Anton Ym zur Zufriedenheit

Als der Tag zur Neige gegangen war, zählte mein Freund alles auf, was ihn heute hätte mit sich zufrieden sein lassen können:

Ich habe nicht auf dem harten Beton knien müssen, um mir  – auf die Barmherzigkeit der Menschen angewiesen – ein paar Cents zu erbetteln.

Ich hatte keinen Vorgesetzten, der mich jeden Augenblick wissen und spüren ließ, dass ich die mir aufgetragene Arbeit nicht zu seiner Zufriedenheit erfülle.

Es gab keine Arbeitskollegen, die in mir eine Konkurrenz sahen und auf meine privilegierte Position neidig waren. Übrigens die einzigen Freuden eines Ganzzeitarbeitslosen.

Ich habe nicht im Zimmer eines Seniorenheimes – von allen vergessen – vor mich hindämmern und auf den Tod warten müssen und auch nicht darüber nachdenken, warum ich nicht im Kreise meiner vielen Enkelkinder der gute Opa sein darf, wie es die Werbung für Lebensversicherung im Fernsehen mir weismachen will.

Ich bin vor keinen U-Ausschuss zitiert worden, ich habe keine Demenz vortäuschen müssen und mir ist die hochnotpeinliche Befragung erspart geblieben, woher die 100 000 € kommen, die ich für „was war meine Leistung?“ (nie) erhalten habe.

Ich habe mich außer einer Routi8neuntersuchung keinen Tests unterziehen müssen, um herauszufinden, ob der Helm den Überschallknall dämpfen wird oder der Druckanzug das Blut nicht zum Kochen bringt, wenn man sich aus 36 km im freien Fall zur Erde stürzt.

Ich habe auf kein Angebot einer Partnerbörse reagieren müssen, da meine Prämienmitgliedschaft von einem anderen gehackt worden ist, der sich für mich ausgibt, obwohl ich meine Identität erfunden habe.

Ich habe mich heute über „Heute“ nicht ärgern müssen, weil es im Wartezimmer des Labors, wo ich zu einer Untersuchung war, zwar auflag,  ein Mann aber mit Tourett-Syndrom die Aufmerksamkeit aller Patienten, Assistentinnen und Ärzte dermaßen in Anspruch nahm, dass niemand sich am „Heute“ vergreifen musste.

Ich bin heute sehr weit gegangen. Ich habe von einem  Mobilfunkunternehmen nicht Geld zurück sondern Leben für nicht verbrauchte Minuten eingefordert.

Gut. Es reicht, habe ich zu meinem Freund gesagt. Bist du nun zufrieden mit dir oder nicht?

Weißt du überhaupt, wie der Duden oder Google Zufriedenheit definiert? Ohne meine Antwort abzuwarten, zitierte er aus dem Kopf, wofür ich ihn sehr beneidet habe: „Zufriedenheit ist gemäß dem Bedeutungswörterbuch des Duden: a) innerlich ausgeglichen zu sein und nichts anderes zu verlangen, als man hat; b) mit den gegebenen Verhältnissen, Leistungen. einverstanden zu sein, nichts auszusetzen zu haben. Adjektivisch ist man zufrieden (etwa mit sich und der Welt). Die gesteigerte Zufriedenheit mit sich, wenn man einer (etwa sittlichen) Pflicht unter Opfern genüge getan hat, ist die Genugtuung. Sie muss sich nicht nach außen zu erkennen geben, anders als der Stolz. Erscheint der Stolz auf sich allzu billig, wird er als Selbstzufriedenheit kritisiert. Das Antonym zu Zufriedenheit ist Unzufriedenheit.“

Nach dieser Belehrung habe ich mich verabschiedet, konnte aber beim besten Willen nicht verhindern, auch darüber nachzudenken, was mich heute hätte mit mir zufrieden, aber nicht selbstzufrieden sein lassen hätte können.

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