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Schrödingers Ceshire Cat

Der Raum war erfüllt von sich überschlagenden Stimmen, die sich gegenseitig zu übertönen versuchten, bevor sie sich ablösten, um anderen Platz zu machen.  Ulrich versuchte sich die Ohren zuzuhalten. Es half nichts. Sie wüteten in seinem Kopf. Wenn die Blaubeeren reifen, … Ja, und? Was ist dann, wollte er fragen, aber er wusste, dass es keinen Sinn macht. Ein Kind plärrte, eine Frau weinte und ein Mann schimpfte. Dazwischen Fetzen von Musik, wie man sie zu einer Party auflegt, Summertöne, Werbung, dann wieder Phrasen aus Nachrichten, in denen es um kalte und heiße Kriege ging, Wettervorher- und Zeitansagen; dann Schritte schwerer Stiefel und das Rasseln von Schlüsseln, und immer wieder dieser eine Satz: Wenn die Blaubeeren reifen, wird alles gut. Ein chaotisches Durcheinander war es; eine Vielzahl akustischer Botschaften, die aus jedem Zusammenhang gerissen, ihm trotzdem etwas mitteilen wollten. Nur was? Reifen die Blaubeeren nicht jedes Jahr im Herbst? Was wird gut, wenn sie reifen? Was sollte er mit diesem Trost anfangen, und warum sollte er getröstet werden? Was wirklich zu ihm drang, was ihn zunehmend und beinahe ausschließlich in Anspruch nahm, waren nicht diese Fragen, sondern das alles überlagernde und verzweifelte Schreien eines Kindes, das über sein Schreien zu ersticken drohte. Es hämmerte gegen seine Stirnwand, als hätte er es dort in einer der Nebenhöhlen ohne Zufuhr von Sauerstoff eingesperrt.  
Da bist du ja endlich, hörte er plötzlich eine Stimme, die nicht in seinem Kopf war.
Hallo, hier bin ich, rief sie. Hier!
Er drehte sich um, konnte aber nichts und niemanden erkennen. Das Kind hatte ganz plötzlich zu schreien aufgehört; fast, als wäre über ihm ein vertrautes Gesicht aufgetaucht; als hätte die Stimme eine  körperliche Präsenz, für deren Wahrnehmung ihm die Sinne fehlten, denn im Raum war niemand.
Da staunst du, was?, hörte er sie sagen.  Ich bin eine Katze. Nicht irgendeine. Die in der Kiste, in die man mich gesperrt hat. Mach sie nicht auf! Schau dich gar nicht erst um. Mich gibt es nicht. Ich bin nur gedacht. Ich kann’s dir nicht erklären. Es ist wie mit der Zeit. Die Vergangenheit, – so wird behauptet-, ist die Erinnerung in der Gegenwart. Die Zukunft nichts als die Erwartung in der Gegenwart. Die aber gibt es nicht. Definitiv nicht. In einem meiner Träume habe ich die Zeit totgeschlagen, oder hat sie mich totgeschlagen? Seither… Bin ich lebendig oder tot? Was glaubst du?

Ulrich hörte auf, erstaunt zu sein oder gar erschrocken. Zu viel war in der kurzen Zeit geschehen.
Ich bin der lebende, aber nicht sichtbare Beweis, dass zwei Seinszustände und alle Zeit gleichzeitig möglich sind, lispelte sie jetzt. Um diese Behauptung akustisch zu unterstreichen, bemühte sie den Echotrick. Ulrich konnte die Stimme nicht mehr verorten. Sie war einfach überall.
Weißt du, wer das Kind war, das eben noch in deinem Kopf geschrien, die Frau, die geweint, der Mann, der geschimpft hat?
Du wirst es mir gleich sagen, stellte Ulrich fest und ertappte sich dabei, tatsächlich mit einer nicht sichtbaren Katze gesprochen zu haben.
Das ist ja lächerlich, murmelte er.
Die Katze grinste. Sie verschwand, wie sie gekommen war, nur ihr Grinsen blieb im Raum, nachdem er aufgewacht war.

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