Louis Borge’s Carpe diem

Könnte ich mein Leben noch einmal von vorne beginnen, schrieb Louis Borge, einer der einflussreichsten lateinamerikanischen Schriftsteller,  in seinem 85. Lebensjahr und kurz vor seinem Tod, „Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, im Nächsten Leben würde ich versuchen, mehr Fehler zu machen.

Ich würde nicht so perfekt sein wollen,
ich würde nur mehr ganz wenige Dinge ernst nehmen…

Ich wäre ein bisschen verrückter, als ich es gewesen bin,
ich würde viel weniger Dinge so ernst nehmen.
Ich würde nicht so gesund leben.
Ich würde mehr riskieren,
würde mehr reisen,
Sonnenuntergänge betrachten,
mehr Bergsteigen,
mehr in Flüssen schwimmen…

aber wenn ich noch einmal anfangen könnte,
würde ich versuchen, nur mehr gute Augenblicke zu haben.
Falls du es noch nicht weißt,
aus diesen besteht nämlich das Leben;
nur aus Augenblicken;
vergiss nicht den jetzigen…“

Andreas Altmann, der als würdiger Nachfolger von Bruce Chatwin für seine Reiseberichte gelobt wird, hat das „nicht so perfekt sein wollen“ in seinem Buch „Reise durch einen einsamen Kontinent“ flapsiger mit “ich würde albern sein, würde ganz locker werden, nur noch ganz wenige Dinge ernst nehmen… übersetzt. „Ich würde mehr Gelegenheiten beim Schopf greifen…Ich würde mehr echte Probleme als eingebildete Nöte haben…wenn ich noch einmal anfangen könnte, würde ich mehr verrückte Augenblicke haben. Genau gesagt: Einen Augenblick nach dem anderen und keine Pläne zehn Jahre voraus“. Eine Übersetzung, die mir besser gefällt, weil sie sich die Freiheit der Interpretation heraus nimmt und sich nicht sklavisch an das geschriebene Wort hält. Ich frage mich, was Borge wohl für seine Fehler hielt, von denen er gerne mehr gemacht hätte. Ich weiß von meinen, aber ich würde sie nicht gerne noch einmal machen. Wären sie vermeidbar gewesen? Wäre mein oder dein Leben anders verlaufen? Vermutlich. Aber ist es überhaupt möglich, keine Fehler zu machen? Ich nehme an, es hängt davon ab, was man unter Fehlern versteht. Nicht die Unterlassungssünden, die wir aus Feigheit begehen, kann Borge damit gemeint haben, wohl auch nicht falsche Entscheidungen, die einmal getroffen, unumkehrbar sind und auch durch das Bereuen nicht getilgt werden können. Vielleicht wollte er mit diesen Zeilen die Nachkommen warnen, die Vielzahl der Augenblicke nicht zu nutzen, in denen wirkliche Begegnungen hätten stattfinden können, sei es mit Natur oder mit Menschen. Der Aufruf, aus jedem Augenblick einen zu machen, der unvergesslich bleibt, überfordert uns alle und hätte zur Voraussetzung, dass wir uns immer, immer unserer Vergänglichkeit bewusst sind. Das carpe diem, das von Epikur über Horaz auf uns gekommen ist, eine hedonistische Heilslehre, die sehr wohl auch ethisch begründet war, wurde vom lustfeindlichen und leidfreundlichen Christentum abgelöst. So gesehen oder gelesen war Borge am Ende seines Lebens in philosophischer Hinsicht wieder bei den Gründervätern dieser Heilslehren in der Antike angekommen. In unsere Zeit übertragen, wäre die Wiederbelebung der Sinneslust, die in der Renaissance fröhliche Urstände – selbst in der römisch-katholischen Kirche – feierte, als prophylaktische Medizin gegen die ständige Katastrophenphobie, nicht nur persönlicher, sondern gesellschaftlicher Auftrag, wenn ich das Gedicht von Borge richtig gelesen und verstanden habe. In diesem Sinne: Carpe diem! Lasst uns den Tag und seine viele Augenblicke mit ihren sich bietenden Gelegenheiten beim Schopfe packen und ausschöpfen.

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