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China: Erste Eindrücke

pingjang_Lu (13)Es kommt mir so vor – wahrscheinlich dem Jetlag geschuldet -, als wäre ich durch ein Wurmloch nicht nur von einem Jahr in das nächste, sondern gleich auch in ein anderes Jahrhundert gebeamt worden. Verabschiedet von einem mit Kuhglockengeläute, Alphornbläsern und mehrstimmigen Jodlerchören beschalltem Terminaltrain auf dem Flughafen Zürich, wache ich hier auf dem Campus einer Kunsthochschule – geweckt von martialisch klingenden Hymnen – in Suzhou/China auf und versuche mich in Zeit und Raum zu orientieren. Meine Lebensgefährtin, die mit einem Stipendium nach China eingeladen, schon seit 2 Monaten Gelegenheit fand, sich mit den gewöhnungsbedürftigen Bedingungen anzufreunden, hilft mir dabei. Es ist ziemlich kalt. Weil die Zentralregierung es so will, wird von staatlicher Seite südlich des Yangtse keine Wohnung beheizt. Die Menschen hier sind jedenfalls kälteresistenter als wir verwöhnten Europäer.

pingjang_Lu (17) pingjang_Lu (18)Um die notwendige Registrierung brauche ich mich nach Aushändigung des Passes nicht selbst zu kümmern. Auch ins Handygeschäft werde ich begleitet, damit der Austausch der Simkarte  der Verständigungsschwierigkeiten wegen ohne Probleme vonstatten geht. Einen VPN-Server, der mir die in China gesperrten Zugänge für diverse Internetportale wie Google, Facebook oder wordpress ermöglicht, habe ich mir schon vor meiner Reise installiert (wäre aber auch hier möglich gewesen, wie sich herausgestellt hat). Die für einen Monat gültige Simkarte für Telefon mit 100 Freistunden und chinesisches Web hat lediglich 80 Yuan gekostet, was nicht einmal 12 € sind. Die Freischaltung gestaltet sich allerdings schwieriger als gedacht und wird zur pingjang_Lu (47)Tagesbeschäftigung. Zurück im Geschäft deute ich den zwei jungen Frauen mit dem OhneWörterBuch, das 600 Zeigebilder für Weltenbummler enthält, dass ich noch immer kein Netz habe. Eine geschlagene Stunde wischen und fingern sie auf dem Smartphone herum und scheinen keine Lösung für das aufgetretene Problem zu finden. Wie auch. Es stellt sich nämlich heraus, dass sie immer wieder das gleiche Prozedere vornehmen, wie ich – ihnen über die Schulter schauend – feststellen konnte. Endlich scheint aber doch noch eine Lösung gefunden, denn eine der beiden zeigt mir triumphierend das Display ihres Smartphones, auf dem der ins Englische überstzte Satz steht: You do not have access to the Internet.  In einem Cafe mit Internetanbindung finde ich eine Grupppe französisch sprechender Studentinnen,  Sie bitten eine chinesisch sprechende Kollegin, mich noch einmal in das Geschäft zu begleiten. In der Zwischenzeit ist es dunkel geworden und der Himmel seltsam rosa eingefärbt – vermutlich wegen der noch mit Tageslicht aufgeladenen Feinstaubpartikel – und ich habe noch immer kein Netz. Erst ein über Telefon geführtes Konferenzgespräch zwischen einem deutschsprechenden Chinesen, mir und den beiden Angestellten bringt endlich das erhoffte Ergebnis. Hier auf dem Campus sind wir ja nicht wirklich hilflos. Wie aber wird sich das gestalten, wenn wir uns auf den Weg dorthin machen, wo kaum mehr jemand eine zweite Sprache spricht?

pingjang_Lu (71)Bei meinen Versuchen, das in drei Monaten Gelernte anzubringen, scheitere ich kläglich, aber es erheitert die Menschen und schafft eine Art von Kommunikation, in der es nicht mehr um Sprache geht. Als ich in einem Lebensmittelgeschäft mein „wan an“ anbringen will, was so viel wie „Gute Nacht“ bedeuten soll, ernte ich zuerst ein erstauntes A, dann wieder ein A als Zeichen, dass die Botschaft angekommen ist, aber in der falschen Tonlage vorgebracht wurde: wan A A, antwortet also eine Angestellte an der Kassa. Ich wiederhole: A. Wieder wird die Tonlage ausgebessert. Diesmal von ihrem Arbeitskollegen: A A. Ich versuche den Ton zu treffen. Jetzt machen auch Kunden mit. Das Ganze endet in vielstimmigem A und allgemeiner Heiterkeit. Wenn immer ich dort einkaufe, bekomme ich jetzt dort Gratis Chinesisch- Unterricht. Feststeht: Wenn ich nicht einen der 5 Töne treffe, der die Silbe – und Mandarin besteht aus über 400 x  5 Silben – zum Bedeutungsträger macht, habe ich keine Chance verstanden zu werden. „Wen“ zB. kann fragen, küssen oder auch Sprache heißen, je nach dem, in welcher der 5 Tonlagen dieses wen gesprochen wird.

3 Comments
  • kawaiiocc
    Posted at 19:35h, 07 Januar Antworten

    Haha! Das klingt alles sehr amüsant, interessant und anstrengend! Viel Spass euch!

  • Anonymous
    Posted at 18:40h, 07 Januar Antworten

    sicherlich eine herausforderung für reisende langnasen….weiterhin viel erfolg und hoffentlich nicht zu argen smog

  • Manfred Voita
    Posted at 16:09h, 07 Januar Antworten

    Lost in Translation… da bin ich gern dabei. Die alltäglichen Aufgaben, ob Einkaufen oder Internet, sind um vieles interessanter als der Blick in die verbotene Stadt oder die große Mauer.

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