Die Frau mit den Händen


kaputt
Eine Frau sitzt mir in der U-Bahn gegenüber. Sie trägt einen Trenchcoat mit Signalfarben, wie ihn Straßenarbeiter tragen, um im Verkehr nicht übersehen zu werden. Ihre Hände hat sie im Schoß liegen, als gehörten sie nicht ihr. Ich betrachte ihre Hände, die eine lose Faust bilden und mir drängt sich das Bild eines Tanzsaals auf, wo sie auf einem der Stühle sitzt, die an den Wänden aufgereiht sind. Gerade war Damenwahl und sie war übrig geblieben, als einzige nicht aufgefordert worden. Ich bewundere ihre Gelassenheit, fast so als wäre sie es gewohnt und hätte es nicht anders erwartet. Fast so, als hätte sie sich damit schon vor Jahren abgefunden ein Mauerblümchen zu sein, und ich mich damit, mir zuzuschauen auf der Suche nach einem Ankerplatz im Strom der Zeit, gefangen in bedeutungsloser Gegenwart.  Auf dem Screen, der sonst nur Werbung zeigt oder die Sehenswürdigkeiten der Stadt in farbenprächtigen Bildern anpreist, spricht jemand über das Glück. Über pursuit of happiness, unserem Streben nach Glück. Außer mir scheint niemand zuzuhören. Eben sagt er, dass es gerade unsere Jagd nach Glück sei, das es unmöglich mache. Nicht das aber war es, was meine Aufmerksamkeit fesselte. Es war die Art seines Vortrages, vor allem die Pausen, die er als dramaturgisches Mittel einzusetzen verstand. Sein Kopf war kahlgeschoren, wie es bei Mönchen in asiatischen Ländern der Fall ist. Wenn er eine Pause entstehen ließ, dann streifte sein Blick ein für mich nicht sichtbares Publikum und lächelte. Genau dann, wenn man schon den Kopf schütteln und fragen wollte: Und jetzt? Was ist, Mann? Hat’s dir die Rede verschlagen?, genau in diesem Augenblick, der den Bogen der Spannung schon fast überdehnte, sprach er weiter. Jetzt sprach er von Liebe als einzigem Ausweg. Noch nie in der Geschichte der Menschheit seien die Menschen so miteinander vernetzt gewesen und damit die ganze Welt ein großes Dorf geworden. Es sei höchst an der Zeit, die Angst vor dem anderen zu verlieren und die Chance, die Vielfalt uns böte, wahrzunehmen. Dann sprach er noch von der verwirrenden Komplexität, der man mit Einfachheit begegnen solle, und dann wieder von der Liebe als einzigem Ausweg. In der Zwischenzeit war das U-Bahnabteil voll mit großen und kleinen buntschillernden Seifenblasen, die ein kleines Kind in die Luft pustete. In der nächsten Station stieg ein Roma zu, der gleich darauf auf seiner Ziehharmonika zu spielen begann. Das brach den Bann.  Während die Fahrgäste mit Ahhs und Ohhs das Aufblasen, Aufsteigen und ihr Zerplatzen an der Decke begleiteten, und der Roma mit geschlossenen Augen sich seinem Spiel hingab, ergriff ich die Hände, die noch immer im Schoß der Frau lagen, als warteten sie auf etwas, das nie eintreffen würde, zog sie aus ihrem Sitz und begann mit ihr ein paar Schritte in das Abteil hinein zu tanzen, als plötzlich ein Mann uns aufforderte, ihm unsere Fahrkarten zu zeigen. Ich hatte einen Fahrschein für Senioren, der mich zum halben Preis berechtigte zwei Fahrten zu unternehmen, aber keinen Ausweis, der bestätigen hätte können, dass ich ein Senior bin. Dem Fahrscheinkontrolleur aber schienen die Krähenfüsse und die weißen Haare zu genügen, denn er bestand nicht weiter darauf. Irgend etwas irritierte ihn. Es schien, als wäre er am liebsten auch nur ein einfacher Fahrgast gewesen, denn eigentlich hätte er einschreiten und sowohl dem Roma das Spiel auf seiner Ziehharmonika, als auch dem Kind das Seifenblasen verbieten müssen, da es laut den geltenden Vorschriften weder im U-Bahnbereich noch in der U-Bahn selbst gestattet war, Laute oder Blasen von sich zu geben. Er aber begab sich auf Augenhöhe mit dem Kind und bat es zum Erstaunen aller, es selbst einmal versuchen zu dürfen. In diesem Augenblick ging das Licht aus und eine Durchsage erinnerte an den Spalt zwischen U-Bahn und U-Bahnsteig. Gleich darauf betete die gleiche Stimme eine Litanei von Anschlüssen herunter, die in der nächsten Station möglich würden. Als das Licht wieder anging, sah ich im Fenster einen alten Mann gespiegelt. Er trug einen schwarzen Hut und einen roten Schal um den Hals und lächelte mir zu. Er konnte nur mich gemeint haben, denn ich war allein. Endstation. Alles aussteigen, sagte eine Stimme. Sie galt mir. Schlafen können sie daheim. Das tat ich dann auch und täte es noch immer, wenn ich könnte, oder bin ich etwa schon aufgewacht?

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