03 Nov. Brandeskälte
Wenn mein Vater die Stufen zum Dachboden hinaufstieg, zählte ich seine Schritte. Sieben Stufen bis zum Absatz, dann das Knarren der vierten Diele, auf der das Holz nachgab. Wenn er oben das schwere Gurtzeug aus dem Schrank riss, hielt ich den Atem an und lauschte auf das Klicken der Metallschließen. Dreiundvierzig Sekunden brauchte er, um Helm, Handschuhe und Atemschutzmaske anzulegen. Stand die Stoppuhr bei fünfundvierzig, knallte die Holztür so heftig ins Schloss, dass im Flur der geschnitzte Sankt Florian auf seiner Wandkonsole erzitterte.
Mein Vater war Hauptfeuerwehrmann im Dorf. Elf Ränge fehlten ihm noch bis zu jener Stufe, die sein eigener Vater einst als Landesfeuerwehrinspektor getragen hatte. Auf der Kommode im Wohnzimmer stand das gerahmte Porträt des Großvaters in Paradeuniform: Orden über der Brust, der Blick streng und unnahbar. Mein Vater wischte jeden Morgen mit dem Ärmel über das Glas, prüfte mit dem Daumen, ob sich Staub auf dem Rahmen gesammelt hatte, und zog die Schultern zurück, ehe er in die Wirtsstube hinunterging.
Für mich war er ein Riese. Wenn er an den Sonntagen im roten Löschfahrzeug vorfuhr, den Helm ins Genick geschoben, die Ärmel der Einsatzjacke bis zu den Ellbogen aufgekrempelt, lief ich über den Hof, so schnell meine Beine mich trugen. Er packte mich unter den Achseln, hob mich mit einem Ruck hinauf in das Führerhaus und setzte mich auf seinen Schoß. Meine kleinen Hände passten kaum um das riesige, speckige Lenkrad. „Steuer fest anpacken, Florian“, sagte er dann mit tiefer, warmer Stimme, drückte mir eine Handvoll Schaumküsse in die Schürzentasche und wuschelte mir durchs Haar. „Aus dir machen wir den nächsten Kommandanten.“ In diesen Minuten war die Welt ganz leicht. Ich roch das Leder seiner Jacke, das Rußwasser und den kühlen Schmierstoff der Pumpen, und ich hätte für ihn jedes Feuer mit bloßen Händen ausgetreten.
Doch die Kerze, die ich vor sein Bild stellte, erlosch immer wieder. Die kleinste Kleinigkeit genügte, um den Himmel über unserem Haus einzudunkeln. Ein Besteckteil, das mir am Mittagstisch aus den Fingern glitt; ein Schulheft mit einem Tintenfleck; ein Zögern, wenn er mich nach den Dienstgraden der Wehr abfragte. Dann verengten sich seine Augen zu schmalen Schlitzen. Er legte Gabel und Messer mit schneidender Ruhe auf den Tellerrand, beugte sich über den Tisch und sagte mit leiser, vibrierender Stimme: „Schau dich an. Nichts als feuchte Hände und zitternde Knie. Aus dir wird nie ein Mann. Ein Jammerlappen bist du, ein Nichts.“
Ich saß dann da, zog die Schultern hoch bis an die Ohren und starrte auf meine Knie, unfähig, den Kopf zu heben. Meine Mutter saß ihm gegenüber. Ihre Knöchel traten weiß hervor, so fest krallte sie sich in ihr Geschirrtuch. Sie öffnete den Mund, als wolle sie etwas sagen, doch als sein Blick sie streifte, sank ihr Kopf wieder nach unten. Unter der Tischkante tastete ihre Hand nach meiner, drückte meine Finger kurz und hastig – ein stummer Trost, der zugleich ihr eigenes Eingeständnis war, dass sie uns nicht schützen konnte. Sie hatte gegen ihn keine Stimme.
Die ersten Risse im Bild meines Vaters bemerkte ich an den Blicken der anderen Männer. Wenn wir nach der Sonntagsmesse vor der Kirche standen und mein Vater mit ausholenden Gesten von der letzten Übung sprach, traten die anderen Feuerwehrleute unmerklich einen Schritt zurück. Sie nickten, wechselten aber jene kurzen, vielsagenden Blicke, die Erwachsene tauschen, wenn ein Prahler den Raum betritt. Ich sah es, und ein klammes Gefühl kroch mir in den Nacken. Ich schob es beiseite; mein Vater hatte schließlich den Hof am Anger gerettet. Er selbst hatte es mir oft genug erzählt: wie er durch den Rauch vorgedrungen war, um die alte Resi zu retten, während sein Kamerad aus lauter Erstickungsangst draußen geblieben war.
Bis zu jenem heißen Julinachmittag am Sägewerk.
Ich trug die Schultasche vor der Brust, um die durchgeschwitzten Riemen nicht auf den wunden Schultern spüren zu müssen, als drei Buben hinter den Holzstapeln hervortraten. Toni, der Sohn des Löschmeisters, baute sich breitbeinig vor mir auf, flankiert von den beiden Huber-Brüdern. Sie ließen mir keinen Raum zum Ausweichen.
„Na, Florian“, spottete Toni und riss an meiner Mappe, dass die Hefte auf den staubigen Schotter fielen. „Wen haben wir denn da? Ist das nicht der Sohn von unserem Helden, der die Resi gerettet haben will? “
Ich bückte mich nach den Heften, die Wangen heiß vor Zorn. „Er ist Kommandant-Stellvertreter! Er rettet Menschen aus dem Feuer!“
Toni brach in ein schrilles, dreckiges Lachen aus. Die beiden anderen fielen ein. Toni trat mit der Schuhspitze auf mein Rechenheft, beugte sich hinunter und zischte mir ins Gesicht: „Gar nichts rettet der! Mein Vater war dabei am Anger. Dein Alter ist vor der Tür gestanden, die Knie haben ihm geschlottert, dass man es durch die Gummistiefel gehört hat! Er hat sich nicht einen Schritt über die Schwelle getraut. Nicht mal den Schlauch hat er halten können. Und die Resi ist drin verbrannt, krepiert wie ein Stück Vieh! Das ganze Dorf lacht über den Feigling.“
Die Buben kreisten mich ein, stießen mich von einer Seite zur anderen, traten nach meinen Beinen und skandierten im Chor, laut und hämisch:
„Der Florian, der Florian, der hat Schiss vorm roten Hahn!“
Ich schlug nicht um mich. Ich weinte nicht. Ich stand mitten im Kreis, die Arme an den Körper gepresst, und spürte, wie die Erde unter meinen Sohlen wegsackte. Die Blicke der Männer vor der Kirche, das Getuschel am Stammtisch, die verbissene Wut, mit der mein Vater nachts die Ausrüstung stoppte – plötzlich fügte sich alles mit grausamer Schärfe ineinander. Mein Vater war kein Held. Er war ein Lügner, den das ganze Dorf insgeheim verachtete.
Als ich an jenem Abend nach Hause kam, lag der Geruch von saurem Bier und kaltem Pfeifentabak schon im Treppenhaus. Er war wieder spät vom Wirt heimgekehrt. Meine Mutter fing mich im Flur ab, nahm mir stumm die zerrissene Schultasche ab und wollte mich leise in Richtung meines Zimmers schieben, aber ich rannte den Flur entlang, riss die Klinke der Wohnzimmertür hinunter und stürmte hinein.
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Eine Schellackplatte lief, schwere klassische Musik, und der Raum schien schlagartig einzufrieren. Mein Vater saß vornübergebeugt im Ohrensessel. Seine Hände hielten ein feuchtes Taschentuch umklammert, sein Gesicht war rot gefleckt, die Augen von Weinkrämpfen geschwollen. Ich sah ihn, wie noch nie ein Mensch ihn gesehen hatte: ertappt in seiner tiefsten, weinerlichen Erbärmlichkeit.
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