Die Pappel

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In allen Jahreszeiten ist die Pappel schön, die hinter dem Haus steht und auf sein Dach hinunterschaut; Selbst jetzt im Winter, wenn sie nackt ist und aussieht wie ein Schattenriss mit den haarfeinen Verästelungen ihrer himmelan strebenden Zweige: keine Schere könnte das ausschneiden und auf den blassblauen Grund einer fahlen Wintersonne kleben. Ihr Stamm teilt sich im oberen Drittel, als wüsste er, dass er – einmal dort angelangt – allein nicht höher hinaufkommt. Die wenigen Äste wollen sich mit ihm messen und sind beinahe ebenso stark. Alles will kerzengerade nach oben und erinnert mich an das Lineal, das uns Kindern in den Rücken gestopft wurde, damit wir Haltung einzunehmen lernen. Ja, sie zeigt Haltung, die Pappel.

Sie war ein Baum ohne jede Bedeutung für mich, als ich mit ihr aufwuchs. Sie trug keine essbaren Früchte und lud nicht zum Klettern ein. Die Geräusche aber, die der Wind macht, wenn er mit ihr spielt, sind mir noch heute im Ohr. Nie habe ich von ihr Notiz genommen. Vielleicht, weil sie einfach da war und gar nicht wegzudenken, viel zu selbstverständlich, um mir über sie Gedanken zu machen.

Wenn die Sonne hinter den Horizont kippt und den Himmel selbst nach ihrem Untergang in brandrote Farben taucht, sehe ich sie. Wie eine Fackel steht sie nun; aufrecht und unbeugsam, nachgiebig aber und selbst zu Zerreißproben bereit, wenn ein heftiger Wind in seine Äste greift und sie schütteln will. Der Sturm aber muss erst geboren werden, der sie knickt und aus dem Boden reißt.

Auf gleicher Höhe mit seinem Wipfel, denn er hat keine Krone, ist mittlerweile der Mond aufgegangen. Bald, wenn die Menschen in ihren Häusern schon längst sich ihren Träumen anvertraut haben, schwimmt er wie ein goldener Kugelfisch hinter dem Geäst der Pappel vorbei, die nun die Gestalt von sich in der Strömung wiegenden Algen angenommen hat. Mit ihrer Herzwurzel züngelt sie in die Tiefen des Erdreichs und wenn sie auf Felsen stößt, verbreitet sie sich wie ein rasendes Pilzgeflecht, das die Gunst der Stunde nutzt, um alles aufzubrechen. Sie reißt ihre Wurzeln aus, um stolpernd gehen zu lernen, um einmal nur – wie jede Nacht – laufend dem goldenen Ball nachzujagen, der gerade dann in den Brunnen fällt, wenn die Menschen aufwachen. Dann wieder steht sie da, als wäre nichts gewesen und auch ich tue so, als wüsste ich nicht, was ich mit eigenen Augen gesehen habe, wären sie mir nicht vor der Zeit zugefallen.

Im Traum noch stürze ich die Stiegen hinaus ins Freie. Wie Mikado Stäbe für Riesen liegt der auf gleiches Maß getrimmte und mit Moos überwachsene Stamm der Pappel kreuz und quer über dem Grundstück. Das Dornengestrüpp hat den Grenzzaun gesprengt und auch vom Garten des einstigen Nachbarn Besitz ergriffen. Eine schwarze, bis auf das Gerippe abgemagerte Katze streunt herren- und orientierungslos durch das Gelände. Aus der Ferne ist der Signalton von Schranken hörbar, der einen Zug ankündigt. Kälte und Hitze haben den Beton der Straße aufgesprengt. Löwenzahn hat sich in den Ritzen eingenistet. Ich suche das Haus. Das Haus auf dem Felsen; doch der ist nackt.
Obwohl sie gefällt worden war, und dort, wo sie stand, nichts, nicht einmal eine Grasnarbe an sie erinnern will, ist sie in meinem Kopf. Ich muss nur die Augen schließen, zeigt sie sich mir in jeder Jahreszeit, in welcher ich sie sehen will; und wenn ich mich auf ihr Erscheinen einlasse, höre ich, wie der Wind mit ihren Blättern spielt, und sehe mich mit meinem Bruder auf Stelzen ums Haus laufen, die uns Großvater gebastelt hat: Eine gespeicherte Ewigkeit im Jetzt.

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