Wenn die Blaubeeren reifen

Der Raum war erfüllt von Stimmen. Er hielt sich die Ohren zu. Es half nichts. Eine im Stimmbruch tat sich besonders hervor. Die Stimme wiederholte ein ums andere Mal: Wenn die Blaubeeren reifen, in hundert Tagen …
Ja, und? Was ist dann? wollte er fragen, aber er wusste, dass es keinen Sinn macht. Ein Kind plärrte, eine Frau weinte und ein Mann schimpfte. Dazwischen Fetzen von Musik, wie man sie zu einer Party auflegt; Summertöne, Werbung, dann wieder Wortbausteine aus Nachrichten, in denen es um Inzidenzen ging, Wettervorher- und Zeitansagen; dann Schritte schwerer Stiefel und das Rasseln von Schlüsseln, und dazwischen immer wieder dieser eine Satz: Wenn die Blaubeeren reifen, wird alles gut. Nur noch 100 Tage. Ein chaotisches Durcheinander war es; eine Vielzahl akustischer Botschaften, die aus jedem Zusammenhang gerissen, ihm trotzdem etwas mitteilen wollten. Nur was? Reifen die Blaubeeren nicht jedes Jahr? Was wird gut, wenn sie reifen? Was sollte er mit diesem Trost anfangen, und warum sollte er getröstet werden? Was aber wirklich zu ihm drang, waren nicht diese Fragen, sondern das verzweifelte Schreien eines Es, das über sein Schreien zu ersticken drohte. Es hämmerte gegen seine Stirnwand, als hätte er Es dort in einer der Nebenhöhlen ohne Zufuhr von Sauerstoff eingesperrt. Es verlangte so sehr nach seiner Aufmerksamkeit, dass ihm gar nichts anderes übrigblieb, als dieser Stimme sein Gehör zu schenken.
Er drehte sich um, konnte aber nichts und niemanden erkennen. Es hatte plötzlich zu schreien aufgehört; fast, als wäre über ihm ein vertrautes Gesicht aufgetaucht. Die Stimme hatte eine körperliche Präsenz, für deren Wahr-nehmung ihm die Sinne fehlten, denn im Raum war niemand. Er hörte auf, erstaunt zu sein oder gar erschrocken. Zu viel war in letzter Zeit geschehen.
Du musst wollen, ermahnte sie ihn Die Stimme hatte er schon öfter gehört, konnte ihr aber kein Gesicht geben, dafür aber Hände, die mit ausholender Gestik an den Hampelmann erinnerte, der über seinem Bett hing, als er selbst noch ein Kind war. In hundert Tagen wird alles vorbei sein, … wiederholte die Stimme; um diese Behauptung akustisch zu unterstreichen, bemühte sie den Echotrick. Sie war jetzt überall, verschluckte aber das Wenn und damit seine Bedingung.
Was muss ich wollen? Was ist mit den Blaubeeren? fragte er noch einmal.
Was hast du nur mit den Blaubeeren? antwortete Es, und die Stimme verschwand, wie sie gekommen war; nur ihr Grinsen blieb im Raum, jetzt, wo er wach war.

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