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Chimaira

mannEs saß vor der Tür. Ich konnte es atmen hören, sagte er. Ein Hecheln war es. Wie von einem Hund, der hyperventiliert, weil die Hitze ihm, der ein Fell hat, unerträglich geworden ist. Stoßweise und ohne Rhythmus mit Aussetzern, so dass ich manchmal schon glauben wollte, es ist weg. Es ist vorbei. Es ist ausgestanden. Ich kann die Türe aufmachen und es wird mir nichts geschehen. Es hat sich verzogen. Wie ein Sommergewitter ist es gekommen, kurz und heftig, aber dann, als wäre nichts gewesen, nur in weiter Ferne noch das Grollen eines Donners und lautlose Blitze, Nachboten einer überstandenen Gefahr.

Ich konnte es nicht sehen, sagte er, aber mir vorstellen. Ein Büschel Haare, ja, das war alles. Schwarz. Kein Fell. Dünnes Haar, das die purpurrote und von Flechten überwucherte Haut über dem  Schädelbein frei gibt, wenn ich durch den Spion hinunterzuschauen wage. Aber ich traue mich nicht, denn die Vorstellung von dem Wesen, das da vor meiner Tür hockt, wird ihm insofern nicht gerecht, da es vielleicht noch grauenerregender ist.  Ein Lebewesen etwa, das aus genetisch unterschiedlichen Zellen oder Geweben besteht, eine Mensch-Tier-Chimäre, entkommen aus einem gentechnischen Labor. Das war es, was mir durch den Kopf ging. Vielleicht aber auch ganz harmlos. Ein Mutant, welcher der im Internet kursierenden Aufforderung „Release your inner freak“ nachgekommen ist und sich seither erfolglos bemüht, wieder ich zu werden.

Unbeabsichtigt muss ich eine Taste gedrückt haben. Das System spielt verrückt. Ich wollte keinen Krieg auslösen. Im Radio hört man von Rebellen, die den Flughafen kontrollieren. Die Stellungen der Gegner werden mit Drohnen ausspioniert. Das ist beruhigend. Plötzlich Interferenzen, Knacksen, Rauschen, dazwischen Lautfetzen in fremden Sprachen. Alle Konten gehackt. Das ist beunruhigend. Ruhe finde ich nur noch in meinen Träumen, wenn die hinterlassenen Spuren ausgelöscht sind und das, was ich für mein Ich hielt, sich in Gestalten auflöst, die auf der Suche nach dem Eigentlichen marodierend durch verwüstete Städte hetzen. Manche davon Geiseln einer fremden Macht, die von ihren Hirnen Besitz ergriffen haben. Ohne Gericht zur Arbeitslosigkeit Verurteilte. Zum Gnadenschuss freigegebene Asylsucher, die sich in Kirchen versteckt halten und in der Nacht auf Nahrungssuche ausschwärmen. Jäger und Gehetzte.

Eine von diesen Gestalten, die in einer Genickschusszelle und in vollkommener Dunkelheit  teilnahmslos auf ihre Hinrichtung zu warten scheint, hat sich mit einem Mauergecko angefreundet. Ich kann sie sehen, obwohl sie der Dunkelheit wegen eigentlich unsichtbar bleiben müssten. Der Mauergecko nämlich leuchtet karminrot und erinnert mit seinem Licht an Laternen im Rotlichtmilieu, angebracht über einer ebenfalls rotlichtdurchlässigen Tür, hinter welcher aber keine Sex-arbeiterinnen auf ihr Kunden warten, sondern ein Wächter vor unzähligen Monitoren sitzt, die in Schwarz-Weiß die Träume der Menschen wieder geben,  die in diesem von außen unscheinbar wirkenden Gebäude festgehalten werden, weil sie sich verbotener Gedanken schuldig gemacht hatten.  Es ist ein luzider Traum, denn nur in einem solchen, weiß der Träumer, dass er träumt.  Der Zelleninsasse jedenfalls sieht sich in der Echse gespiegelt. Chamäleons gelten ja als Meister der Tarnung, und der Volksmund meint, sie würden ihre Farbe stets passend zum Untergrund wechseln. „In Wirklichkeit ist das beachtliche Farbwechselvermögen vieler Chamäleons viel mehr ein Instrument zum Ausdruck von Stimmungen und zur innerartlichen Kommunikation als ein Mittel der Tarnung“, wie Wissenschaftler, die, um ihren Arbeitsplatz in Zeiten der Krise zu erhalten, nach lohnenswerten und ihre Tätigkeit legitimierende Forschungsaufgaben suchend, vor wenigen Monaten herausgefunden hatten. „Wir müssen uns beeilen“, wird einer von ihnen zitiert, „da bei anhaltendem Trend die Tiere schon ausgerottet sein werden, bevor wir ihre Daseinsformen dokumentiert haben.“

Auf dem Weg zur Küche, trunken von Schlaf, der sich nicht einstellen will, hört er es wieder, dieses Hecheln, aus dem ein Röcheln geworden ist. Es wird doch nicht etwa sterben wollen und das vor meiner Tür, fürchtete er gerade, als ihm wie die Schuppen des Mauergeckos von den Augen fiel, dass er in einem Traum gefangen und das Wesen vor seiner Tür nichts anderes als seine Angst war.

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