Gemischtes Publikum

Eine Taxifahrt kann sehr kurzweilig werden, wenn man Fragen stellt und mit dem Lenker in ein Gespräch kommen will. Der Fahrgast fragt, um das Gespräch zu eröffnen: Wie lange müssen’s denn heut noch fahren?

Das kommt drauf an, sagt dieser. Wenn es Entgleisungen gibt oder Unfälle, dann länger. Vor zwei Jahren zB., sind zwei Züge aufeinanderprallt, haben sich ineinander verkeilt wie die Ringer am Nachmarkt. Da hat es dann einen Kran gebraucht, um die wieder auseinander zu kriegen die Loks. Aber wie der Kran da war und aufgestellt, ist er wieder umgefallen. So ein Tomakran ist das gewesen, wie man ihn auf den Baustellen sieht, wissen’s. Da kriegt man erst mit, wie schwer solche Lokomotiven sind. Nachdem das mit dem Kran nicht geholfen hat, haben’s vom Bundesheer ein Spezialkran ang’fordert; aber die einzelnen Teile von dem Kran sind so schwer, dass es wieder ein eigenes Fahrzeug braucht hat, weil mit der Bahn ist man ja nicht mehr hingekommen. Eh logisch. Die ganzen Oberleitungen kaputt. Jetzt haben’s warten müssen, die Tieflader. Die brauchen nämlich eine Genehmigung. Ruinieren sonst den Belag von der Straße. Solche Fahrzeuge hat man ja erst erfinden müssen, die was solche schwere Sachen wie den Kran transportieren können. Jetzt stellen Sie sich das vor. Das müssen’s sich einmal vorstellen, wer da zuerst alles miteinander hat telefonieren müssen, bis der Tieflader auf die Straße hat dürfen.  Das waren Telefonate bis hinauf zum Chef. Das kann nicht ein jeder so einfach bewilligen. Bis die also auf der Straße waren, der Kran, dann der Tieflader mit dem Kran, der den, der umg’fallen ist wieder hätt‘ aufrichten sollen, und wie lang das alles ‚braucht hat, bis da waren und die Lokomotiven auseinanderdividiert haben: Eine stundenlange Verspätung ist das g’wesen. Es war der einzigste Bahnübergang weit und breit, müssen’s wissen. Und umkehr’n? Keine Chance, sag ich ihnen. Keine Chance nicht. Und ein Lärm, ein Gehupe ist das g’wesen. Als würde das was nützen, wenn man hupt, wenn ein Unfall ist. Die mit der Routine wie ich, die haben’s natürlich leichter in so einem Fall, weil die haben die Geduld, die‘s braucht‘, dass man wartet, wenn man nichts anderes tun kann und sich nicht aufregt, weil eh nichts nützt. Die mit der Routine, die können warten. Die haben Disziplin. Am Standplatz tust ja auch nichts anders wie warten, dass wer kommt und will, dass man ihn wohin führt, stimmt’s? Aber die Kinder? Kinder können nicht warten, stimmt’s? Die haben die Geduld nicht. Die wollen weiter. Die haben einen Drang, dass sie sich bewegen. Aber es gibt ja auch Erwachsene, die kein Geduld kennen und sind wie die Kinder. Da ist also der g’sperrte Bahnübergang und kein Fortkommen nicht. Nicht vor und nicht zurück. Ein Stau bis St.Pölten. Da kannst nichts machen. Rein gar nichts. Das ist Schicksal. Das zahlt dir niemand. Kein Chef nicht. Der wär ja blöd, wenn er das zahlen müsst‘. Da könnt‘ er ja gleich zusperr’n. Wissen’s, was ihm das kostet? Aber erst mir? Das kann mir keiner zahlen, was ich da verlier. Da tun mir die Fahrgäste leid. Aber ich hab mich immer einigen können. Blöd ist’s, wenn das auf dem Weg zum Bahnhof oder Flughafen passiert. Aber es kommt nicht so oft vor. Heut muss ich noch bis um drei in der Früh fahren.  Dann hab ich Feierabend. Außer es stoßen wieder zwei zusammen. So ist das in mein Beruf.
Hat es auch Tote gegeben, damals bei dem Unfall, fragt der Fahrgast, und wappnet sich schon für die nächste Suada.
Ja, sagt er, Tote und Verwundete. Gemischtes Publikum halt, wie immer, wenn so was passiert.

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