Der Marathonmaler

H. K. war ein Maler, der es zum Malerfürsten gebracht hatte. Seine Bilder wurden nicht nur von kunstsinnigen und zahlungskräftigen Sammlern zu Höchstpreisen gehandelt, auf diversen Biennalen ausgestellt,  sondern hingen auch unverkäuflich, jedes einzelne um Millionen von Dollar versichert, in den Museen, oder erzielten sechsstellige Auktionsergebnisse. Galeristen hatten ihre Freude an ihm, lukrierte er  doch für sie immer Gewinne, von denen andere nur träumen konnten.  Sein Name war zu einer Marke geworden.  Am Warencharakter seiner Kunst und dem Angekommensein im Mainstream hatte er nichts auszusetzen, auch wenn er einräumte, dass der ganze dekadente Kunstbetrieb ihn ankotze:

„ Wenn ich all diese hysterischen Gesichter sehe, die Männer und die Frauen, die immer aufs Klo gehen, als ob sie auf dem Catwalk sind, mit so einem verkrampften New-York-Gesichtsausdruck, und das Geschniefe und die Schühchen und das Wissen, was man anhaben muss, und das ganze Das-kann-man-jetzt-gar-nicht-mehr-machen-Ding . . .: Die Entinhaltlichung, die das mit sich bringt, die ist definitiv schlimmer geworden.“


Schon früh hatte er sein Thema gefunden. Bei diesem blieb er. Never change a running system und das im wörtlichsten Sinne, denn er malte nur Läufer. Läufer am Start, Läufer im Lauf, Läufer, die das Zielband auf Brusthöhe durchrissen. Schwarze Läufer, weiße Läufer, sehnige, gestählte Körper, muskulöse Körperhüllen, Laufmaschinen, jede beim Versuch, den letzten Rekord zu brechen.

Aber es waren nicht einfach nur Reproduktionen von mit Pinsel und Farbe festgehaltenen und somit eingefrorenen Bewegungsabläufen;  ihm war es gelungen, mit schwungvollen, skizzenartigen Pinselstrichen, alle in einer Diagonale von oben nach unten ausgeführt,  beinahe sinnbildhaft die Bewegung als lineares, auf ein Ziel hin orientiertes  Zeitmetrum festzuhalten.  Fast so, als gälte es, das Kreisen auf der ziegelroten  Aschenbahn, und die Anstrengung, die es kostet, mitzuhalten, und sich im Finish durch die Mobilisierung der letzten Reserven  von den anderen im Nanobereich von Sekunden  abzusetzen, vergessen zu machen, um nur noch das  Laufen selbst ins Bild zu bringen und zum Bild zu machen.

Je länger er bei diesem Thema blieb, umso sichtbarer wurde auch der Schmerz, den es bereiten muss, eine  Strecke im rasenden Tempo zurück zu legen mit keinem anderen Lohn vor Augen, als dem, das Ziel, in welcher Zeit immer, erreicht zu haben. Kritiker feierten ihn als einen Vertreter  der  einzigen Kunst, die es möglich macht, das Laufen als Sport vom Verwertungsinteresse des Kapitals zu trennen, indem er die Läufer nicht zu Werbeikonen für  diverse Nahrungsmittel hochstilisiere, sondern ihr Scheitern im Augenblick des Triumphes festhalte; andere wiederum hielten dagegen, dass die Preise, die seine Arbeiten auf dem Kunstmarkt erzielten, in keinem vernünftigen Verhältnis zur Wertschöpfung stünden und genau dies konterkarierten, was er mit seiner Malerei angreifen wolle. Ihn ließ das alles unberührt. Waren es am Anfang noch wie in Raserei  hingeklatschte Pinselstriche, die auf den Betrachter wirkten, als würden sie schneller sein wollen, als Auge und Hand sich koordinieren können, ging er von einem Bild zum nächsten immer mehr ins Detail; zuerst  von an der Bewegung teilhabenden oder teilnehmenden, meist ins Groteske übersteigerten Gliedmaßen, dann zu den von der Anstrengung gezeichneten Gesichtern, bis hin zur Zerlegung der  Bewegungsabfolge in Einzelbilder, womit er sich dem Auge der Kamera angenähert hatte.

Ein Galerist hat sich nicht nur damit begnügt, sie in großen, lichtdurchfluteten Räumen so aufzuhängen, dass beinahe ohne Zwischenabstand auf vier Wänden angeordnet, ein einziger Schritt wie in Zeitlupe zum Lauf wurde; er hat  dazu unsichtbare Lautsprecher im Raum verteilt, die stereophon das antilopengleich schnelle und rhythmische Keuchen und Hecheln durchmischt mit den Tonspuren von anfeuernden Zurufen wiedergaben. Die Presse überschlug sich mit lobspendendem Beifall für diese Installation, welche Ton und Bild zu einer Symphonie verwebe, die das Laufen zum Lebenslauf mache.

Damit hatte er den Zenit seines Schaffens erreicht. Von nun an interessierte ihn nichts mehr sosehr, wie den Augenblick kurz vor dem Zusammenbruch eines Läufers während seines Laufes oder nach dem Zerreißen des Zielbandes auf Leinwand zu bannen, um den Ursprung der Legende wieder ins Bild zu rücken, der zufolge ein Stadtstaat mit der Botschaft eines heranrückenden, feindlichen Heeres gerettet worden war, der Überbringer dieser rettenden Botschaft aber nach dem Ende seines Laufes über Stock und Stein und in der Ofenhitze eines griechischen Sommers damit auch seinen Lebenslauf zu Ende gebracht hatte.  In einem seiner rar gewordenen Interviews, die auf social media Foren kontroversiell diskutiert wurden, erklärte er:

„…Man sagt ja, dass der Maler dümmer ist als andere Künstler, weil er mit einem Medium arbeitet, das ihn weniger zur Reflexion zwingt. Gute Malerei findet immer unter Einbeziehung der Mediendebatten drum herum statt, der Debatten über das Foto, das Kriegsbild und so weiter. Die meisten Maler interessiert das aber gar nicht. Die beschäftigten sich nur mit malerei-immanenten Dingen und mit ihren Vorlieben, deswegen ist die meiste Malerei auch so doof, und die meisten Maler sind auch doof. Tut mir leid…“

War er mit seiner Kritik zu weit gegangen? Nein, es war weniger seine Kritik, die ihm seine Berufskolleginnen übel nahmen. Nicht damit hatte er den Bogen überspannt. Er war nicht mehr im Trend. Das war es. Andere meinten, er könne einfach nichts Neues mehr schaffen. In Wirklichkeit aber war er zu keiner Zeit mit seiner Bildaussage politischer.  Obwohl er seinem Motiv treu geblieben war, hatte sein Strich nichts Dynamisches mehr.  Es waren zaghafte, zaudernde und in zig Schichten übermalte Texturen, welche das Hinfällige vor allem durch die Bevorzugung der Horizontalen herausstrichen.  Gemarterte  Körper, die – sich vor Schmerzen krümmend – am Boden lagen. Aus den Augen stierte dem Betrachter blanke Angst  entgegen. Da war kein Triumpf mehr selbst im Scheitern, wie in den früheren Gemälden. Als wollte er uns mit den zu Boden gestürzten Läufern vor Augen halten: Schaut her, da ist kein Zielband mehr. Es ist schon durchrissen.  Die lineare Zeitlinie,  auf die ihr euch bezieht, hat am Ende nur den Tod zu bieten.

Man fand ihn in seinem Atelier der Länge nach über eine Leinwand hingestreckt, den Pinsel noch in der Hand, mit dem er begonnen hatte, die Konturen seines nackten, altgewordenen Körpers nachzumalen. als hätte er eine letzte Installation geplant. Er war in der Horizontalen angekommen.

Quelle der Interviewzitate

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