Wenn die Blaubeeren reifen

Der Raum war erfüllt von Stimmen. Der Raum war mein Kopf. Ich hielt mir die Ohren zu. Es half nichts. Eine im Stimmbruch tat sich besonders hervor. Die Stimme wiederholte ein ums andere Mal und klang nach Schalmei und Rattenfang: Bald ist es so weit. Bald werden die Blaubeeren reifen …

Ja, und? Was ist dann? wollte ich fragen, aber ich wusste, dass es keinen Sinn macht. Ein Kind plärrte, eine Frau weinte und ein Mann schimpfte. Dazwischen Fetzen von Musik, wie man sie zu einer Party auflegt; Summertöne, Werbung, dann wieder Wortbausteine aus Nachrichten, in denen es um Inzidenzen ging, Raketen, die auf Städte fielen, Wettervorher- und Zeitansagen; dann Schritte schwerer Stiefel und das Rasseln von Schlüsseln; dazwischen immer wieder dieser eine Satz: Bald sind sie reif. Nur noch 100 Tage. Wenn die Stimmbruchstimme noch vor kurzem nach Gebetsmühle geklungen hatte, hämmerte sie nun gegen meine Stirnwand, als hätte ich sie dort in einer der Nebenhöhlen ohne Zufuhr von Sauerstoff eingesperrt. Sie verlangte so sehr nach meiner Aufmerksamkeit, dass mir gar nichts anderes übrigblieb, als ihr mein Gehör zu schenken.

Ich drehte mich um, konnte aber nichts und niemanden erkennen. Fast, als wäre über mir ein vertrautes Gesicht aufgetaucht, hatte die Stimme plötzlich eine körperliche Präsenz, für deren Wahrnehmung mir aber die Sinne fehlten; da war niemand und trotzdem füllte sie den Raum. Nicht nur den in meinem Kopf. Sie brachte sich mit immer neuen Ankündigungen in Erinnerung. Ich hörte auf, erstaunt zu sein, wenn nichts davon eintraf. Porentief war ich ihr ausgeliefert. Wenn sie einmal ausbleiben sollte, kann nur Unerhörtes geschehen sein. Davon war ich überzeugt. Ich fürchtete es nicht. Im Gegenteil: Ich erhoffte es.

Genug ist genug! Jedes Wort wird mir im Mund umgedreht… Da war sie wieder, die Stimme, und sie klang weinerlich; die Stimme hatte Hände, die mit ausholender Gestik an den Hampelmann erinnerte, der über meinem Bett hing, als ich noch ein Kind war. In hundert Tagen wird alles vorbei sein. Versprochen… wiederholte sie. Um diese Behauptung akustisch zu unterstreichen, bemühte sie den Echotrick. Sie war jetzt überall, war weiblich, dann wieder männlich, dann die einer Mutter, verschluckte aber das Wenn und damit seine Bedingung.

Was ist mit den Blaubeeren? versuchte ich es noch einmal.

Was hast du nur immer mit den Blaubeeren? antwortete die Stimmbruchstimme. Dann war es plötzlich still und sie verschwand, wie sie gekommen war; nur ihr Katzengrinsen blieb im Raum, jetzt, nachdem ich wach war.

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