Obama polarisiert Amerika

Je länger ich hier bin, umso mehr schätze ich Europa. Wo in der Welt ist es noch möglich mit einem Autokennzeichen unterwegs zu sein, das einen Präsidenten öffentlich aufs Obszönste beschimpft: OneBigAssMakesAmerica! Noch nie dürfte ein Präsident der Vereinigten Staaten so extrem gehasst oder wenn nicht geliebt, so doch abgelehnt worden sein. Ich will nicht behaupten, dass das, was ich höre und sehe, repräsentativ für ganz Amerika ist, doch habe ich hier im Mikrokosmos des Highlandparks die Möglichkeit, Menschen unterschiedlichster Herkunft und sozialem Background zu befragen. Die meisten zwar„low class people“, wie Horst sie nennen würde, aber selbst diese sehen in Obama eher einen Popstar als einen Politiker, und manche von ihnen meinen nicht nur, dass sich nach Obamas Wahl für sie nichts geändert habe, sondern versteigen sich zu der Ansicht, dass nun alles sogar schlechter geworden sei als zuvor. 

An Obama scheiden sich die Geister. Auf der einen Seite stramme Rechtsaußen, die ihn als Sozialisten sehen, was hier der größten Beleidigung gleich kommt, oder eher liberal Denkende, die ihn in Verdacht haben, dass er die Gesundheitsreform und die angekündigte Amnesty für illegal im Land lebende Menschen nur deshalb auf die Agenda gesetzt habe, um wieder gewählt zu werden. Er drehe sich unermüdlich nach dem Wind und könne zwar gut reden, aber seine Regierungsvorhaben nicht kommunizieren, so die moderate Meinung derer, die ihn nicht für ihre persönliche Misere verantwortlich machen wollen. Er scheint es hier wirklich niemandem recht machen zu können.

Da es weder staatliches Fernsehen noch Radio gibt, wird auf allen Kanälen den ganzen lieben langen Tag entweder über Obama geschimpft oder ihm geschmeichelt, wie Paul meint, der Programme wie 3SAT, ARTE, ja sogar ORF, vor allem Ö1 und die im Vergleich zum  republikanischen FOX , das Horst so liebt und MSNBC, das eher den Demokraten zugeneigt ist, die so ausgewogene Berichterstattung sehr vermisst. Talkmaster David Letterman und Jay Leno,  der Komödiant Bernie Mac und Satiresendungen wie  „Daily Show“ und „Colbert Report“, sind für viele US-Bürger die einzige Nachrichtenquelle.  Gnadenlos wird hier über Obama hergezogen. Selbst Seelenverwandtschaft  mit Hitler, Hussein und Osama Bin Laden muss er sich gefallen lassen. Ich begnüge mich damit, ihn nicht als einen nonkomformistischen Revolutionär zu sehen.

Den Republikanern ist jeder staatliche Eingriff zu viel. Aus diesem Grund haben sie die Gesundheitsreform als im Widerspruch zur Verfassung stehend eingeklagt. Weil die Mittellosen und Armen, die bis jetzt nicht versichert waren und daher auch ohne jeden Anspruch auf gesundheitliche Versorgung sind, angeblich die Wartesäle stürmen, wären die Krankenhäuser und Ambulanzen nicht nur überfordert, sondern könnten auch ihren Standard nicht mehr halten, was zur Folge habe, dass Ärzte der staatlichen Regulierung wegen auswandern. Die Dienstleistungen würden schlechter und so drohe das bislang über private Krankenkassen finanzierte Gesundheitssystem zu kippen.

Und überhaupt: Der im Jahr 1967 eingeführte Govermentcheck, der den Arbeits- und Mittellosen abhängig von durchzuführenden Drogentests ihre Existenz sichert, gehört ihrer Meinung nach endlich abgeschafft. Das würde auch die illegale Einwanderung stoppen. Neuerliche Erhebungen gehen derzeit von 11 Millionen illegal im Land lebenden Menschen aus. Auf Grund der langanhalten Rezession jedoch, fehlenden Jobs auf dem Arbeitsmarkt und der strikten Grenzkontrollen sei die Zahl der illegalen Einwanderer seit 2005 rückläufig. Dies widerspricht der landläufigen Meinung, dass Amerika von Einwanderungswilligen überflutet werde Was sicherlich stimmt, ist, dass die vom mexikanischen Drogen- und Schmugglerkartell an der Grenze verübten Verbrechen, denen in der Amtszeit Calderons bislang bis zu 30 000 Menschen zum Opfer fielen, sicher auch zum Rückgang der illegalen Einwanderung beitrugen.

Für Juan jedenfalls, einem Highlandparkbewohner, der von Amsterdam träumt, alles nicht wirklich von Belang, da er durch seinen Gefängnisaufenthalt auch aus der Grundversorgung herausgefallen ist,  und – Obama hin oder her – nur ums nackte Überleben kämpft.

Ich werde demnächst die editierten Interviews als Audiostreams ins Netz stellen, damit ihr im O-Ton hört, was hier die Gemüter in Wallung bringt, und freue mich wie immer über Feedback oder Fragen.

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