Digital Detox

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Selbsttest mit digital detox

Auf der Suche nach einer webbasierten Information, die es ihm erlauben würde, seine Credibility als Autor eines Weblogs unter Beweis zu stellen, geschieht es ihm immer öfter, dass er auf Seiten landet, die seine Aufmerksamkeit so einfordern, dass er über sie sein ursprüngliches Anliegen vergisst. So wird ihm das Zappen mit der Fernbedienung oder das Navigieren im Netz mithilfe von Suchbegriffen, mit denen er von einem Hyperlink zum andern und von einem Thema zum nächsten springt – was er als Recherche verstanden wissen will – zunehmend zum Fluch, weil es entweder die Grenzen seiner Aufnahmekapazität auf der neuronalen Festplatte seines Gehirns sprengt oder dazu führt, dass er am Ende seiner Netzaktivitäten nicht mehr weiß, was Sache ist oder war. Die zeitsouveräne individuelle Programmgestaltung für Informationserwerb erfordert eine Disziplin, die nur erwirbt, wer Prioritäten setzen kann. Er besitzt diese Fähigkeit nicht.

Er muss sich doch weder von Einschalt- noch von Begleitmedien, weder live, digital oder analog, noch zeitsouverän informieren oder unterhalten  lassen. Er kann sich doch aus alledem heraushalten, wenn ihn das überfordert, könnte ihm jetzt ein wohlwollender Leser entgegenhalten.

Er winkt ab. Ein gutgemeinter Vorschlag, aber auch das hat er schon versucht.

Digital Detox – so heißt das jetzt, wenn man Auszeit aus der Onlinewelt nehmen will. Das aber bedarf einer Übung, die nichts anderes als eine Selbstauslöschung zum Ziel hat. Außerdem ist ein Leben außerhalb des Zeitstroms vielleicht ein Ziel für Aussteiger oder Mönche. Aber auch die hätten es schwer, da sie auch kein Buch mehr in die Hand nehmen dürften. Im Gegenzug schlägt er seinem imaginierten Gesprächspartner vor, es einmal selbst versuchen zu wollen, auch nur für Stunden keine Information mehr zuzulassen, – ob digital oder analog. Kann das gelingen? Infoscreens beim Warten auf die U-Bahn oder beim Augenarzt ignorieren, Plakatwände mit Werbung, Gratis-Zeitungen, die herumliegen und dir ihre Schlagzeilen entgegenbrüllen, ignorieren? Wie? Nein: Du entkommst ihr nicht der Information mit allen ihren Signalformen. Genaugenommen sind auch die ikonografischen Leitsysteme, die den Verkehr regeln, Information, wenn sie als Wissen definiert wird, das Absender an Empfänger über ein Medium  vermitteln.

Entkommst du ihr in der Fremde? Eher. Aber dort sind die „Pforten unserer Wahrnehmung“ vor allem damit beschäftigt, die für uns nicht decodierbaren Zeichen in unsere Sprache zu transkribieren, um uns zurechtzufinden: Eine Leistung, die auch wieder mit Daten- und Signalverarbeitung, also mit Information zu tun hat. Speichern, vergessen, verarbeiten und sich über Verarbeitetes austauschen oder verständigen wollen oder es für sich zu behalten, bestimmen den Umgang mit Wissen, das aus den Informationen gespeist wird.

Eben gelesen, dass Bienen Schwarzweiß sehen. Was fange ich nun damit an? fragt er sich. Hat es nicht auch eine Zeit gegeben, in der das Fernsehen schwarzweiß war und wir die Welt wie die Bienen wahrgenommen haben? Nicht ganz, da wir keine Facettenaugen haben und nur 60 Bilder pro Sekunde verarbeiten können, während schnellfliegende Insekten mit ihren Ommatidien nicht nur über 300 Bilder pro Sekunde aufnehmen, sondern auch ein ungleich größeres Blickfeld haben. Nein: Nur keine Facettenaugen, um noch mehr Datenflut verarbeiten zu müssen. Ist das ein unzulässiger Vergleicht? Wenn Bienen in den Stock zurückkehren, um mit Schwänzeltanz ihre Artgenossen auf Futterquellen aufmerksam zu machen, erinnert es ihn an das inflationäre Posten von Befindlichkeit auf Facebook etwa oder anderen social Mediakanälen. Da wird geteilt und „gelikt“, dass es eine Freude ist. Aber du freust dich ja auch, gibt eine Stimme zu Bedenken, wenn du wieder einen neuen Follower für deine Beiträge gewinnen konntest. Oder etwa nicht? Und es interessiert dich, was andere denken. Oder etwa nicht?

Ja jaja, hast ja Recht, sagt er und würgt die Stimme ab. Jetzt aber mache ich Ferien und nehme Urlaub von digitaler und analoger Infodialyse!, fügt er trotzig hinzu.

Vergiss das Kabel nicht?, ruft ihm eine Stimme nach.
Welches Kabel?, fragt er. Na, das für dein Smartphone. Zum Aufladen. Nach deinem Selbsttest heute. Hahaha. LOL.

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