Paracusis

Das Abteil ist voll. Das Handy eines Mitreisenden hat als Rufton ein Entenquaken. Alle Blicke sind auf ihn gerichtet. Schnell nestelt er sein Telefon aus dem Seitenfach seines Rucksacks. „Ja, du? Ja, bin schon im Zug. Ist was passiert? Wo ich bin? Ich bin im Zug. Hab ich schon gesagt. Du, mir ist das jetzt nicht recht. Können wir das bitte besprechen, wenn ich wieder daheim bin?
Der Mitreisende sucht einen toten Winkel und versucht zu flüstern: Ja, hast du denn überhaupt kein Vertrauen? Soll ich jemanden bitten, dass er dir das bestätigt, dass ich in einem Zugabteil sitz?
Er hört angestrengt in das Display, das die Muschel ersetzt hat, aber da kommt nichts mehr nach dem Klack.
Er schaut – sich entschuldigend – in die Runde. Wieder das Duck Quack Rufzeichen.  Die Mitreisenden hören ein herzzerreißendes Schluchzen. Er hat vergessen, den Lautsprecher abzuschalten.
Was tue ich dir denn an? Nein, warum sollte ich mich über dich lustig machen. Aber Liebes, ich sitz im Zug. Ja, wo soll ich denn hin? Aufs Klo? Was soll ich sagen? O.k. Ich sag’s jetzt. Ganz laut, damit es alle hören. Ich liebe dich!
Wie du das sagst. So abgebrüht und nur, weil ich’s hören will. Von selber würde dir das nie einfallen. Vielleicht willst du mich einfach nur wütend machen.
Dann macht es ein letztes oder vorvorletztes Mal wieder Klack und der Mann sitzt da mit dem Handy am Ohr. Er weiß nicht, wohin mit sich. Er hat einen roten Kopf. Sein rechtes Ohr glüht. Dann nimmt er das Handy und verstaut es in seinem Rucksack, stemmt ihn in die Gepäcksablage, während er den anderen beim Denken zuhört: Was für ein armer Hund. Ausweglos. Gibt es eine angemessene Reaktion bei double bind? Ich hab Mitleid mit ihm. Warum Mitleid? Was geht mich das an?

Die, deren Schamgefühl es nicht zulässt, dass Privates öffentlich wird, werden immer weniger. Gibt es ein Wort für Voyeurismus, das nicht die Augen, sondern die Ohren meint? So etwas wie akustischer Voyeurismus? Nachschlagend finde ich das selten verwendete Wort Audismus. Noch seltener Parakusis (griech. para =daneben, akusis =Hören), das unfreiwilliges Belauschen beschreibt. O.k. wir sind also im öffentlichen Raum dem Parakusis ausgeliefert. Hört sich nach Krankheit an oder nach Krankhaftem. Ist es auch. Oder?

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