03 Nov. Kontrollverlust
Der Mann am Fenster fand keine Ruhe. Er rutschte hin und her und nach vorn und wieder zurück, durchkämmte mit gespreizten Fingern die Haare, rieb sich die Hände, als wolle er sich aufwärmen. Dabei war es im Abteil beinahe stickig. Die Stille im Abteil lag zäh und schwer zwischen den Polstern, nur unterbrochen vom dumpfen, monotonen Klacken der Schienen unter dem Wagenboden.
Ihm gegenüber: der Herr im grauen Lodenmantel. Unbeweglich. Unnahbar.
Er hatte beim Einsteigen einen speckigen Lederkoffer mit stummem Kraftaufwand in die Gepäckablage gewuchtet, sich gesetzt und ohne den Hauch eines Grußes eine großformatige Tageszeitung entfaltet. Nun hielt er sie wie ein Schild zwischen sich und den Rest der Welt. Das Papier war straff gespannt, die Fingerknöchel traten weiß hervor. Das als Kontaktverweigerung zu deuten, war nicht abwegig.
Der Mann am Fenster starrte auf die gedruckten Zeilen auf der Rückseite des Blattes. Eine Schlagzeile über Wirtschaftsprognosen. Er spürte ein Kribbeln im Nacken, eine wachsende, fast unerträgliche Reizung. Er hielt diese stumme Wand aus Papier für eine Provokation. Was bildete dieser Mensch sich eigentlich ein? Man saß Knie an Knie auf engstem Raum, teilte dieselbe Luft, und dann tut einer so, als existiere man überhaupt nicht.
Wenn ich ihn jetzt anspreche, dachte er, würde er mich einfach auflaufen lassen. Da war er sich sicher. Aber er würde sich einen Teufel darum scheren.
„Interessanter Leitartikel“, hörte er sich sagen, und seine Stimme hallte im schmalen Raum wider.
Das Zeitungspapier regte sich nicht. Nur das gleichmäßige TatocTatoc der rasenden Räder, wenn sie über die Nahtstellen der Schienen fahren.
„Ich habe das Blatt selbst abonniert“, setzte er nach, beugte sich vor, fixierte die weiße Kante des Papiers. „Ausgewogen. Man findet ja kaum noch Journalisten, die wirklich recherchieren und nicht bloß Kampagnen fahren. Finden Sie nicht?“
Ein trockenes, gereiztes Knistern. Die Zeitung senkte sich um zwei Fingerbreit. Dahinter erschienen zwei wässrige, stechende Augen hinter einer Hornbrille.
„Ich lese“, sagte der Fremde, kalt wie ein Skalpell „Und ich ziehe es vor, das ungestört zu tun.“
„Verzeihen Sie“, sagte der Mann am Fenster hastig, während in seiner Brust die Hitze aufstieg. „Man wird doch wohl noch eine beiläufige Bemerkung machen dürfen. Ein Mindestmaß an Höflichkeit hat noch niemandem geschadet.“
„Meine Höflichkeit bestand darin, Sie bis eben zu ignorieren“, erwiderte das Gegenüber. Mit langsamen, schneidenden Bewegungen faltete er die Zeitung zusammen, legte sie quer über die Knie und fixierte ihn kalt. „Ich habe mich in einen Ruhewagen gesetzt, mein Herr. Weder habe ich um ein Pressegespräch gebeten, noch um Ihre Gesellschaft.“
Das Blut schoss dem Mann am Fenster in die Schläfen. Die Herablassung in diesem Blick, diese kühle, bürgerliche Arroganz – sie war nicht mehr auszuhalten. Die Wände des Abteils schienen enger zu werden, die Luft sauerstoffarm.
„Sie halten sich wohl für etwas Besseres!“, schrie er plötzlich, und seine Stimme überschlug sich, gellend und zittrig. Er sprang halb von seinem Sitz auf, die Fäuste geballt. „Ein einziges normales Wort unter erwachsenen Menschen! Aber der feine Herr verbarrikadiert sich hinter seinem Schmierblatt! Verschwinden Sie doch, wenn Ihnen Menschen so zuwider sind! Verschwinden Sie einfach!“
Der Herr im Lodenmantel starrte ihn an, die Lippen zu einem dünnen, verächtlichen Strich verzogen. Dann stopfte er die Zeitung fahrig in die Manteltasche, stand auf, riss seinen Koffer aus dem Netz und stieß die Glastür auf.
„Hauen Sie doch ab!“, brüllte er ihm hinterher, heiser, außer sich. „Mit Leuten wie Ihnen redet sowieso kein Mensch!“
Klack.
Ein kurzes, metallisches Schnappen zerriss die Luft direkt neben seinem Ohr.
„Die Fahrscheine, bitte.“
Der Mann fuhr mit einem heftigen Ruck zusammen. Sein Kopf schlug fast gegen die Fensterscheibe. Sein Hemd klebte nass am Rücken, der Puls hämmerte ihm bis in die Fingerspitzen, die Kehle brannte wie ausgetrocknet. Er blinzelte desorientiert in das scharfe Deckenlicht.
In der geöffneten Schiebetür stand der Schaffner, dunkelblaue Mütze, die Lochzange locker in den Fingern.
Mit fahriger Hand tastete der Mann nach seiner Brusttasche, dann wandte er den Kopf nach links – und erstarrte.
Ihm gegenüber saß der Herr im Lodenmantel.
Ruhig. Unberührt.
Die speckige Ledertasche lag unversehrt oben im Gepäcknetz. Die Hornbrille saß auf der Nase, die Zeitung war straff gespannt, die Fingerknöchel traten weiß hervor. Nicht ein Laut war gefallen. Nicht eine Silbe hatte den Raum durchquert.
Im Abteil herrschte vollkommene, eisige Stille.
Hinter dem Papier erklang lediglich das trockene, beiläufige Rascheln einer umgeblätterten Seite.
„Ihren Fahrschein, mein Herr?“, wiederholte der Schaffner mit erlöschender Geduld.
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