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Chimaira

ES saß vor der Tür. Er konnte ES atmen hören. Ein Hecheln war es. Wie von einem Hund, der hyperventiliert, weil die Hitze ihm, der ein Fell hat, unerträglich geworden ist. Stoßweise und ohne Rhythmus mit Aussetzern, so dass er manchmal schon glauben wollte, ES sei weg. ES sei vorbei. ES sei ausgestanden. Ich kann die Türe aufmachen und es wird mir nichts geschehen. ES hat sich verzogen. Wie ein Sommergewitter ist ES gekommen, kurz und heftig, aber dann, als wäre nichts gewesen, nur in weiter Ferne noch das Grollen eines Donners und lautlose Blitze, Nachboten einer überstandenen Gefahr…

Er konnte es nicht sehen, aber sich vorstellen. Nicht lebendig, nicht tot. Ein Programm, das einen Prozess in Gang setzt. Ein Algorithmus etwa? Vielleicht etwas mit künstlicher Intelligenz Vergleichbares, das selbstlernend etwas Neues, nie Dagewesenes, ein Monster schuf? ES ist so fremd, wie ein elfdimensionales Wesen nur sein kann. ES hat ein Grinsen im Gesicht, das ihn an den Joker im Film erinnert, wie er vor dem Spiegel steht und mit den Zeigefingern der rechten und linken Hand das Clown geschminkte Maul in die Breite zieht. Ein Büschel Haare, ja, das war alles, was er zu sehen bekäme. Schwarz. Kein Fell. Dünnes Haar, das die purpurrote und von Flechten überwucherte Haut über dem Schädelbein frei gibt, wenn er durch den Spion hinauszuschauen wagte. Aber er traute sich nicht, denn die Vorstellung von dem Wesen, das da vor seiner Tür hockt, wird ihm nicht gerecht, da ES vielleicht noch grauenerregender ist. Ein Lebewesen etwa, das aus genetisch unterschiedlichen Zellen oder Geweben besteht, eine Mensch-Tier-Chimäre, entkommen aus einem gentechnischen Labor. Das war es, was ihm durch den Kopf ging. Vielleicht aber auch ganz harmlos. Ein Mutant, welcher möglicher-weise der Aufforderung „Release your inner freak“ nachgekommen ist und sich seither erfolglos bemüht, wieder ich zu werden. LOL…

Auf dem Weg zur Küche, trunken von Schlaf, der sich nicht einstellen will, hört er ES wieder, dieses Hecheln, aus dem ein Röcheln geworden ist. ES wird doch nicht etwa sterben wollen und das vor meiner Tür? Das fürchtet und hofft er gerade, als ihm wie Schuppen von den Augen fällt, dass er in einem Traum gefangen und das Wesen vor seiner Tür nichts anderes als seine Angst ist, die ihm das Virus eingejagt hat.

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