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Lucky bottle

Hört und staunt, sagte er, und ein verschmitztes Lächeln glitt über sein pockennarbiges Gesicht, anschaulicher Beweis seiner wagemutigen Forschungsarbeit, Erinnerung an eine Expedition auf einen nur scheinbar unbewohnbaren Exoplaneten, den Exterrestrier Kepler 467 tauften. Ein mikrobenartiges Wesen hatte ein nanokleines Schlupfloch in seinem Schutzanzug gefunden oder ihn durchbohrt und somit infiziert. Eigentlich sollte er wegen der Ansteckungsgefahr zurückgelassen werden. Als Expeditionsleiter allerdings konnte T. Virgil, dessen launig abgefassten Reiseberichte von seinen interdimensionalen Raumflügen zu Kepler476 in aller Munde waren, damals durchsetzen, dass er im Trümmergürtel einer Proxima Centauri nahen Basisstation in Quarantäne kam.

Hört und staunt, eröffnete er den atemlos lauschenden Studierenden der Fakultät für terrestrische Geschichte, wie gelassen dieser Urahne der durch Sintflut untergegangen Zivilisation, über sein tödliches Experiment berichtet. Es ist ein erhellendes, wenngleich erschütterndes, an manchen Stellen sogar äußerst witziges Dokument, das uns gegen alle Anfechtungen beweist, dass wir, ja auch wir –  als hybride Nachfahren dieser terrestrischen Spezies – soziale Wesen sind. Ich gehe davon aus, dass er wusste, es nicht überleben zu können. Ich zitiere:

„…Der Proviant geht zur Neige, Zehen-, Fingernägel und Haare sind so gewachsen, dass gelangweiltes Nasenbohren einer Selbstverstümmelung gleich käme. Ich kann nur hoffen, dass sich die Haare nicht um meinen Hals wickeln. Ich bin in der glücklichen Lage, zwischen vielen Todesarten wählen zu können, von denen Ertrinken und Ersticken nur die augenfälligsten sind…“

Er nahm einen Schluck aus dem Schlauch mit Mundaufsatz, der über einen auf dem Rücken angebrachten Flüssigkeitsbehälter mit einem Bügel hinter dem rechten Ohr angebracht war, und fuhr, die von ihm erzeugte Spannung bis zum äußersten ausreizend, aus den Aufzeichnungen zu lesen fort.

„…Am Anfang ging noch alles glatt. Ich hatte zwar durch die Taufe der Flasche mein Gehör eingebüßt, war aber dann damit zufrieden, dass der Behälter nicht gleich auf den Grund gesunken ist. Meine Flasche wurde bald von einer anderen Strömung erfasst und tanzte auf ihren Wirbeln, doch ich wusste, dass Flaschenpost etwa 14 Stunden für nur eine Drehung braucht. Einige scheren nach Süden aus, andere nach Osten. Oft sammelt sich stinkender Seetang in ihrer Mitte. Viele Flaschen enden in solch einem Strudel mitten im Meer. Nie noch war eine so überdimensional große Flasche in diesen Gewässern unterwegs gewesen. Ich kann sie nicht steuern, nur hoffen, dass sie in der Strömung bleibt. Dies aber ist leider nicht der Fall. Ich hatte mich auf 24 Monate eingerichtet, eine Zeit, die nur einmal unterboten worden war, dann aber steckte ich über 6 Monate, in denen es unaufhörlich geregnet hatte, im Mündungsdelta eines mir unbekannten Stromes fest…“

Ich habe die Flasche an einem Ort unseres schon vor Jahrtausenden aufgegebenen Mutterplaneten gefunden,  den selbst meine geologisch geschulten Reisebegleiter nicht mehr als die Mündung eines Stromes erkennen konnten. Es war eine tafelartige Ebene aus schwarzem Basalt, eingesäumt von einem Feuerring aus Vulkankegeln, die wie Schornsteine aus der hoch verstrahlten Landschaft ragten. Eingekeilt zwischen zwei Felsbrocken, Findlinge einer Endmoräne, hatte die mannsgroße Flasche nicht nur unvorstellbarem Druck stand gehalten, sondern selbst in Perioden infernalischer Hitze oder Kälte keinen Schaden genommen.  Noch immer gibt der Behälter, welchem sich der Mann anvertraut hatte, unseren Forscherinnen Rätsel auf. Immer wieder versetzen uns Funde in grenzenloses Staunen über die Fortschritte, die diese Zivilisation schon gemacht hatte. Proben ergaben, dass er in einem Wasser schwamm, das als Fruchtwasser identifiziert worden war. Es wird noch etliche Umdrehungen von Proxima Centauri dauern, bis das erstaunlich gut erhaltene terrestrische Wesen seine letzten Geheimnisse preisgegeben hat. Die Sprache seines Logbuches wurde zuerst als Code verstanden und konnte so – lange nicht geknackt werden. Einige Paläontologen gingen davon aus, dass es sich um eine Sprache handeln müsse, die nicht mehr übersetzt werden könne, weil sie schon tot war, als das Wesen seine Aufzeichnungen verfasste. Vielleicht wollte es die Nachwelt foppen. Ich für meinen Teil neige eher dazu, alles für bare Münze zu nehmen. Warum sollte es uns in die Irre führen wollen. Es hat fest daran geglaubt, dass seine Botschaft einst entschlüsselt würde. Auch das entnehme ich seinen Aufzeichnungen, die sich wie Bekenntnisse, nein, wie das Vermächtnis einer ganzen untergegangen Zeitepoche lesen. Noah verstehe ich als einen Mann, der durch Umstände, die noch ihrer Enträtselung harren, wieder zum Embryo wurde, der nach der alles verheerenden Katastrophe nichts außer sich selbst zu retten hoffte. Auch seine letzten, in der Universalsprache der untergangenen Spezies abgefassten, fast schon kryptischen Worte, lassen diesen Schluss zu: „I am the message in the bottle.”

Professor Terence Vergil ist Paläontologe. Die Entschlüsselung des Textes ist sein Lebenswerk. Noah’s Tage- oder Logbuch, das einzige schriftliche Zeugnis der Katastrophe, Tage oder wenige Monate nach dem Down-under eines ganzen Kontinents geschrieben, wurde von ihm in universale Sprache übersetzt. Jeder kennt es, aber niemand so gut wie eben Prof. Vergil, der jetzt vor einem überdimensionalen Screen steht und die auf die Leinwand projizierten Fotos und Unterlagen kommentiert. Wir wollen ihn dabei nicht stören. Seine Vorträge sind so gut besucht, dass Stadien angemietet werden müssen, wenn er spricht.

Eben setzt Prof. Terence Vergil eine Brille auf, beugt sich über das auch an die Wand gebeamte Artefakt, und übersetzt frei: „…Eben wurde die Flasche mit mir, seinem Inhalt – Inhalt und Form sind kaum mehr zu trennen – von einem Wesen angegriffen, das mich – aus der Nacht der Zeiten kommend  -zuerst ausdruckslos angestiert hat, dann den mit scharfen Zähnen bewaffneten Rachen aufriss und mich samt Flasche verschlang. Das erste Mal erfasste mich ungeheure Panik, obwohl ich wusste, dass es nur die Angst sein könne, die mich vor der Zeit umbringt. Es war diese absolute Dunkelheit, die sie ausgelöst hat. Nachdem es mir aber gelungen war, meinen Herzschlag mit seinem zu synchronisieren, beruhigte ich mich, und kaum hatte ich mich beruhigt, hatte uns dieses Ungeheuer auch schon wieder ausgespuckt. Als ich aber feststellen musste, dass wir an den Rand eines tosenden Mahlstroms geraten waren, der uns jeden Augenblick in sein Auge blicken und mit ihm den Tod sehen lassen würde, überkam mich eine seltsame Gleichmut oder Gleichgültigkeit. Dem Tod entkommen, hatte ich ihn immer vor Augen…“

Die Brille wieder in ihrem Etui verstauend, erklärt der Professor, warum er diese Passage aus dem Logbuch gewählt hat: Ich will noch einmal herausstreichen, mit welcher Meisterschaft der Autor, der ja selbst die Botschaft sein will, sich in das Bild eines Zeitreisenden rettend, seine Eindrücke zu Papier gebracht hat. Keine gesuchten Einfälle in der Darstellung seines Leidens- oder Lebensweges lenken den Leser von dieser Erzählung ab.

Sein Lebensweg, den er auf seiner Reise mit lucky bottle, der er sich selbst als Post und Botschaft anvertraut hatte, akribisch nachzeichnete, ist ein großartiges Beispiel selbst-zerstörerischer Lebenskunst, die wir heute Performance nennen würden, und es ist nur folgerichtig, dass sie in einem beinahe pränatalen und nicht postmortalen Zustand mündet.

Wir sehen ihn straucheln und sich wiederaufrichten, und diese Bewegungsabfolge, die wir aus heutiger Sicht als ein Scheitern sehen, das niemals aufgibt, ist bis in unsere Zeit zum Inbegriff des Heldischen schlechthin geworden.

Auch wenn Noah oft das größenwahnsinnige Empfinden hatte, jetzt etwas gedacht zu haben, was niemand oder jemand nie vor ihm gedacht haben konnte, blieb er bescheiden. Das musste er auch sein, da er seine Erkenntnisse mit niemandem teilte, der sie als wegweisend zu durchschauen vermocht hätte. Seinem Logbuch folgend hatte er sich schon in jungen Jahren von Strömungen begeistern lassen, die eine einer Flasche anvertrauten Nachricht über Kontinente und Jahrhunderte hinweg zurückhielten, bis sie sie frei gaben auf einer Insel oder an einem weit entlegenen Ufer als Treibgut, mit dem Ebbe und Flut ihr Spiel trieben. Jemanden zu finden, der seine Botschaften enträtseln würde, war seine einzige und größte Hoffnung. Gleichzeitig wusste er, dass ihm zu seinen Lebzeiten diese bis in seine Träume hinein erhoffte Begegnung mit einem Gleichgesinnten vorenthalten bleiben würde. Trotzdem stürzte er sich mit Eifer in diese ihm von inneren Stimmen befohlene Aufgabe, jeden Tag eine solche Flasche in die trüben Fluten eines nahe gelegenen Flusses zu tauchen. Kein noch so gut gemeinter Rat konnte ihn davon abhalten. Man hielt ihn zu Recht für einen psychiatrischen Fall, der nur noch einer Etikettierung bedurfte, als er die Öffentlichkeit wissen ließ, dass in ihm die Idee gereift sei, sich selbst in eine solche Flasche zu zwingen und den Strömungen auszusetzen.

Wir, die wir heute in Flaschen abgefüllt zur Welt kommen, jeder der Botschafter seiner eigenen Weltanschauung, die er aus einer Flasche heraus und von anderen Flaschen mit dem Etikett „Lies mich!“ gewonnen hat, können nur schwerlich ermessen, welches Entsetzen das bei den Zeitgenossen von Noah hervorgerufen haben muss, sich selbst einer Flasche und diese den täglich wechselnden Ripströmungen der Meere auszuliefern. Versuchen wir uns das vorzustellen:

Er lässt sich eine lichtdurchlässige Flasche bauen, indem er die Konstrukteure anweist, sie mit etwas Proviant und seinem Lebendgewicht gefüllt so auszutarieren, dass mehr als ein Drittel samt Korken aus dem Wasser schaut, damit auch der Wind seinen Beitrag zum schnellen Transport leisten könne. Die Flasche ist fertig. Er hat Monate zugebracht, sich in luftdicht abgeschlossenen, engsten Räumen aufzuhalten, über Rebreather zu atmen, wie es die Höhlentaucher tun, und ist mental und physisch vorbereitet. Außerdem steigen die Wasserspiegel und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis auch sein Kontinent überspült sein wird, wie die Nachrichten jener Zeit vorauszusagen nie müde wurden. Jetzt war es soweit.

Die Taufe ist vollzogen. Schon diese allein hätte dem Unternehmen ein Ende bereiten können, da die Sektflasche aus viel zu großer Entfernung und einem falschen Winkel auf lucky bottle eingeschlagen hatte, sodass Noah sofort betäubt und es auch geblieben war, wie ich seinen Logbuchaufzeichnungen entnehmen habe können. Möglicherweise weil sie Daten enthalten, die auch unserer Zivilisation ein baldiges Ende prophezeien, werden ja – wie sie wissen – leider Teile von diesem unglaublich wichtigen Dokument noch immer unter Verschluss gehalten. Aber bleiben wir bei diesem Akt kurz vor der großen Flut, an die niemand ernsthaft glauben wollte, obwohl – wie er schreibt – immer öfter Millionenstädte evakuiert werden mussten. Wir sind noch immer beim Tauchgang oder bei der Wasserlegung der Flasche, von der er an anderer Stelle schreibt, dass sie mit ihren Ausbuchtungen einer anderen Flasche nachgebildet war, aus der damals weltweit eine braune Flüssigkeit getrunken worden ist:

„Die Flasche selbst wäre sicherlich geborsten, wäre sie nicht aus recycelbarem Glas hergestellt worden, einer Rezeptur übrigens, die … – wie er an anderer Stelle ausführt – …“in den Wirren der seit Jahrhunderten andauernden Kriege schon für verloren geglaubt war. Nach der Taufe hatte die Flasche noch eine Prüfung zu bestehen. Nicht die letzte, aber eine, die bei einem Nichtbestehen genauso gut mein Ende, und nicht nur das meines Unternehmens hätte bedeuten können. Stapellauf konnte man ja nicht gut sagen, da lucky bottle wie bei Yachten oder Segelbooten, die man über den Winter aus dem Wasser holt, um sie zu kalfatern, jetzt mit einem kleinen Kran und unter dem Gelächter einer Menge, die mich schon bei anderen nicht weniger skurrilen Unternehmungen bestaunt hatten, in die braunen Fluten eines Flusses getaucht wurde…“

Ich will mir kein Urteil anmaßen. Ereignisse, wie sie eine drohende Sintflut darstellen, können und dürfen nur aus ihrer Zeit heraus interpretiert werden. Jetzt sind uns aber aus dieser Zeit keine Zeugnisse außer eben dieses auf uns gekommen, was uns in die Verlegenheit bringt, die Auskünfte, die es uns gibt, als wahr anzusehen. Wenn man Noah Glauben schenken will, soll es damals nämlich sogar schon Regierungen gegeben haben, die in Taucheranzügen ihre Beschlussfassungsfähigkeit unter Wasser übten, aber auch Präsidenten, die unter einem Regenschirm in der Wüste Durchhalteparolen ausgaben.

Noch etwas zum Namen der Flasche, weil ich das immer wieder gefragt werde: Noah taufte die mannsgroße Flasche auf den Namen „Lucky bottle“, weil zu jener Zeit unter diesem Namen eine Flasche berühmt wurde, die ein gewisser Adam, Fischer eines hoch im Norden gelegenen Dorfes, zwischen Steinen und einer Astgabel eingeklemmt im Sand liegen fand. „Erst dachte ich, es ist mal wieder Müll, aber in der Flasche steckte ein zusammengerolltes Stück Papier“, sagte er den Journalisten, die ihn für 5 Minuten zum Star der Insel machten. „Ich nestelte den Zettel aus der Buddel und las die Botschaft: Das ist eine Flaschenpost. Bitte werfen Sie sie nicht zurück ins Wasser.“ Daneben stand die Zahlenreihe -05-11-6 und eine E-Mail-Adresse. Nie noch war eine Flaschenpost so schnell unterwegs gewesen. Der Fund bescherte ihm nicht nur kurzfristige Berühmtheit, sondern auch eine langjährige Brieffreundschaft mit einem Mädchen namens Ayleen, das beinahe seine Frau geworden wäre. Das aber ist wieder eine andere Geschichte.
Eben hatte Professor Terence Vergil seine Vorlesung gehalten. Jetzt starrte er trübsinnig aus dem Fenster seiner Wohnung, einer Art Bullauge, und wurde den Verdacht nicht los, dass nicht nur er, sondern der ganze Planet wie eine überdimensionale Flaschenpost schneller als Schall und Lichtgeschwindigkeit durch das Universum kreiste oder schon in einem schwarzen Loch implodiert war, in welchem Zeit keine Rolle mehr spielte.
In der Hand hielt er eine Papyrusrolle, deren Schrift sich beim Lesen selbst zerstörte:
„Freund, es ist genug. Im Fall du mehr willst lesen, so geh und werde selbst die Schrift und selbst das Wesen.“ (Angelus Silesius, Cherubinischer Wandersmann, VI. 263: 1675)

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