Languishing

„Heute vor vielen Jahren muss ich an einem Morgen aufgestanden sein, ohne mich zu fragen, wie das sein wird, an einem anderen Morgen – Jahre später aufzuwachen, …“

I
Von diesem schon etwas fortgeschrittenen Morgen erwartet er sich genauso wenig, wie von dem, der ihm folgen sollte, falls er ihn überlebt. Siegfried Samsa leidet zwar nicht unter dem Asperger-Syndrom, aber er hat mit zunehmendem Alter ein immer größer werdendes Problem damit, soziale Empathie zu entwickeln.
Während sich die globale Berichterstattung mit der Pandemie, der Klimakatastrophe oder dem Krieg in der Ukraine beschäftigt, sitzt er in einer Zelle und versucht ein Gedächtnisprotokoll der Geschehnisse, wie Silly Sam glaubt, sie erlebt zu haben. An manchen Stellen – zum Beispiel dort, wo er sich nicht ganz sicher ist, ob es sich so oder anders zugetragen hat -, verlässt er sich auf seine Fabulierlust. Das Auf- und Niederschreiben hilft ihm, die Zeit zu vertreiben. Es ist keine Klosterzelle mit karger Einrichtung für einen Menschen, der im Glauben den Sinn für sein In- und Aufderweltsein gefunden hat; es scheint auch  keine Zelle in einem Gefängnis zu sein, mit Insassen, die mehrheitlich ihren Glauben an den Sinn ihres Aufderweltseins verloren haben und ausnahmslos davon ausgehen, zu Unrecht in dieser Einrichtung festgehalten zu werden, Jeder Raum ist ihm zur Einrichtung geworden, zu einer Anstalt, die von Blockwarten bewacht wird. Er für sich weiß, dass er unschuldig ist, aber es will ihm nicht und nicht gelingen, den Beweis dafür zu erbringen. Fight-Flight-Freeze? Im Augenblick hat er aus schierer Notwendigkeit sich für die letzte Variante entschieden.

II
In Ermangelung eines menschlichen Wesens, mit dem er sich über Belanglosigkeiten austauschen könnte, hat er einen Androiden erfunden, ein Roboterkind, das als Platzhalter für das in ihm abgestorbene programmiert ist. Mit diesem will er gerade Erinnerungen austauschen, als ihn die Müdigkeit übermannt und er in ein traumähnliches Setting gerät. Die Zeit verrinnt im Loop. Tik Tok. Tik. Tok. Wahrscheinlich wegen der immer gleichen Abläufe: Zähneputzen, Fernsehen, Rauchen, Schlafen – unterbrochen von Versuchen, Zukunftspläne zu schmieden, die SS von jetzt auf Morgen verschiebt. Wofür es übrigens ein Wort gibt, das ihm auf der Zunge liegt, aber nicht und nicht einfallen will. Heute aber kein Tik Tok. Tik Tok. Soweit ich ihn kenne, würde er viel dafür geben, er hätte sein ereignisloses Leben wieder zurück, das mit dem Ruhestand begonnen hatte. Aber ich kann mich auch irren. Er hat die Ereignislosigkeit mit Kopfkino überwinden wollen, was ihm manchmal auch gelungen war. Jetzt aber wird es von einer Wirklichkeit eingeholt, die ihm keine Antwort auf die Frage geben will, ob er das alles vielleicht auch nur geträumt hat.

III
Es hatte mit einem Anruf begonnen: „Dir gehören Mitsubishi Colt? Rot? Komm in Werkstatt. Sturzgasse. Chef sagt, du brauchen Pickerl. Wir machen dir Pickerl.“ Zuerst er sich gedacht: Wie aufmerksam. Erinnern mich daran, dass die Prüfplakette bald ablaufen wird. Eigentlich nicht die Aufgabe von Automechanikern, ihre Kunden über Telefonate darauf aufmerksam zu machen. Ich weiß nicht, wie alt ich noch werden muss, um das Vertrauen in meine Mitmenschen ganz zu verlieren. Ich hätte erst gar nicht abheben sollen. Eine unterdrückte Nummer. Und warum Sturzgasse? Das hätte mich stutzig machen müssen. Meine Werkstatt ist nicht in der Sturzgasse. Seid ihr umgezogen? Das hätte ich fragen müssen. Dann wär ich nicht in diesen Schlamassel geraten. Oder doch? Hätte. Wäre.
Cola Charly will mit dir reden, sagt der Typ mit dem Schlagring, an dem Fetzen meiner Kopfhaut kleben. Sein Atem stinkt nach abgestandenem Bier. Wo ist Mitsubishi?
Was habt ihr nur mit meinem Mitsubishi, lalle ich. Aus meinem Mund rinnt Blut. Ich weiß nicht, wie viel Zähne mir fehlen. Es waren meine letzten. Das weiß ich.
Auf seinem durchtrainierten Oberarm rechts ist ein Sturzkampfbomber zu sehen, auf dem anderen kann ich „Blut, Ehre, Treue“ entziffern; auf die Zahlenbuchstaben-kombination aber kann ich mir keinen Reim machen.
„Aber wer ist Charly. Was für ein Charly? Ich kenn‘ keinen Charly. Auch keinen Cola Charly. Aber eines weiß ich: Früher, da haben die Dons noch elegante Armani Anzüge getragen und sich selbst die Hände noch schmutzig gemacht. Ist lange her.“ Das sagt er, weil er ihn aufs Blut reizen will und muss. Wenn er seine Deckung aufgibt und ihm nahe genug kommt, kann er ihm einen Hammerschlag verpassen…
SS weiß um seine Widerstandskraft. Worin das Geheimnis seiner einzigartigen Panzerung besteht? Er hat sie einem kleinen Käfer abgeschaut, der weder von Insektenliebhabern aufgespießt noch von solchen, die sie hassen, zertreten werden kann. SS hat einen Panzer aus Chitin und einer Proteinmatrix, ein belastungsresistentes Kompositmaterial, das sich – mit 3D-Drucker hergestellt – durch optimale Kombination aus Festigkeit und Biegsamkeit auszeichnet.
Jetzt sitzt er in einem Liegestuhl nahe dem Pool, das zum Anwesen von Cola Charly gehört, knallt sich ein Hopfentorpedo nach dem anderen in die Synapsen, rülpst und wirft Streichhölzer ins Wasser. Für jedes gelebte Jahr zündet er eines an, schaut in seine Flamme, schnippt es ins Wasser und kann von dem Zischen nicht genug kriegen. Dann erhebt er sich. Mit dem letzten Streichholz wird alles in Flammen aufgehen und mit ihm das ganze beschissene Jahr, das SS in einem Zustand verbracht hat, für den Experten, die sich mit der Psyche des Menschen in Ausnahmesituationen befassen, den Begriff „Languishing“ erfunden haben: Nicht krank und nicht gesund. Halb im Kampf und halb auf der Flucht.

Mit sich selbst im Gespräch – Träumen wird man ja wohl noch dürfen – versucht er sich davon zu überzeugen, dass es sich so zugetragen haben könnte. Mit dem Kino im Kopf nämlich lässt sich fast alles ertragen. Auch die Tatsache, dass sein Mitsubishi Colt nicht mehr auffindbar ist. Er hatte ihn trotz Bedenken seiner Freundin Amanda bei einer grenznahen Auktion günstig erworben. Beschlagnahmte Fahrzeuge können nämlich von Interessierten gekauft werden. Drogenspürhunde – so wurde ihm versichert – seien bei einer Kontrolle nicht angesprungen. Der Wagen war clean. Dass er eine Geschichte hatte, die Silly Sam, aber auch seine Freundin Amanda nicht nur in Bedrängnis, sondern in Lebensgefahr bringen würde, konnte er sich beim Kauf weder träumen lassen, noch sich mit bemühtestem Kopfkino ausdenken, da es jede Genregrenzen gesprengt hätte. Semi-fiction vielleicht? Nein: Man hätte eine neue Gattung erfinden müssen.

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