Zeilen aus Damals


Er war vor ihr stehen geblieben, hatte sich für die Störung entschuldigt, da sie  – von ihm angesprochen – erschrocken war. Der Sommer ging auf sein Ende zu. Ein Platzregen war eben nieder gegangen, und von der nur halb über den Gehsteig ausgefahrenen Jalousie des Cafe Europa platschten die noch von ihr gespeicherten letzten Tropfen schwer auf den warmen Asphalt. Sie musste auf ihn wie jemand gewirkt haben, der zwar in diesem Augenblick an einer Schale eines noch zu heißen Kaffees nippte, in Wirklichkeit aber von ihren Gedanken in eine andere Zeit gespült worden war: In eine Zeit, an die sie sich nicht gerne erinnern wollte, was aber von ihrem Ich aus diesen fernen Tagen nicht akzeptiert wurde. Nie. Auch in den Träumen nicht. Darum war sie froh über die Anrede und die versprochene Ablenkung.

Sie hatte ihn schon wahrgenommen, als er mit seiner Sammelbüchse und einem Schnellhefter unter den Achseln seiner für den Sommer viel zu warmen schwarzen Jacke von Tisch zu Tisch ging, aber so, wie man zuerst nur einen Schatten wahrnimmt. Vielleicht sogar im Stillen hoffend, dass er auch bei ihr Halt macht, um sie von ihren trüben Gedanken zu befreien, was heute auch der Sonne nicht zu gelingen schien, die jetzt so tat, als hätte es nicht eben noch geregnet.

Wenn er nicht aufpasst, wird er noch vor mir ins Grab müssen, so wie er aussieht,  dachte sie, als sie in sein Gesicht sah. So jung und doch: Es war etwas in seinen Augen oder lag es an seinen eingefallenen Wangen, die den Verlust von Zähnen vermuten ließen, ein Verlust, der ihn nicht sonderlich zu betrüben schien, vielleicht aber war es die Unbekümmertheit seines Auftretens, die er sich – jederzeit gewärtig, von Kellnern wie ein unliebsamer Bettler verscheucht zu werden – erworben hatte, die Erhabenheit über bezwungenen Stolz, die Kleidung, die seinen Körper zusammen zu halten schien, alles ließ darauf schließen, dass er sich selbst sehr nahe gekommen war. Zu nahe fast. Eine Nähe, die man nur herstellt, wenn man alles riskiert hat, und dahin geht, wo andere nicht hingehen. Vermutlich ein Anhänger jener Sekte, die im Tod den Höhepunkt des Lebens sieht. Sie jedenfalls sah, dass er einer von jenen war, die gegeben hatten, was andere nicht geben wollen oder nicht können. Ein Zweig. Grün. Im Feuer. Sie sah es, sie hatte dieses Bild noch bevor er sich für die Spende bedankte, nachdem er lange in seinem Schnellhefter geblättert, dann mit einem leisen Lächeln ein gauloiseblaues Blatt aus ihm heraus gerissen und es ihr schüchtern auf den Tisch gelegt hatte. Und sie empfand Verachtung für sich selbst, nicht sofort, aber wenig später, als er davon geschlürft war, – bedächtig einen Fuß vor den anderen setzend, wie es alte Menschen tun, die ihren Füßen nicht mehr vertrauen -, weil sie ihn für sein Geschenk mit einer Münze abgespeist hatte. Und die hatte sie ihm nicht einmal in die Hand gegeben, sondern auf den Tisch gelegt, als wolle sie sich die Peinlichkeit einer Berührung ersparen.

Ich würde es nicht tun, und dann bereuen, es nicht getan zu haben. Selbst wenn ich mich darauf einließe, ich würde es bereuen. Warum es also nicht tun? So muss ich gedacht haben damals. Ja, so muss es gewesen sein. Doch endete es nicht so, wie ich erwartet hatte. Ich bereute zutiefst, sie getroffen zu haben, da ich sie bis in meine Träume vermisste, als sie mich stehen ließ mitten im Tanz, aus dem sie den letzten in meinem Leben gemacht hatte. Ihr Bild aber wollte auch dann sich nicht auflösen, als die Tage anbrachen, nachdem dies geschehen war.

Noch einmal und immer wieder überflog sie die mit einer Schreibmaschine geschriebenen Zeilen…, bestürzt, als wäre es jene Aufzeichnung im Tagebuch gewesen, die jener Mann geschrieben hatte, dem keiner mehr nachfolgen sollte. Keiner, der ihre Bereitschaft zur Hingabe noch einmal hätte wecken können. Es war im Tanz jener Jahre geschehen, als sie glaubten, unsterblich zu sein.

Mit freundlichen Grüßen, stand darunter und weiter unten sein Name.

Sie war aufgestanden, um ihn einzuholen. Viel zu schnell aufgestanden. Ihr war schwindelig, und sie musste sich wieder setzen. „Ich habe für einen Augenblick vergessen, dass ich letzte Woche 82 geworden bin“, dachte sie, und das erste Mal an diesem Tag huschte ein Lächeln über ihr Gesicht.

1 Comment
  • bianca marija edinger
    Posted at 09:39h, 02 November Antworten

    Wunderschön!L.G.Bianca-Marija

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