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Wirt und Rechnung

Es ist, wie es ist, auch wenn es so nicht sein soll, Doch wenn es so ist, wie es nicht sein sollte, kann ich etwas tun, damit es so wird, wie ich es mir wünsche, dass es sei. Sei es so oder anders.  Was zählt, ist nicht das Sein, wie ich es mir vorstelle. Die Vorstellung allein aber kann es verändern. Es zahlt sich also aus, sich vorzustellen, dass es auch anders sein könnte. Auch das zählt. Wenn ich der Wirt bin und die Rechnung mein Leben, dann bin es auch ich, der die Zeche zahlt. Nie aber werde ich eine Rechnung ohne den Wirt machen können.. Selbst wenn ich ihn um seine Zeche prelle, bei ihm anschreiben lasse, bei einem anderen Wirt anklopfe, um einen Kredit aufzunehmen:  Ich kann ihn mit Zinseszinsen zurück zahlen, ein Leben auf Pump führen, aber am Ende wird mir eine Rechnung gestellt werden mit einem Strich darunter. Ich kann also gar nicht der Wirt sein. Der Wirt ist ein Wort aus drei Buchstaben: Ein zwischen einem harten und einem weichen d eingebettetes langes ohhhh. Ich scheue mich nicht es auszuschreiben: Der Wirt heißt in Wirklichkeit Tod und ist ebenso unsterblich wie die Zeit. Er nisted sich ein, wenn Ei- und Samenzelle aufeinandertreffen. Falsch: Er hat schon vorher Platz genommen und wartet geduldig auf seine Stunde, die wir unsere letzte nennen. Wer also fragt: Wer oder Was kostet das Leben?, kann nur eine gültige Antwort erhalten, und die heißt: Der Tod. Er ist kein Kostgänger. Er ist auch kein Gast. Ein Wirt kann nicht gleichzeitig Gast sein. Ich bin sein Gast und mein Leben das Pfand, mit dem ich die Rechnung bezahle. Wenn wir auf die Welt kommen, haben wir schon bei ihm angeschrieben. Manchmal ist er großzügig, manchmal kleinlich. Es ist, wie es ist, oder kann ich wirklich etwas dagegen oder dafür tun, dass es anders kommt? Ich kann mir zum Beispiel vorstellen den Wirt einzuladen, damit er mein Gast wird. Ich werde keine Kerzen anzünden, mir und ihm nichts vormachen. Ich werde ihn auch nicht umstimmen wollen. Aber mit ihm auf Augenhöhe ein Gespräch führen. Einleitend will ich ihn fragen, und so tun, als ob ich es wirklich wissen wolle, wie es ihm so geht, wie er dem Klimawandel gegenüber eingestellt ist, was er von der Entwicklung in den arabischen Ländern hält, die bekanntlich viele Todesopfer fordern, auch ob es ihm nichts ausmache, wenn ich rauche, dann aber will ich zur Sache kommen. In der Pause, die nun entsteht, zeigt er auf die Zigarettenpackung, die den Hinweis enthält, dass Rauchen meine Haut altern lässt, und grinst mich herausfordernd an. Ohne mich verunsichern zu lassen, schaue ich ihm in seine todmüden Augen, ziehe genüsslich an meiner Zigarette, blase Rauchringe an die Decke und höre mich antworten, als hätte er eine Frage gestellt: Wissen sie, – darf ich du sagen? – da hast du schon recht. Eigentlich will ich deiner Arbeit ja nicht zuvor kommen, aber das hättest du ja schon lange tun können. Jetzt im Augenblick könntest du mich tot vom Stuhl fallen lassen. Ich weiß, wer du bist und wozu du imstande bist, aber weißt du auch, was du nicht kannst? Die Frage schien ihn mehr als zu amüsieren. Mit einem kaum merklichen Nicken hatte er mir zu verstehen gegeben, dass ich ihn duzen könne, gleichzeitig aber ließ er mich – wieder durch ein kaum sichtbares,  kolibrischnelles Flattern seiner todmüden Lider – wissen, dass er in Wirklichkeit keinen Rollentausch vornimmt, sondern eben so tut, als wäre ein solcher denkbar. Du willst mir also die Grenzen meiner Macht aufzeigen? Habe ich dich da richtig verstanden?, meinte er mit einer unterschwelligen und wieder kaum wahrnehmbaren Drohung in der Stimme. Ja, gab ich im Wissen um meinen Triumph zurück und fischte eine neue Zigarette aus der Packung: Du kannst nicht sterben. Sein Mienenspiel zu deuten, würde noch eine Seite füllen, ich will mich aber kurz halten. Ich hatte ihn totsächlich an seiner Schwachstelle erwischt. Einen kurzen Augenblick dachte ich, dass ich das schneller büßen würde, als ich denken kann. Er aber überraschte mich mit einem donnernden und raumfüllenden Lachen, das ich immer noch im Ohr habe. Dann stand er auf, schüttelte meine Hand, bedankte sich für die Einladung und ging.

Es ist, wie es ist, auch wenn es so nicht sein soll, Doch wenn es so ist, wie es nicht sein sollte, kann ich etwas tun, damit es so wird, wie ich es mir wünsche, dass es sei. So ist es.

1 Comment
  • chb
    Posted at 00:20h, 16 Mai Antworten

    Und manchmal ist der wirt sein bester gast.

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