Das Eigentliche

Eigentlich, sagt sie, und stutzt: Eigentlich, beginnt sie wieder und fragt mehr sich selbst: Was heißt das? Eigentlich. Was ist das für ein Wort? Ich bin, sagt sie, ein Leben lang auf der Suche nach dem Eigentlichen gewesen. Vielleicht – und ein kleines, trauriges Lächeln huscht über ihr Gesicht – ist das Leben zu leben das Eigentliche, um das es geht. So gesehen habe ich das Eigentliche verpasst.

Ein Stock fliegt über ihren Kopf hinweg. Ein Gehstock mit einem runden Griff und einem schwarzen Gummipfropfen am anderen Ende zum besseren Halt auf rutschigen Oberflächen. Einer, wie ihn Mutter verwendet hat, wenn sie in tiefgebückter Haltung die Straße entlang schlürfte, um dort, wo sie zum Bahnwärterhäuschen hinunterführt – wie ein Schiff am Horizont – immer kleiner werdend zu verschwinden. Geräuschlos und obwohl er aus Holz ist, sinkt er wie ein Stein, ohne wieder aufzutauchen.

Wir sitzen auf einer Treppe, deren Stufen weiter unten im Wasser münden. Du tust ja so, antworte ich in das entstandene Schweigen hinein, als wärst du schon tot oder hättest nie wirklich gelebt?

Sie steht auf und geht die Treppen hinunter. Was hast du vor? frage ich beunruhigt. Lass den Stock! Wir brauchen ihn nicht. Überrascht stelle ich fest, dass ich von uns gesprochen habe. So, als würden wir uns einen Stock teilen.

Eigentlich, sagt sie jetzt, und wieder hellt für die Zeit eines Wimpernschlages ihr Gesicht auf -, eigentlich müsstest du es schon lange wissen. Sie dreht ihren Kopf weg von mir, um jeden Augenkontakt mit mir zu vermeiden, und tut, als würde sie aus einem Fenster schauen. Wenn du ein bisschen was für mich übrighättest, dann … Ihre Stimme verebbt wie eine auslaufende Welle.

Was dann? frage ich sie, obwohl ich genau wusste, was sie meint.

Jetzt wandte sie sich mir ganz zu, nahm Stufe für Stufe, bis sie mit mir auf einer Höhe war, und bohrte ihre Augen in meine: Ja, selbst um den Preis, als würdest du nur so tun, als ob. Dass es dir wenigstens diese Mühe wert ist, hätte ich gerne einmal gesehen.

Der Gehstock – ich habe nach ihm getaucht. Ich wollte ihn dir zurückbringen. Ist das nicht genug? Vergeht nicht ein Monat schneller als eine halbe Nacht Sehnsucht?

Als ich die Augen öffnete, war da weder eine Treppe, noch Wasser und noch weniger niemand, der mir zugehört hätte.

Dieses Gespräch hatte am 19ten Tag des 5ten Schaltmonats stattgefunden, und ich habe es mit mir selbst geführt und festgehalten, damit es nicht wie Schaum auf dem Wasser verloren geht, wenn die nächste Welle anbrandet und es mit mir und allem Eigentlichen fortspült.

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