Mal mir einen Fisch mit Augen zu!

Der erste Satz ist immer der schwierigste. Wenn man malen will, bedarf es dazu zwar größerer Vorbereitung, ist diese aber getroffen, du hast dein Atelier betreten, die leere Leinwand grinst dir auf der Staffelei herausfordernd entgegen, du ziehst dir den Arbeitsmantel über die Alltagskleidung, um diese durch die Farben nicht zu verunreinigen, in die du den Pinsel gleich eintauchen wirst, wobei die Entscheidungen, ob du mit Ultramarinblau oder Braungold beginnen willst, ob mit Tempera, Öl oder Acryl schon längst gefallen sind, weil das Nachdenken darüber es erst gar nicht so weit kommen ließe, dass eine weiße Fläche bemalt würde, … ich brauche gar nicht mehr länger auszuholen. Du wirst mir Recht geben, wenn ich behaupte, dass es ein Maler leichter hat als jemand, der schreiben will, obwohl ich zugeben muss, dass all die Vorbereitungen, die für das Malen schon im Vorfeld getroffen sein müssen, einen Schriftsteller eigentlich nur beschämen können, braucht er doch nichts weiter als ein Blatt Papier und ein Schreibmittel, das seine Gedanken übertragen hilft. Welche schier unüberwindbaren Probleme aber allein die Tatsache aufwerfen kann, welches Schreibmittel  bei solchem Vorhaben zu wählen ist,  beweist ein Hilfeschrei eines angehenden Schriftstellers an seine Kollegen und Kolleginnen, der „seine kleinen Kringel“, wie er mit nicht mehr zu unterbietender Bescheidenheit meint, „endlich ordentlich zu Papier bringen“ möchte:

„Vielleicht kann mir jemand helfen. Das Problem ist, dass ich noch kein richtiges Schreibmittel für mich gefunden habe. Da ich ziemlich eng schreibe und beim Aufdrücken nicht immer die ganze Kraft auf den Schreiber ausübe, passiert es oft, dass ich bestimmte Buchstaben bzw. Zahlen nicht mehr lesen kann. Klar, jetzt kann man sagen, ändere deine Schrift! Wenn das so einfach wäre, hätte ich das schon längst gemacht. Mir ist aber aufgefallen, dass ich mit unterschiedlichen Schreibern auch unterschiedlich deutlich schreibe. Nun suche ich einen Stift/Füller, der spitz genug ist, dass ich mit ihm auch meine kleinen Kringel ordentlich aufs Papier bekomme. Mein jetziger Füller ist ein Stabilo, der hat aber eine zu dicke Kugelmine.“

Nehmen wir weiter an, dass er oder sie, die der schreibenden Zunft angehören oder in sie aufgenommen werden wollen, dieses Problem für sich schon gelöst haben, und via Keyboard ihre vorerst auf Papier festgehaltenen „Kringel „digitalisieren wollen, spätestens dann müssten aus ihnen ja Buchstaben werden, die Wörter bilden und ganze Sätze, damit es nicht zu Missverständnissen kommt, wie sie so köstlich ein Autor beschrieben hat, der während einer Zugfahrt den hilflosen Bemühungen einer Mutter zuschaut, die von ihrem halbwüchsigen Sohn den Auftrag erhalten hatte, einen Fisch zu malen mit Augen zu. Einem Auftrag, dem die Mutter gerne nachkommt, indem sie einen Fisch mit einer Augenklappe zeichnet, was aber vom Auftraggeber so nicht gemeint war, weil dieser, wie der Autor schnell feststellt, gerne gehabt hätte, dass seine Mutter ihm einen Fisch mit geschlossenen Augen zeichne. Was ich damit sagen will, ist, dass Papier und Schreibhilfen nicht genügen. Es sind immerhin – von den  besonderen Zeichen abgesehen – 24 Buchstaben, die kombiniert werden müssen, damit ihre Zeichenfolge verstanden werden kann, obwohl jede für sich wiederum vielseitig interpretierbar ist, wie das Beispiel aufzeigen wollte.

Ich zum Beispiel, der nicht so überheblich ist zu glauben, dass er die Bezeichnung Schriftsteller für sich in Anspruch nehmen darf, habe zwar mit einem ersten Satz begonnen, dem ich noch etliche nachgeschickt habe, um die Schwierigkeit aufzuzeigen, die einem dieses Handwerk macht, und weiß nun nicht mehr weiter. Vielleicht aber ist es mir trotzdem gelungen zu beweisen, dass der Transfer von Kringel in lesbare Sprache nicht so einfach ist. Ich glaube, ich versuche es jetzt mit einem Fisch und zwar mit Augen zu.

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