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Die Testamentvollstrecker

Er bemüht sich. Er bemühte sich wirklich, …

Zwei Sätze. Eine Feststellung in zwei Zeiten, wiederholt und erweitert durch eine adverbiale Bestimmung, die unterstreichen soll, wie er sich bemüht und bemüht hat. Geradeso, als hätte einer infragestellen wollen, dass er sich bemüht. Dann ein Beistrich, der einen Nebensatz ankündigt, aber offen lässt, worum er sich bemühte. Ein Blatt Papier auf einem nun verwaisten Schreibtisch. Eine  Person, die verschweigt, wer gemeint und an wen das Schreiben gerichtet ist. Nicht die leiseste Andeutung. Nur diese Zeile. Handgeschrieben, als sollte es ein letzter Brief werden.

Ein ausklingender Donnerstag im Februar mit Nebel und früher Dunkelheit. Fragen im aufgeräumten, doch leeren Raum eines Arbeitszimmers, das als solches nie benutzt worden ist. Fragen, die Licht, künstliches Licht in die dunkle Angelegenheit bringen sollen: Wo kein Leichnam, da kein (Selbst)Mord. Lebensgefährten, Arbeitskollegen, Freunde, auch Exfrauen, die eine Antwort versuchen, Vermutungen äußern. Jeder hat eine Erklärung und liefert doch keine stichhaltigen Gründe. Einfälle haben sie, auf die er nie gekommen wäre. Auch wenn nicht – im strengen juridischen Sinne jedenfalls nicht – von einer Hinterlassenschaft, von einem Testament gesprochen werden kann – es fehlen ja Datum und Unterschrift – haben sie trotzdem die Bedeutung eines Vermächtnisses, einer kryptischen Botschaft, ausdeutbar bis an die Grenzen des gerade noch Verständlichen oder Verstehbaren, diese zwei Sätze, vor allem der letzte, seine nicht vollendete, aber verstärkte Wiederholung. Ein Fragment, dessen Zauber darin besteht, es durch Phantasie zu einer Botschaft ergänzen zu können. Zu müssen.

Er bemüht sich. Er bemühte sich wirklich, … Ja, er hat sich wirklich bemüht, denn es hing viel davon ab, wie es gedeutet würde, dieses sein Vermächtnis. Sein einziger Nachlass. Er sah sie schon vor sich. Beim Schreiben schon. Die 6 köpfige Jury aus männlichen und weiblichen Literaturkritikern, denen er das Binnen -I- nicht zumuten wollte. Nun wäre sie aufgefordert, ja nahezu herausgefordert, diese Zeile so lange zu drehen und zu wenden und ihr einen Sinn anzudichten, bis dieses der Nachwelt aufgegebene Rätsel wenigstens literarisch geklärt ist. Sie müsste Deutungen versuchen, sie verwerfen; seinem Geschriebenen wenigstens einmal und sei es als Postskriptum die Aufmerk-samkeit schenken, die es verdient. „Würde alles, jedes Wort vor einem Abschied wie ein Testament gelesen, gehört und so verstanden werden, würden da die Worte wieder ihre ursprüngliche Bedeutung zurückerhalten“, hört er sie sagen, die dieser Preisverleihung auf Grund ihrer Zuständigkeit für schwierige und schwer erschließbare, vor allem selbstreferentielle Texte wegen extra aus der Schweiz angereist war. „Würden nicht selbst triviale Mitteilungen auf Facebook „Ich hätte kommen sollen!“ oder Tweets  wie zB. „Sprecher verlässt das weiße Haus“ zu geradezu lyrischen Botschaften, die uns die Brüchigkeit unseres Seins vor Augen führen“, fragte sie mit ihrem Marker diese Sätze wie einem unterbezahlten Gerichtsschreiber diktierend.

Auf die Unterstellung, dass da einer mit seinem Hinscheiden wohl schon immer kokettiert und selbstverliebt sich nur noch ein letztes Mal vor großem Publikum in Szene setzen habe wollen, indem er einen handgeschriebenen Satzanfang hinterlässt, den er aus Feigheit selbst anzutreten, um sich dem Urteil der Jury zu stellen, einem anderen überlassen habe, war er vorbereitet. Auch schon beim Schreiben wusste er, dass dieses Killerargument gegen ihn verwendet werden würde. Damit konnte er leben. „Warum aber in Wörtern einen verborgenen Sinn entdecken wollen, den sie gar nicht haben? Warum aber nicht hoffen, dass auch aus nebeneinander gereihten Wörtern oder einem Satzanfang wie diesem einmal eine Geschichte wird?“ Die kontroversiell geführte Diskussion, über die sich die Moderatorin sehr zu freuen schien, erreichte ihren Höhepunkt, als quasi im Schlusswort vom Juryvorsitzendem B. S. resümiert wurde: „Ich fahre zu Zwecken der Demutsübung einmal im Jahr hierher. Hier kann ich erlernen, wie viele Urteile über einen Gegenstand möglich sind. Wie Überzeugungen, die Granitblöcke waren, zu Sand zerrieben werden. Kaum ein Text, der nicht verschieden aufgefasst und kommentiert wird. Kaum ein Urteil, das nicht auf entschiedenen Widerstand stößt.“

Er würde nicht lesen. Das würde ein anderer für ihn tun müssen. Am besten ein Freund, an dem jede Kritik abperlt, weil er sich selbst für unfehlbar hält, obwohl seine Urteilsfähigkeit von jedem, sogar von seinen Kindern, die mittlerweile erwachsen waren, angezweifelt wird. Das Display seines Mobiltelefons zeigt ihm alle gespeicherten Personen durch, denen er eine solche Aufgabe zumuten könnte, einen einzeiligen Text vor Publikum zu lesen. Auch müsste er lesen können. Mehr als nur lesen: Ausdrucksstark. Mit Pausen, in welchen die drei Punkte, die eine nur gedachte Fortsetzung erzwingen sollten, nicht zu Punkten verkommen, denen nichts nachfolgt, nichts außer einem raumfüllenden Schweigen, das alle: Jury und Publikum nicht nur ratlos, sondern fast peinlich berührt zurücklässt. Nein. Auch der Speicher seines Mobiltelefons wusste  niemanden, der diese Voraussetzungen – sowohl unempfindlich gegen Kritik zu sein, als auch ausdrucksstark in seiner Rede, einer beinahe mündlichen Schriftlichkeit, wie sie die fast zur Unkenntlichkeit verstümmelten Chatbotschaften oder SMS an den Tag legen -, erfüllen hätte können. LOL. Außerdem hätte er sich ihm anvertrauen müssen. Er selbst würde ja unerkannt im Publikum sitzen, während nach dem effektvollen Vortrag – die Kamera schwenkte dabei nach einem Zoom auf das großporige Gesicht des ihn stellvertretenden Autors, streifte zuerst über die Namensschilder der mit ihm in einer Stirnreihe sitzenden Jurymitglieder, von denen einige sich gerade Notizen machen wollten, in der gehaltenen Kürze aber gar nicht dazu kamen: Momentaufnahme einer in den Gesichtern ablesbaren Entgeisterung, die sich auch in der Totalen spiegelt, als die Kamera ihren Blick auf das Publikum richtet. „Wem es mit einem Satz gelingt, solche Entgeisterung zu erzielen und den Spannungsbogen über Entsetzen bis hin zu Amüsiertheit zu steigern“, will die Moderatorin gerade sagen, als sich das imaginierte Funkbild in Schnee und Rauschen auflöst und sich am Ende des Gehörganges, dort wo Amboss und Steigbügel Schallbildung möglich machen, eine fisteldünne Stimme Krishnamuriit zitiert: „Du hast recht. Über die Wirklichkeit kann man nicht sprechen; wenn man darüber spricht, ist es nicht mehr die Wirklichkeit.“

Er streichelt die Katze, nimmt das Akkordeon, übt ein Wiegenlied mit Balgwechsel, telefoniert, schläft, reibt sich die Augen, liest, was er geschrieben hat, überfliegt die angefangene Zeile:

Er bemüht sich. Er bemühte sich wirklich, … – überlegt einen Augenblick und korrigiert: „Ich bemühe mich. Ich bemühte mich wirklich, …“ –  und ergänzt – , „dich zu unterhalten.“

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