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Zirkelschluss

Zirkelschluss

Jetzt wo länger werden meine Tage oder kürzer, weil ich länger schlafe, und ich mich mit dem Aufwachen frage, wie ich sie verbringen will, Vergangenes heraufdämmert, ein Sommer zum Beispiel mit stoppelgelben Feldern, auf denen Schafe weiden, und ich meinem Sohn zuschaue, wie er selbstvergessen mit dem spielt, was er im Keller eines alten Bauernhauses gefunden und aus den Spinnweben befreit hat, ich dem Singsang derer lausche, die in der sengenden Hitze mit Bauchläden den Strand auf und ab laufen, um Erfrischungen anzubieten, das Leben so eingerichtet, als wäre jeder seiner Augenblicke von größter Bedeutung, ohne auch nur zu ahnen, wie winzig das Teilchen Zeit ist, das wir leben werden, so nichtssagend vor der Ewigkeit, und wie unermesslich der Raum, in welchem wir uns nie aufhalten werden, jetzt, wo ich das alles zu wissen beginne, und wieder Sommer ist, mein Sohn ein junger Mann auf der Jagd nach Erfahrungen, die ich ihm nicht ersparen kann, obwohl in ihm auch mein Blut kreist, jetzt, wo mein Lied gesungen ist und die Flamme der Neugier kaum mehr flackert, weil alles, was fremd ist, ich mir selber bin, heute, wo Sonne und Uranus eine Konjunktion bilden, eine unter Umständen positive Konstellation, wie mir ein Horoskop weismachen will, heute werde ich noch einmal so tun, als läge mein Leben vor mir.

Der Tag kam wie jeder. Er drang in ihn ein. Gewaltsam. Er schlug die Augen auf und nahm ihn wahr. Das Bett blieb eine Versuchung. Es war weich und es war warm. Der Traum aber, der sich mit dem Augenaufschlag verflüchtigt hatte, war keiner von denen, den er nicht gerne unterbrochen hätte. Es blieb ein Gefühl. Es war nicht Angst, es war etwas anderes, etwas, das er so gut kannte wie den in seiner Unaufdringlichkeit kaum wahrnehmbaren Geruch der Frau, die er neben sich zu finden hoffte, an deren Abwesenheit er aber gerade durch ihn schmerzlich erinnert wurde. Seit sie ihn verlassen hatte, begrüßte er die neuen Tage nicht mehr, sondern versuchte sich vor ihnen zu verstecken, wie es Kinder tun, indem sie die Augen schließen.

Wie es nun weiter gehen sollte? Er wusste es nicht. Ein blick auf die Uhr bestätigte ihm, dass der Tag schon begonnen hatte, und die, die arbeiten mussten, bald schon in die erste Pause gehen würden. Auf der anderen Seite der Erdhalbkugel ging es wieder auf den Abend zu. Wo war das nun wieder, fragte er sich, wo man in kurzen Zeitabständen und Entfernungen 12 mal Neujahr feiern konnte? Dort würde ich jetzt gerne sein, dann hätte ich 12 mal die Möglichkeit den Tag anders zu beginnen. Bei diesen Gedanken huschte ein kaum merkliches Lächeln über sein Gesicht, das er im Spiegel kaum wieder erkannt haben würde, aber er mied ihn, so gut er konnte, da er in ihm jemanden wieder erkannte, dem er nicht begegnen wollte: einem selbstmitleidigen, fast schon griesgrämigen Mann jenseits der mittleren Jahre mit noch immer gezähltem grauem Haar auf seinem Haupt. Selbst an Schaufenstern würde er sich vorbeidrücken. Sie könnten ihn spiegeln, und dann würde er wieder einen Meineid schwören müssen oder sich selbst verraten: Das da bin nicht ich. Ich kenne ihn nicht. Er sieht mir nur ähnlich.
Jona, rief sie. Sie rief nicht laut. Sie rief mit einer Stimme, die ihn, wenn er noch schlafen sollte, nicht wecken, aber, wenn er schon wach war, darauf aufmerksam machen wollte, dass sie noch da war. Noch, dachte sie, bin ich da. Warum eigentlich? Als sie ein unverständliches Grunzen hörte, rief sie noch einmal seinen Namen. Diesmal lauter. Was für ein Name? Was müssen das für Eltern sein, die so einen Namen sich ausdenken für ihr Kind. Sie kannte sie nicht seine Eltern, bedauerte es aber nicht. Diese Nacht und was ihr vorausging, hatte gereicht, sie von dem Wunsch zu heilen, noch länger als eine Stunde mit ihm zu verbringen. Sie würde sich also schnell verabschieden oder sich aus der Wohnung schleichen und diesen Alb so schnell wie möglich vergessen. Was nur habe ich mir dabei gedacht? Was habe ich mir versprochen? Gut, dass er nicht aufgewacht ist. Ich will ihn nie wieder sehen.

Jona, den die Seeleute über Bord warfen, um den Sturm zu besänftigen. Jona, der im Bauch eines Wales überlebte und von ihm ausgespien worden war. An welche Küste? Mit welchem Auftrag? Ach ja. Wieder einmal sollte ein Strafgericht verhängt werden über eine sündige Stadt und er soll der Botschafter des nahenden Unheils sein. Das Ende ist nahe, hatte er gewarnt. Diesmal ist es keine Prophezeiung, die sich nicht erfüllen würde wie so oft seit der Sintflut. Kehrt um, bevor es zu spät ist! Aber nichts geschah. Gar nichts. Er hatte sich lächerlich gemacht. Was blieb, war die Angst. Hatte er das alles nur geträumt?

Im Augenblick wusste er nur eines: Ich war betrunken. Ich habe über meinen Durst getrunken letzte Nacht. Wer war die Frau, die ihn rief? Was war letzte Nacht? Sein Kopf war eine mit Nadeln gespickte Hohlmaske. Die plötzlichen Schmerzen ließen ihn ins Kissen sinken. Wo bin ich? Ist das mein Schlafzimmer? Ist das meine Wohnung? Als er die Tür ins Schloss fallen hörte, war es, als hätte ihn jemand eingesperrt und die Schlüssel mitgenommen. Wach auf!, wach auf!, dachte er laut und kniff sich in den Unterarm, um sich wieder seiner selbst zu vergewissern. Du bist in deiner dir vertrauten Umgebung. Schnitt. Schnitt. Schnitt. Das ist nicht mein Film. Das ist nicht das Drehbuch. Das sind nicht die Worte, die ich sagen, das sind nicht die Gedanken, die ich denken muss. Ich muss etwas anderes fragen, aber was?

Das Handy hatte 3 Mitteilungen gespeichert. Es gibt mich also noch, dachte er, auch wenn es vielleicht nur Mitteilungen über die Handyrechnung des abgelaufenen Kalendermonats waren oder eine Aufforderung an irgendeiner Lotterie teilzunehmen. Aber war das sein Klingelton?

Sie stand auf der Straße und empfing den eben beginnenden Tag mit einer Erleichterung, als wäre eben die Scheidung durch, um die sie sich nun schon länger als 3 Jahre bemüht hat.  Plötzlich fiel ihr ein, dass sie ihr Handy vergessen hatte. Bei dem Gedanken wieder zurück zu müssen und Jona vielleicht nicht mehr schlafend vorzufinden, erschrak sie. Am liebsten hätte sie das Handy einfach dort gelassen mit allen den von ihr gespeicherten Daten. Er könnte es mir ja mit der Post schicken, dachte sie, verwarf den Gedanken aber gleich wieder, da es voraussetzte, dass sie auch so wieder mit ihm Kontakt aufnehmen, ihn zumindest anrufen müsste. Nein: Es hilft nichts. Ich muss es gleich hinter mich bringen. Je schneller umso besser.

Er tastete nach dem Handy, öffnete die erste Mitteilung und las: „Wie war dein Date? Du musst mir berichten. Bin mehr als neugierig, Liebes.“ Jetzt war es an ihm so zu erschrecken, dass ihm das Blut jäh in den Kopf schoss. Wer wusste von seinem Seitensprung? Aber es war doch kein Seitensprung. Ich lebe seit Monaten schon allein oder versuche es zumindest, beruhigte er sich. Er öffnete hastig die zweite Mitteilung: „Du bist zu weit gegangen. Ist dir das klar?“ Jetzt endlich begriff er: Das ist ja gar nicht mein Handy. Er war neugierig geworden und öffnete die dritte SMS: „Ich weiß, wo du bist. Macht dir das Angst?“ In was bin ich da reingeraten, dachte er noch, als es klingelte. Er schob vorsichtig die Klappe beiseite und schaute durchs Guckloch. Es war die Frau, mit der er die Nacht verbracht hatte. Wie hieß sie noch schnell. Er öffnete. Es wollte ihm nicht einfallen. Sie ging grußlos an ihm vorbei, ging ins Badezimmer, kehrte um, hob die Kissen auf, stellte sie wieder zurück, und fragte dann, ihm das erste Mal ins Gesicht blickend: Wo ist mein Handy?

Jetzt läutete es an der Tür. Sie kam auf ihn zu, krallte ihre bunt lackierten Fingernägel in seine Oberarme und zischte flüsternd: „Mach nicht auf! Bitte, mach nicht auf!“

Er machte sich von ihr frei, ging auf die Türe zu, blickte sich noch einmal um, sah sie auf die Knie gehen und ihn händeringend anflehen, öffnete vorsichtig den Spion und sah in das durch die Froschlinse grob entstellte Gesicht eines Mannes, der zu allem entschlossen schien. Für den Bruchteil einer Sekunde war er bereit, ihm die Türe zu öffnen. Das alles hatte ja nichts mit ihm zu tun. Das können die sich untereinander ausmachen. Ein kurzer, vielleicht heftiger Streit, beide gehen, und er kann die Türe hinter ihnen wieder zumachen. Er hörte das wütende Schnaufen, sah die Frau noch immer in einer Haltung auf dem Boden knien, als hätte sie sich in ihr Schicksal ergeben, und ließ den Deckel über dem Spion wieder fallen. Es war weder die sichtbar blinde Wut des Mannes vor der Tür, noch war es die demütige Haltung der Frau, es war etwas anderes, was ihn dazu veranlasst hatte. Vielleicht wollte er einmal in die Rolle eines kaum beteiligten Dritten schlüpfen, sich in den Gemütszuständen der beiden gespiegelt sehen, in der Angst der Frau und in der nichts als durch Eifersucht begründeten Wut des Mannes draußen vor der Tür. Vielleicht aber, dachte er, will ich diesen Tag heute einmal wieder im Glauben beginnen, für jemanden wichtig zu sein. Dabei hatte ich mir doch fest vorgenommen, ja, was war das noch schnell, was ich mir vorgenommen habe…, gleichgültig zu werden; es zu sein? Gleichgültig. Ja, gleichgültig. Wie sonst soll ich denn wieder zu einem mir erträglichen Gleichgewicht finden?

Das alles schoss ihm durch den Kopf, während der Mann draußen auf die Tür einzuhämmern begonnen hatte, zuerst mit den Fäusten, dann mit den Füßen und jetzt sogar, indem er sich mit seinen Schultern krachend dagegen fallen ließ, um mit ihr in seine Wohnung zu fallen. Und sie? Jasmin – jetzt erinnerte er sich wieder -, hatte sich in den hintersten Winkel seines Wohnzimmers verkrochen, fast so, als gäbe es dort ein Leo: einen Ort, an dem sie geschützt war.

Alle drei verharrten in ihrer Stellung, als wären sie eingefroren. Keiner hatte einen Plan, wie es weiter gehen sollte. Nicht Jona, nicht Jasmin und am wenigsten der Mann draußen vor der Tür, wenn er nicht schon aufgegeben hatte. Und er hätte aufgegeben. Er wusste ja, wie es ausgehen würde, und dass ihn seine Aufdringlichkeit Lichtjahre von ihr entfernen würde. Ja, er konnte sich dabei sogar zuschauen, wie er alles unternahm, das zu zerstören, was bis vor wenigen Monaten noch ihre gemeinsame Welt war. Er hatte sie verloren. Er wusste es, aber konnte es wie alle Stalker nicht akzeptieren. Ja, er war ein Stalker. Gerichtlich belangt, durfte er mit ihr keinen Kontakt mehr aufnehmen, ohne zu riskieren, bei einer zweiten Anklage hinter Gitter zu müssen. Eigentlich hätten seine Rachebedürfnisse nach ihrer Trennung von ihm schon lange befriedigt sein müssen. Immerhin hatte er es soweit gebracht, dass sie ihre Wohnung, dann ihren Arbeitsplatz und ihre Freunde verloren hatte. Sie war sogar in eine andere Stadt gezogen, hatte sich eine Geheimnummer angeschafft. Nichts hatte geholfen. Plötzlich war er wieder vor der Tür Stein und Bein schwörend, dass er nur mit ihr reden wolle, dann winselnd, wie schlecht es ihm gehe, doch dann, wenn das alles sie nicht umstimmen konnte, immer drohender, dass er ihre Wohnung abfackeln und es ihm nichts ausmachen würde, mit ihr draufzugehen. Du hast deine Strafe verdient, hatte er vor Gericht gesagt, und mir gedroht, dass ich das noch schwer bereuen würde, ihn angezeigt zu haben. Jetzt weißt du alles, sagte sie zu Jona, fast trotzig, als sei sie ihm diese Erklärungen nur widerwillig schuldig. Immerhin saß er mit ihr fest. Er ist zu allem fähig, musst du wissen, setzte sie nach und suchte jetzt in seinen Augen nach der Angst, der sie schon solange ausgeliefert war…

Er legte das Buch zur Seite und wollte eben entscheiden, ob er weiter lesen oder es zu dem Stapel der anderen geben soll, die er nicht noch einmal oder gar nicht lesen würde, als ihn der Klingelton eines Handys aufschreckte, das nicht ihm gehörte. Wie war es in seine Wohnung, in sein Zimmer geraten? Wem gehörte es? Ich habe doch seit Monaten allein gelebt abgesehen von den wenigen Ausnahmen…Jetzt fiel ihm wie Schuppen von den Augen, dass er nicht allein gewesen war in dieser Nacht. Es war einer dieser Morgen, an denen er nicht wusste, ob er schlief oder noch träumte, oder um sich nicht der Frage stellen zu müssen, wie er den Tag zu verbringen gedachte, schnell nach einem Buch griff. Doch als eine Stimme seinen Namen rief, wusste er, dass er nicht länger so tun könne, als wäre nichts gewesen. Selbst die Nachrichten auf dem Display brauchte er nicht mehr zu lesen. Er wusste sogar, wie der Tag enden würde. Nein, nicht der Tag, denn ich würde erst Monate später aus dem Koma erwachen. Das Leben lag hinter mir. Doch will ich nicht vorgreifen.

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