Tiger

Tiger“ sagt einer, 5 Buchstaben sind es aus dem Setzkasten des Alphabets und schon siehst du ihn; das Wort, sein Klang und die Bedeutung, die wir der Abfolge von Zeichen geben, haben ihn erschaffen. Mit der Macht der Sprache hast du sein Bild heraufbeschworen. Tiger, sag ich, und schon siehst du ihn, wie er den Dschungel durchstreift auf samtweichen Pfoten. Du denkst ihn dir auf der Suche nach Beute mit knurrendem Magen. Seit Tagen schon nichts mehr im Bauch. Jetzt liegt er im Schatten einer Tamariske und schläft, wie es Katzen tun mit offenen Augen. Tamariske? Habe ich Tamariske gesagt? Ich hab kein Bild für Tamariske. Mir gefällt nur der Name. Der Klang von 4 Selbstlauten eingebettet zwischen 5 Konsonanten. Gibt es Tamarisken im Dschungel? Noch bevor meine Frage das Bild vom Tiger zerstört, seh ich ihn wieder. Der lehmverkrustete Schwanz peitscht den Boden. Sein Hunger raubt ihm den Schlaf. Mein Kopf in seinem Rachen. Er kann mir nichts anhaben. Ich träume ihn und er mich.  „Die Zeit ist ein Tiger, der mich zerfleischt, aber ich bin der Tiger, meint Jorge Luis Borges in der Bibliothek von Babel. Sie ist ein Fluss, der mich davonreißt, aber ich bin der Fluss. Sie ist ein Feuer, das mich verzehrt, aber ich bin das Feuer.

Ich schaue in die verlöschende Glut seiner Augen: Das Leben nichts als die Summe von Millionen Augenblicken; alle mit einem Vorher, das vielleicht vergessen wurde, alle mit der Hoffnung auf ein Nachher, das einmal als Erinnerung gespeichert, als Beute von Reisen heim-gebracht werden kann; vor dem Aufbruch ist nach der Rückkehr. Was zwischen beiden geschieht, ist alles, was wir erlebt oder geträumt haben, alles also auch, was es nicht gibt, denn das, was es gibt, ist nicht alles.

Du kämpfst mit dem Schlaf. Von weit her die Stimme, die dich wachhalten will. Sie wird dünner und dünner und verschlingt Fluss, Feuer, den Tiger und mich, der ihn träumt. Dann wachst du auf und träumst weiter, weil du „jetzt“ gesagt hast, das so gern nicht schon Zukunft wäre und noch nicht Vergangenheit. Tausendmal kannst du „Jetzt“ sagen, aber du wirst es nicht bannen. Jetzt: Das ist eine Zeit, die es nicht gibt. Es hat kein Sein.

Es könnte das Leben in einem Traum sein, der mit dem Tod beginnt oder – noch treffender und in einem Satz zusammengefasst von einem, der 4 Monate im Koma war:

Man glaubt nur, dass man lebt; wenn man nicht mehr daran glaubt, stirbt man.

Jetzt, das ist Traumzeit.

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