Körper-Signal-Therapie

Körper-signal-therapie

Ich wache in leicht euphorischer Stimmung auf. Das macht die farblose Flüssigkeit, die mir seit meiner Einweisung über einen Katheder ins Blut geträufelt wird. Mein neuer Bettnachbar sitzt auf der Bettkante im Spital der Barmherzigen Brüder und starrt – mit dem Oberkörper wippend – auf seine blassgelben Füße, die ohne Bodenkontakt mitpendeln. Stefan heißt er. Er nennt mich Günter.„Mit th nehme ich an?“, fragt er, als wäre er besorgt, den von ihm erfundenen Namen vielleicht falsch zu schreiben, obwohl er – selbst, wenn ich meine Phantasie noch so bemühe, in diese Verlegenheit nie kommen wird. Da ich nicht widerspreche, bleibt es dabei. Ich bin Günther und schreibe mich mit th. Er ist kein unangenehmer Bettnachbar. Ganz und gar nicht. Der Pfarrer, der vor ihm das Bett gehütet hat, war eine Zumutung, hatte sich dieser doch glatt in den Kopf gesetzt, meine Seele vor der ewigen Verdammnis retten zu wollen. Lieber ein Günther mit th, der etwas seltsam tickt, als das verlorene Schaf für einen Pfarrer, der es wieder auf den richtigen Weg führen will.

„Günther?“, fragt er jetzt, „Bist wach? An deiner Stelle hätt’ ich das nicht unterschrieben!“ Was unterschrieben?, frage ich ihn jetzt schon um Einiges munterer. „Hast also den Chines’ gar nicht mitkriegt, der kommen ist wegen der Unterschrift für die OP? Hab ich mir gleich dacht. Schlitzohren sind’s, alle miteinander. Der is doch noch halbert im Delirium, hab ich g’sagt, wegen der Tropfen. Der weiß doch gar nicht, was er da unterschreiben tut, hab ich g’sagt. Glaubst, das hat den kümmert? G’lacht hat’s, das Schlitzohr und is wieder gangen.“ Auch Stefan lacht jetzt, weil ich’s nicht glauben kann, dass ich was unterschrieben hab und weiß es nicht mehr. Dann löscht er das Lachen als wär’s Feuer, das ein Haus in Brand stecken könnte, und meint übergangslos: „Es is ein Jammer.“

Mit dem, was ein Jammer ist, meint er das, weswegen er hier und mein Bettnachbar geworden ist. Vielleicht hat er angenommen, dass ich seine Krankheitsgeschichte nicht wirklich mitgekriegt habe, weil er jetzt schon wieder damit anfängt: „Seit Februar geht nix mehr. Seit Februar sind meine Schließmuskeln wie gelähmt. Ich kann nicht mehr aufs Klo, d.h. ich kann schon, aber es passiert nix, wenn du weißt, was ich mein“, sagt er und schaut mich von unten her an, um herauszufinden, ob ich ihn auch richtig verstanden habe. „Was is jetzt?“, fragt er. Ich will schon fragen, was jetzt sein soll, da sagt er mit Grabesstimme: „Jetzt is September.“ Eine Schwester kommt ins Zimmer, misst seinen Puls und befiehlt ihm, sich ins Bett zu legen. Stefan lässt alles mit sich geschehen, tut so, als würde er ihre Gegenwart einfach nicht wahrnehmen: „September is. Das sind – wart – 1,2,3, ..7 Monat. 7 Monat, wo ich nimmer hab scheißen können – auf gut deutsch und unter uns g’sagt.“ „Aber Herr Stefan!“, sagt die Krankenschwester jetzt. Sie hat ein großes Kreuz um ihren Hals. Sie sagt es vorwurfsvoll, er aber ignoriert sie einfach: „Nichts hat g’riffen. Keine Abführmittel, keine Ernährungs-umstellung, keine Medikamente, immer nur Einläufe, damit’s kein Darmverschluss wird. Ein künstlicher Ausgang, mehr fallt ihnen da nit ein. Ein künstlicher Ausgang. A künstlich’s Arschloch auf gut deutsch.“ Er klingt verzweifelt und ich würde ihm gerne helfen, aber ich weiß nicht wie. „Meine Frau damals hat das einmal gehabt“, versuche ich ihn zu trösten. „Das war im Dschungel irgendwo in Mittelamerika. Ist schon Jahre her. Die hat sich so geekelt vor den offenen Küchen mit Tellern, in denen noch die Reste vom letzten Essen drauf gepickt sind und allem, was da herumgekrochen ist, dass sie nicht mehr aufs Klo hat gehen können. Hätt’ sie nach einer Woche oder länger, ich weiß es nicht mehr, keinen Einlauf kriegt, wär sie glatt gestorben“, versichere ich ihm, aber es tröstet ihn nicht. Im Gegenteil! Es macht ihn wütend: „Aber“, protestiert Stefan, „das kannst doch nicht vergleichen! Bei mir daheim ist jeder Teller wie ein Spiegel putzt, bevor er wieder auf den Tisch kommt. Ich leb in keinem Dschungel und mir ekelt vor nichts außer vor Spinnen.“ Ich versuche es noch einmal. Andersherum. Ein hilfloser Versuch mehr, mit ihm im Gespräch zu bleiben: „Ich will damit nur sagen, dass es einen Grund gibt, warum du nicht auf’s Klo kannst. Schau!“, sag ich, „ich bin wegen Gallensteine hier. Ja, woher, könnt’ einer fragen, kommen die wohl? Hab ich mich falsch ernährt oder was? Dein Körper sagt dir immer, was los ist mit dir. Manchmal braucht’s halt länger. Nicht, dass du glaubst, dass das von mir ist. Das hab ich g’lesen. Wahrscheinlich hab ich mich zu lange zu viel ärgern müssen und das hat sich auf die Galle g’schlagen, und jetzt müssen’s halt raus die Steine. Weißt du, was dein Problem ist? Soll ich’s dir sagen? Du willst oder kannst nicht loslassen, drum haltest es zurück!“ Jetzt schaut er mich groß an, der Stefan, richtet sich am Galgen auf, und setzt sich wieder auf die Bettrandkante, die Hände im Schoß. Wie ein großes Kind sitzt er da und schaut mich an. Dann sagt er ins lange Schweigen, das mich meine blöden Erklärungen schon wieder bereuen lässt: „Günther“, sagt er, und es klingt nicht so, als würde er mich jetzt fragen wollen, was mich denn so geärgert hat, oder als beschäftige ihn, was er zurückhält und nicht loslassen kann. Es klingt eher unheilverkündend. So, als würde er gleich zu mir rüber kommen und mir eine runter hauen, aber nichts dergleichen geschieht: „Es is ein Jammer!“, stellt er nur wieder fest. Dann steht er auf und schlurft aus dem Zimmer.

Mich hat die Koloskopie und Gastroskopie so hergenommen, dass ich schon wieder in einen Halbschlaf sinke. Ich weiß nicht, wie lange ich so vor mich hin gedämmert habe, soll es aber gleich erfahren, denn eine scharfe Stimme eskortiert Stefan zu seinem Bett: „Jetzt gehn’s schon eine Stunde den Gang auf und ab wie ein Schlafwandler. Wie oft muss ich ihnen noch sagen, dass sie im Bett bleiben sollen?“ „Ich muss nachdenken“, sagt Stefan zur Schwester, die ihn nicht sanft, sondern bestimmt ins Bett hilft und dann wie einen kleinen Jungen zudeckt. „Das können’s auch im Liegen“. Ein Killerargument. Nicht aber für ihn, denn er ist weit weg: „Wissen’s eigentlich, wer ich bin?“, fragt er die Schwester jetzt. „Nicht bin. War?“ Er schaut sie an, als wäre er ein Talkmaster bei Wetten dass .., der darauf wartet, dass sein Kandidat den Publikumsjoker einsetzt. Die Schwester schaut ihn an und dann mich und dann fragt sie – unsicher geworden, aber im Begriff zu gehen –  „Sollte ich den kennen?“  Stefan ist bestürzt. „Was, sie kennen den Wantze nicht? Du auch nicht, Günther?“ Ich schüttle den Kopf, die Krankenschwester hat die Hand auf der Klinke. „Den berühmten Ringer vom Heumarkt? Hundert Kilo hat der auf die Waage b’racht. Und jetzt schaut’s  mich an. Nur noch Haut und Knochen.“ Die Schwester geht. Ich aber bleibe notgedrungen verwirrt zurück. Gerade als ich ihn fragen will, ob er besagter Wantze gewesen sei oder nur so viel wie er gewogen habe, stürmen zwei stämmige Pfleger herein, bocken das Krankenbett auf die Räder und fahren mich hinaus auf den Gang Richtung OP. „Günther“, ruft’s hinter mir her. Fast triumphierend. „Günther, jetzt weiß ich, warum ich nicht mehr scheißen hab können.“ Die Pfleger flitzen mit mir den Gang entlang als ging es bei mir um Tod und Leben. Dabei wollen sie nur den „Verrückten“ loswerden, der jetzt bis auf meine Kopfhöhe aufgeschlossen hat.„Nach’m Heumarkt war ich Portier. Im Nachtdienst“, keucht er, „Bei der Notenbank. In einem Kobel nicht größer als ein Klo. Die ganze Nacht. Jede Nacht“ Er will mit mir und den Pflegern in den Lift. Die aber versperren ihm den Weg, Er hüpft zwischen den beiden, die ihn in ihre Mitte genommen haben und hinaus befördern, immer wieder hoch und schreit: „Ich hab mich nie traut aufs Klo geh’n, hätt’ ja ein Anruf sein können.“ Bevor sich die schwere Aluminiumtür schließt, sehe ich ihn, wie er mit hintem offenen Hemd davon trottet. Dasselbe, das auch ich anhabe. Seines aber hat einen braunen Fleck. Die Lifttür öffnet sich wieder und ich bin im OP. „Scheiße“, denk’ ich.

1 Comment
  • chb
    Posted at 22:46h, 02 Januar Antworten

    Eine schöne geschichte. Du schaffst es echt einen scheiss schön erglänzen zu lassen.O:-)

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