämlich meinte, wer nicht an Gott glaube, der müsse an seinem Verstand zweifeln, weil er diesen ja auch nicht sehen könne. Warum aber, fragte Schigu scheinheilig, gibt es dann Bilder von ihm? Der Religionslehrer lächelte milde: Die Bilder sind für die einfachen Menschen. Schigu weiter ausholend. Wir einfachen Menschen stellen uns Gott als Weißen dar. Wie müssen sich einfache Afrikaner Gott vorstellen? Jetzt wich er aus: Das ist eine heikle Frage. Es gibt ein schwarzes Jesuskind und eine schwarze Muttergottes, aber Gott ist nur als Weißer denkbar. Wir denken ihn uns also mit weißer Hautfarbe, weil wir selbst Weiße sind? stieß Schigu nach, und alle waren wir plötzlich hellwach: Schigu hatte es in der sokratischen Kunst der Mäeutik, also darin, seinen Gesprächspartner durch Fragen so in die Enge zu treiben, dass er irgendwann sein Nichtwissen eingestehen muss, zur Perfektion gebracht. Und nun war er in die Enge getrieben, denn sonst hätte er ihn nicht angefaucht: Weil es unsere Religion ist, müssen die Heiden sich überall auf der Welt zu einem weißen Gott bekehren. Jetzt hatte er ihn so weit gereizt, dass er nur noch das rote Tuch sah, und jedes Mal, wenn Schigu eine zu falschen Antworten verlockende Frage stellte, so, als würde er eine neue Banderilla mit einer kleinen und äußerst eleganten Seitwärtsbewegung in seinen Nacken pflanzen, schrieen wir unhörbar: Ole…Beide kämpften sie: Der Lehrer, weil er um keinen Preis unterliegen durfte, und Schigu, weil er sich an ihm für all die Demütigungen rächen wollte, die er mir oder den anderen, aber vor allem ihm zugefügt hatte. Das Klassenzimmer war wie jede Religionsstunde zur Arena geworden und Schigu ließ sich wie immer keinen Rückzug mehr offen. Jetzt war es soweit: Das sage jetzt nicht ich, meinte er ruhig. Das soll ein Philosoph gesagt haben, der Xenophanes hieß und vor 2500 Jahren gelebt hat. Vielleicht haben sie von ihm gehört, fügte er noch mit beißendem Spott hinzu. Er hat ungefähr gesagt – ich kenne den genauen Wortlaut jetzt nicht: Wenn die Menschen Rinder wären, würden sie sich Gott als Rind vorstellen.

Viele Jahre später ist mir diese Stelle beim Lesen untergekommen und die Szene, die ich eben zu schildern versuche, erstand vor meinen Augen, als wäre es gestern gewesen: Ich will dir das Zitat im Wortlaut nicht vorenthalten, beweist es doch eine Kühnheit, deretwegen Sokrates 200 Jahre später den Schirlingsbecher kippen musste „Wenn aber die Rinder und Pferde und Löwen Hände hätten und mit diesen Händen malen könnten und Bildwerke schaffen wie Menschen, so würden die Pferde die Götter abbilden und malen in der Gestalt von Pferden, die Rinder mit der Figur on Rindern. Sie würden solche Statuen meißeln, die ihrer eigenen Körpergestalt entsprechen.“

Von einem Ausländer muss ich mir solche Frechheiten nicht bieten lassen, brüllte der Religionslehrer jetzt, schickte ihn aus der Klasse, und schrie ihm nach: Wir sprechen uns noch. Daraufhin blieb der Platz neben mir leer. Mehr als zwei Wochen fuhr ich jeden Tag in die Straße, wo er wohnte. Man ließ mich nicht zu ihm. Er nicht da, sagte seine Mutter, indem sie die Tür einen Spalt breit öffnete und dann wieder schloss. In all den Jahren hatte ich sie nicht einmal zu Gesicht bekommen. Dann hieß es, als niemand mehr aufmachte, die Familie sei nach Kanada ausgewandert. Ich habe ihn nie wieder gesehen.

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