Benimmregeln 1951

1951, also wenige Jahre nach dem Weltkrieg gibt ein gewisser Herr Walther von Kamptz-Borken einen Benimmratgeber heraus, indem er die Leser auffordert, in die „Ordensgemeinschaft des guten Tones“ zu treten. Dem Verfasser war es ein großes Anliegen, „alle Lebensäußerungen in Formen zu kleiden, die edlem Sinn und feinem Empfinden entsprechen“, da diese „erst das Leben lebenswert erscheinen lassen und das Sterben leicht.“ Das auf einem Flohmarkt von einem Freund aufgestöberte Buch ist schon deshalb lesenswert, weil es Aufschluss gibt darüber, in welches Korsett von Benimmregeln unsre Altvorderen geschnürt waren, und nach dem großen Morden nichts Wichtiger schien, als dieses im Krieg außer Kraft getretene Regelwerk in den Jahren des Wiederaufbaus neu zu beleben. Erst 20 Jahre später hat die Generation der 68iger dem „…Muff von 1000 Jahren“ ein Ende bereitet. Die unten gezeigten Illustrationen und ihr Subtext dienen als Beispiel für die zahllosen Anleitungen, die sogar so weit gehen, den Damen vorzuschreiben, dass sie „auf der Straße nicht nur stets Handschuhe zu tragen haben, sondern auch, wie das Taschentuch auszusehen hat. …“feiner im Material und kleiner als jenes für den Herrn…“

DSC_0103

„Ein hübscher Ausblick neben einem weniger schönen Anblick…

DSC_0116

„Auch im Gesellschaftsclub darf der Herr vom Personal nicht mehr verlangen, als auf der Karte steht.

 

DSC_0112So schlimm kann doch das Kindchen gar nicht gewesen sein, dass Mutti den Schirm gebrauchen muss, um es zu strafen..

Da es zur guten Lebensart gehöre, in Gesellschaft mitreden zu können, unternimmt der Autor den waghalsigen Versuch, „Wissenswertes und Wissensnotwendiges aus dem Bereich der Künste, der Literatur, der Geschichte und Naturgeschichte, der Technik und der Wirtschaft, des Rechtswesens sowie der gesellschaftlichen Unterhaltung Aufschluss zu geben.“ Die Geschichte allerdings hört mit 1914 auf, und das mit der Begründung, die das Schweigen unser Vätergeneration erklären helfen soll, dass er „keine noch nicht vernarbten Wunden aufreißen“ wolle. … Aber: „ich darf mir wohl erlauben, den Krieg zu verurteilen, gerade weil ich ihn aus erster Hand kenne und wahrhaftig unter Beweis gestellt habe, dass ich mich nicht fürchte und ein guter Soldat bin.“ Was mich beim Blättern und Lesen am meisten erstaunt hat, war, dass das Buch noch keine 70 Jahre alt ist und Vieles heute so absurd scheint, als hätte der Verfasser sich damals schon über all das lustig gemacht, es aber dem Leser überlassen, die Ironie dahinter selbst zu entdecken. Ob unsere Nachfahren es einmal auch so lustig finden, was heute zum guten Ton gehört? Etwa im Gespräch mit einem anderen nicht auf dem Display des Handys herum zu wischen oder gar gleichzeitig zu chatten? Auch die Frage ist wohl immer neu zu stellen, was denn Wissensnotwendig ist. Ich meine nicht über Suchmaschinen abrufbares, sondern im Gedächtnis gespeichertes Wissen.  Wird nicht demnächst auch das Erlernen von Handschrift keine notwendige Kulturtechnik mehr sein? Könnten wir  . wie es ja schon auf social medias geschieht – nicht auch mit einem Set von Emoticons auskommen, um zu kommunizieren? Wird, was jetzt zum guten Ton gehört, nicht in weniger als 70 Jahren für Heiterkeit sorgen?

2 Comments
  • chbchristan berger
    Posted at 17:41h, 10 Juni Antworten

    lieber helmut,
    nun bist du bereit in die nächste kategorie aufzusteigen: die helfendentexte für frauen und danach die sexualerziehungswerke. als erstes mal die literaturempfehlung: z.b. 7 silberne stufen – das erfolgsbuch für mädchen und frauen von friedl kurz-golle. erschienen mitte der dreißiger jahre. siehe http://www.zvab.com/displayBookDetails.do?itemId=111463326&b=1
    die erste stufe ist….kosmetik!!! – die vierte : gutes benehmen.

    und heute… die nettiquette oder auch ellmayers oder die in den lifestyle heften publizierten. bleibt wie jeher die frage: verbessert das das zusammenleben oder unterstützt es die selektion? inklusiv sind die ja meist nicht – der (klassen) habitus (vgl. bordieu) verstärkt die selektion auch im schulischen bereich. unterstützt durch die sprachlichen regeln (nachzulesen bei basil bernstein http://de.wikipedia.org/wiki/Basil_Bernstein).

    • Helmut Hostnig
      Posted at 21:57h, 10 Juni Antworten

      Lieber Christian
      Danke für die Hinweise, denen ich nachgehen werde. Vielleicht wage ich mich an eine Fortsetzung.

Post A Comment

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.