Sitzung

Der Augenblick, wo er wusste, dass etwas aus dem Ruder gelaufen ist und nicht mehr stimmt. Das war, als er seine Eltern besucht hat und mit ihnen am Küchentisch sitzt und seine Mutter plötzlich auf ihren Mann zeigt und sagt: Der da, der gehört nicht zu mir. Der da, hat sie gesagt, der gehört nicht zu mir.
Aber Mama, wollte er sagen und das Spiel mitspielen, weil sich die Zwei immer schon geneckt haben. Mama, hat er gesagt: Mag ja sein, aber der da, und dabei hat er über den Küchentisch hinweg auf seinen Vater gezeigt, das ist dein Mann, mit dem du jetzt über 60 Jahre verheiratet bist, und ich bin, nur zur Erinnerung, eins von deinen Kindern.
Derda, dein Vater, mein Mann? Nie und nimmer, hat sie gesagt, und mit dem Zeigefinger aufs Hirn getippt, um ihm zu bedeuten, dass er nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Dann ist sie zum Bücherschrank gegangen, wortlos, hat ein Fotoalbum herausgenommen und es vor dir aufgeschlagen. Das da, hat sie gesagt, das ist mein Mann, und hat auf ein Foto gezeigt, auf dem er in der Wehrmachtuniform abgebildet ist, und wo drunter geschrieben steht: „Hannes auf Fronturlaub“.
Das ist dein Vater, hat seine Mutter gesagt. Da bist du 7 Jahre alt gewesen, als er plötzlich in der Tür gestanden ist. Niemand hat damit gerechnet, dass er zurückkommen würde. Sieben Jahre nach dem Krieg ist er dann aus der Gefangenschaft in Russland zurückgekommen. Da hast du ihn das erste Mal gesehen.

Genau dieses foto ist es gewesen, auf das sie gezeigt hat. Hat ihren mann, seinen vater, nicht mehr erkannt. Das ist ein ziemlicher schock gewesen, wie du dir vorstellen kannst. Es hat ihn unfähig gemacht, etwas anderes als trauer über einen verlust zu spüren, der sich im selben augenblick ereignet, in welchem du dich darüber zu freuen versuchst. Das klingt komplizierter als es ist. Möglicherweise beschreibe ich einen zustand, den jeder kennt oder zumindest einmal schon erlebt hat. Ein zustand der auflösung, wie man ihn in der fremde erfahren kann, wenn plötzlich alle dir vertrauten koordinaten verloren gegangen sind, und du nur noch deinem selbst ausgeliefert bist, das sich wundert, jemals in dieser welt zurecht gekommen zu sein. Nein: auch von dem, was du dein selbst nennen willst, bist du plötzlich abgeschnitten, als wären sämtliche brücken eingebrochen und kein weg mehr passierbar, der dich – und sei es über eine grüne grenze – wieder zu dir zurückbringt oder zu dem, von dem du glaubst einmal gewesen zu sein. Und das alles ohne irgendwelche drogen, die synapsen kurzschließen oder chemische zusammensetzungen schaffen und gefühle hervorrufen, die sich schon beim geringsten versuch sie beschreiben zu wollen, schon wieder verflüchtigt haben. Wissen sie, was ich meine? Aber es ist mir egal, ob sie das verstehen, setzt er so schnell hinzu, dass niemand ihn in verdacht haben konnte, seine umwelt für selbstwahrnehmungen interessieren zu wollen.
Er war nicht allein. Da war noch jemand. Dieser jemand war weiß gekleidet, männlich, hatte einen block auf seinen überkreuzten beinen liegen, in den er manchmal mit einem gut gespitzten bleistift von stabilo der härte 4 etwas aufzeichnete. Sein blick war wohlwollend. Nur manchmal verschattete etwas wie ärger seine nussbraunen augen, die ihn wie ein reptil zu fixieren schienen, das sich in der sonne aalen will, aber immer wieder von unvermuteten und nur von ihm wahrnehmbaren geräuschen aufgeschreckt wird. Er wirkt verunsichert, darf es aber nicht zeigen. Gespiegelte hilflosigkeit, die etwas menschliches hatte hinter der gespielten professoralen würde, die sein beruf ihm abverlangt.
Er öffnet die fenster, reißt sie weit auf, als wolle er frischen wind in die sache bringen. Aber was war nun sache? So kommen wir nicht weiter! Das klang energisch. Eine standardfloskel, die ein gespräch, wenn man den introspektiven monolog als ein solches erkennen wollte, zu neuen ufern führt oder abbricht. Ebenso energisch, aber ebenso wenig erfolgversprechend wie das gu-gu einer taube, die sich balzend im nierosterstahl einer erst kürzlich ausgewechselten dachrinne niedergelassen hatte. Ein selbstgespräch mit einem fiktiven gegenüber, das erfunden werden muss, wenn nämliches selbst sein dasein aufzugeben droht. Die für verschollen erklärte katze seiner mutter fiel ihm ein. Warum? Vielleicht, weil verschollen genau das wort war, das er gesucht hat. Was im hirn einer in einem tierheim ausgewählten schwarzen katze muss vor sich gehen, dass sie nicht mehr dorthin zurückfindet, wo sie endlich einen gesichert scheinenden platz hat; wo nicht nur immer das futter bereitsteht, sondern auch streicheleinheiten eingefordert werden konnten, ohne dafür mehr zu tun als einfach nur da zu sein? Verschollen war genau das richtige wort. Er war sich selbst verloren gegangen. Verschollen, um nicht überfahren sagen zu müssen. Etwas, das seine beute findet, ohne auf sie jagd zu machen. Etwas, das sich nicht ankündigt oder nur als geräusch, von dem man nicht weiß, woher es kommt, wer oder was es erzeugt. Wie jemand, der träumt und sich in seinem traum fragt, ob er schläft. So kommt es daher, ist da, und wenn es vorbei ist, ist nichts mehr wie vorher. Hat ihnen das jetzt weitergeholfen? will er fragen, aber da ist niemand mehr, der ihm gegenübersitzt mit überkreuzten beinen, männlich und weiß gekleidet. Das fenster aber ist noch immer offen. Auf dem gebohnerten parkett liegt ein bleistift der marke stabilo mit härte 4. Daneben liegt aufgeschlagen und zum lesen auffordernd ein notizblock. Noch immer gurrt die Taube. Die am rand mit löchern und spiralringen eingefassten seiten sind nicht leer. Die erste seite beginnt mit dem satz: Es ist wie auseinanderfallen oder in stücke zerbrechen: ein puzzle aus tausend ich, die nicht wieder zusammengesetzt sein wollen, es auch nicht können. Wer sollte dazu imstandesein? Selbst im spiegel kein wiedererkennen.

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1 Comment
  • Ruth Thurnher
    Posted at 10:42h, 29 März Antworten

    Die Geschichte widerspiegelt die Verwirrung, die Hilflosigkeit in der sich ER befindet. Für mich als Leser – ist die Geschichte sehr intensiv und verleitet zu mehrmaligem Durchlesen.

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