Das Volk sein

Seine beste und einzige Freundin war die mit dem Schlüssel, den sie wie eine Kette um den Hals trug, weil ihre Eltern arbeiten mussten. Sie hieß Klara. Die anderen Nachbarskinder waren schon etwas älter und wussten nichts mit Erich und noch weniger mit ihr etwas anzufangen. Heute aber hatte Bohnenstange die Idee, dass die beiden doch das Volk spielen könnten. Bohnenstange war der Bruder von Erich, um Einiges älter und einer, der nicht einen Augenblick still halten und ohne Mutproben nicht leben konnte. Das Volk zu sein, wurde ihnen aber bald fad, weil sie nicht wussten, wie sie sich als Volk verhalten sollten, außer, dass sie immer haau sagen mussten, wenn Bohnenstange, der sich eine Hahnenfeder ins Haar gesteckt hatte, um wie ein Indianerhäuptling auszusehen, etwas von sich gab, was wie ein Befehl klang; Rübenack hat Frösch im Sack aber wollte auch Häuptling sein. Auch er hatte sich mit einer weißen Hühnerfeder geschmückt. Es konnte aber keine zwei Häuptlinge geben. Einer von beiden musste sich damit begnügen, ein einfacher Indianer zu sein. Das konnte nur in einem Zweikampf oder wie immer durch eine Mutprobe entschieden werden. Die Mutprobe bestand darin, einen Pfeil in den Himmel zu schießen. Der Pfeil ist aus Schilfrohr. An seinem Ende, von dem das Mark entfernt worden war, steckt ein langer Nagel. Mit dem wird er sich – nachdem am Scheitelpunkt seines Fluges die Schwerkraft ihn zur Umkehr gezwungen hat, in die Erde bohren, fast genau dort, wo jetzt Bohnenstange steht: in einem von Steinen aufgeschichteten Kreis in der Mitte der Wiese. Er darf den Kreis nicht verlassen.
Der Pfeil hat kaum gedreht, stürzt Bohnenstange davon. Will fliehen. Das geht aber nicht: Eine Kuh versperrt ihm den Weg. Sie ist wütend. Der Pfeil hat sich in ihren Nacken gebohrt. Sie steht ganz still und schaut ihn an. In der kuppelförmigen Krümmung des Kuhauges spiegeln sich Wiese, Himmel und Bohnenstange in kurzer Lederhose, der ebenso gelähmt dasteht wie sie. Plötzlich aber schließt sie die Augen, senkt ihren Kopf, scharrt wütend mit den Hufen ganze Grasbüschel aus der Wiese und hält auf ihn zu: „Renn!”, ruft Rübenack hat Frösch im Sack. „Renn!“ rufen Erich und Klara, die von der Straße aus zugeschaut haben „Renn, vielleicht schaffst du es.“
Rübenack hat Frösch im Sack hätte keine Chance gehabt. Viel zu dick. Aber was er nicht in den Beinen hatte, hatte er im Kopf. Sein Freund Bohnenstange hält auf den Stacheldraht zu, der wegen der Kühe elektrisch geladen ist, hechtet durch den Zaun auf die geteerte Straße, wo er zerschrammt und keineswegs in Sicherheit liegen bleibt. Die Kuh hat sich mit gesenkten Hörnern im Stacheldraht verfangen. Bohnenstange hört das Toctoc, das durch den Draht pocht. Es ist lauter als sein Herzschlag. Er hört das Schnauben aus dem feuchten Maul der Kuh, die jetzt, – kurz bevor sie ihn aufspießen wird -, das Toctoc des elektrisch aufgeladenen Zaunes auf sich wirken zu lassen scheint. Er sieht, wie Erich und Klara, aber auch Rübenack hat Frösch im Sack und alle machen quackquackquack mit ihren Händen die Augen zudecken, um nicht sehen zu müssen, was sie befürchten;
Nach einer Ewigkeit in Schockstarre befreit die Kuh ihre Hörner aus dem Stacheldraht, verliert dabei auch den Pfeil, schnaubt noch einmal hörbar, peitscht mit dem kotverkrusteten Schwanz ihren Rücken und trottet davon.
Bohnenstange hatte noch nicht genug. Er stand auf, spuckte in seine verschrammten Hände und fragt in die Runde: Was glotzt ihr so blöd?
Erich bewunderte seinen Bruder. Er an seiner Stelle würde jetzt weinen und sich von seiner Großmutter trösten lassen. Bohnenstange war voller Ideen, was man sonst noch so mit dem Volk, das heißt mit Erich und Klara anstellen könnte. Sie könnten zum Beispiel auch Feinde sein. Dieser Vorschlag wurde mit mehrstimmigem Haaau begrüßt und angenommen. Und was tut man mit Feinden? Man könnte sie ja an einen Marterpfahl binden, schlug Rübenack hat Frösch im Sack vor. Und das machten sie dann auch. Sie holten Stricke und banden Erich und Klara an die Teppichstange im Garten der Nachbarn.
Eigentlich hätten sie jetzt ein Feuer machen müssen, einen Tanz um sie herum aufführen und dann im Kreis sitzen, um zu beratschlagen, was nun zu tun sei; das wusste Erich aus einem Buch, das er einmal geschenkt bekommen hatte und viele farbige Abbildungen von verschiedenen Indianerstämmen enthielt; ein Bild, das ihn am meisten beeindruckt hat, zeigte das Innere eines hohen Zeltes, das aus rauer, orangeleuchtender Jute gewoben war; oder es war die Sonne, die von außen durch den Stoff drang und ihm dieses leuchtende Orange schenkte. Unter der Kuppel des Zeltes war ein junger Indianer mit einem athletischen und bronzefarbenen Körper mit zwei dünnen Fäden aufgehängt worden, die unter der Haut an seiner Brust eingefädelt waren und sie bis zum Zerreißen aufspannte; auf dem Zeltboden saßen Männer mit überkreuzten Füßen und ließen eine Pfeife herumgehen, schienen aber von den Qualen, die der junge Mann auszustehen hatte, keine Notiz zu nehmen. Stundenlang konnte Erich in diesem Buch blättern und immer wieder diese Seite aufschlagen und sich so in dieses Bild hineindenken, dass er die Hitze zu spüren vermeinte, die in diesem Zelt herrschte; er roch den Tabak der Pfeife, aber auch den Schweiß des Gemarterten, und fragte sich, was er wohl verbrochen haben muss, dass er zu dieser Strafe verurteilt worden ist. Als ihm seine Oma erklärte, dass der junge Mann das freiwillig mache und sich diesem Schmerz als einer Prüfung aussetze, um zu beweisen, dass er nun ein ganzer Mann sei, verstand er gar nichts mehr. Er wollte ja auch groß werden, aber nicht so.
Das hier war ein Spaß dagegen; sie machten zwar kein Feuer, weil sie keine Zündholzer fanden, steckten den beiden aber verrotzte Taschentücher als Knebel in den Mund, und begaben sich auf Kriegspfad. Von diesem sind sie allerdings nicht mehr zurückgekehrt, weil sie die beiden komplett vergessen hatten. Erichs Oma, und die Eltern von Klara, die sich die Lunge nach ihnen ausgeschrien hatten, nachdem sie von der Arbeit heimgekommen sind, haben sie dann entdeckt, wie es schon dunkel war. So wütend hatte er die Eltern von Klara noch nie gesehen.
An diesem Abend hatte er sich nichts sehnlicher gewünscht, als schnell groß zu werden, um nicht immer ein Opfer sein zu müssen. Dann hätte er Klara imponieren können, indem er zuerst sich selbst, und dann sie aus den Fesseln befreit. Wie er das anstellen würde, wusste er zwar noch nicht, aber er würde Mittel und Wege finden. Da war er ganz sicher. Aber zuerst müsste er groß sein. Dass er es noch nicht war, machte ihn traurig. Gleichzeitig war er auch ein bisschen stolz. Er hatte eine schwere Prüfung bestanden. Er war zwar nicht unter der Kuppel eines Zeltes gehangen, wie ein Stück Fleisch, das man zum Trocknen in die Sonne hängt, aber er war stundenlang an einer Teppichstange fest-gebunden gewesen mit einem Knebel im Mund. Das war nicht nichts, auch wenn es für seinen Bruder genau das war: Nichts. Nichts Heldenhaftes jedenfalls. Er nämlich ist vom Bauer verprügelt worden, als er nichtsahnend die Milch holen ging.

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