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Begegnung zwischen Original und Kopie

und seine verheerenden Folgen!
Eine Vorlesung von Konfliktforscher, Professor Ye, an der Uni Vienna in China

gaoEin aus China stammendes, aber seit vielen Jahren in Wien lebendes Ehepaar, das tagaus tagein im Keller einer der vielen Filialen von Chinarestaurants Kartoffeln schälte, beschloss mit den in harten Jahren auf die Seite gebrachten Ersparnissen eine Reise in ihre Heimatstadt anzutreten, um dort die mittlerweile betagten Eltern aufzusuchen. Diese würden sich über ein Souvenir aus der Walzerstadt an der blauen Donau sicherlich freuen, zumal sie diese ja wegen der weltweiten Übertragungen des Neujahrkonzertes wenigstens aus dem Fernsehen kannten, dachte Lina, seine Frau. Sie würde sich also von der Miniaturausgabe des im Stadtpark ausgestellten und vergoldeten Denkmals für den Königs des Walzers trennen, der sie nicht nur an die mit der Stadt verknüpften, aber schnell zerstörten Hoffnungen erinnerte, sondern zufällig auch Gao, ihrem Mann, mit dem er bis auf den Epikanthus medialis, der für Asiaten typischen sichelförmigen Lidfalte, zum Verwechseln ähnlich sah, wäre ihr Gatte auch noch von größerer Statur gewesen. Lina hatte von jeher eine Neigung, mit weit hergeholten und bemühten Vergleichen, ihr Leben und alles was dazugehörte, zu romantisieren. So auch das Verhältnis zu ihrem Mann.  Ihr war es gelungen, aus jeder Not eine Tugend zu machen. Selbst das Leben im tranfunzeligen Licht eines obendrein feuchten Kellers mit Kartoffelbergen, die täglich neu aufgeschichtet wurden, schien ihrem fröhlichen Naturell nichts anhaben zu können. Es war eine Eigenschaft, um die sie Gao beneidete, denn er war aus anderem Holz geschnitzt.

So und nicht anders hätte die Erzählung beginnen und mit dem Einwand ihres Gatten fortgesetzt werden können, dass ihre beiden Eltern und Familienangehörigen mit in China produzierten Souvenirs keine Freude haben würden, sondern eher Geschichten erwarten, wie es ihnen in der vielbesungenen Stadt an der Donau ergangen ist. Sie hätten erzählen können, wie verbrecherische Schlepperbanden sie schon bei der Anreise um alles brachten, was sie und ihre Familien angespart hatten. Auch auf die Geschichte des 12-teiligen Teeservices soll hier nicht näher eingegangen werden: Ein Erbstück aus der Ming-Dynastie, wie Gao’s Großmutter nie müde geworden war zu behaupten, von Generation zu Generation dem Stammhalter mit dem Versprechen aufgebürdet, es nur ja nie, auch in Not nicht, zu veräußern.  Gao, der übrigens ein begnadeter Erzähler war, hätte allein darüber, auf welchen abenteuerlichen Wegen sie – ständig ihr Leben riskierend – in den goldenen Westen gelangt sind, nächtelang eine immer größer werdende Zahl von Zuhörern in Bann schlagen und sogar ein Buch mit hohen Auflagen schreiben können, hätte der von ihnen autorisierte Verleger nicht gewusst, dass seine Leser solcher Geschichten schon überdrüssig waren. Er schlug deshalb vor, den Faden der Geschichte wieder dort aufzunehmen, wo sie am Checkin-Schalter des Flughafens in Schwechat stehen und eine rotweißrot livrierte Stewardess vom Bodenpersonal, die ihre Tickets überprüfte, mit der Frage überraschte: Original oder Kopie?

Ich nix verstehen, versuchte es Gao und lächelte. Aber sein Lächeln erfror blitzartig, als sie ein teaserartiges Gerät zückte und seinen Oberarm scannte, auf den er sich einen chinesischen Drachen hatte tätowieren lassen. Übrigens nach dem Abbild auf den dünnhäutigen Teeschalen, von denen er mittlerweile keine mehr besaß, weil er mit der letzten, die ihm nicht gestohlen oder auf der Reise in Brüche gegangen war, das Ticket für ihn und Lina bezahlt hatte. In Ordnung!, sagte sie, und wiederholte mit ernster Miene das Prozedere auch bei seiner Frau, die alles gleichgültig über sich ergehen ließ. In der stickigen Luft der lichtdurchfluteten Gangway zur Air China begann Gao hysterisch zu lachen. Original oder Kopie? Was hast du?, fragte Lina, die der deutschen Sprache vollends unkundig, nicht wusste, was in ihn gefahren war. Ach, nichts!, beruhigte sie ihr Mann. Ich freue mich so. Jetzt sind wir endlich auf dem Heimweg. Nichts hält uns mehr auf. Und das Eine schwöre ich dir: Nie wieder werden wir auch nur eine Kartoffel anrühren, geschweige denn schälen.

Über den Wolken hielten sie sich an den Händen und schwiegen – jeder versunken in seine Gedanken, Ankunft und Wiedersehen vorwegnehmend; Gedanken, die ihnen trotz der Müdigkeit nach den überstandenen Strapazen den verdienten Schlaf raubten.

Noch einmal ließ Gao den Aufbruch vor so vielen Jahren mit all den zerstörten Hoffnungen danach wie Szenen eines Filmes, dessen Drehbuch einer Dramaturgie folgte, auf die Einfluss zu nehmen, ihm nie gelungen war, an sich vorbeiziehen, als das Flugzeug der Air China auf dem harten Betonboden seiner Heimat aufsetzte. Schon auf dem Weg zur Gepäckabholung wunderte er sich über die wandflächenfüllenden Werbeeinschaltugen, die nicht etwa die Sehenswürdigkeiten ihrer beider Heimatstadt anpriesen, sondern bildgleich wie auf dem Schwechater Flughafen Schloss Schönbrunn, das Belvedere, das im Stand tänzelnde und von einem Mann in der blauen Uniform der Dragoner am Halfter geführte Pferd aus dem Gestüt der Lippizaner zeigten. Selbst die Musik, welche den Terminal bis zum Exit beschallte, klang nach Walzer. Nein, sie klingt nicht nur nach Walzer, es ist ein Walzer, stellte er eben – sich nach Lina umsehend  – mit Bestürzung fest. Sie aber – hinter ihm her trottend –  schien von all dem nichts mitzubekommen. Erst, als sie – statt von den Eltern und Angehörigen ihrer Familien – von der gleichen in rotweißroter Uniform bekleideten Stewardess, die ihre Tickets am Wiener Flughafen geprüft hatte, wieder mit der Frage begrüßt wurden: Original oder Kopie? (Diesmal allerdings auf Mandarin) Und sie wieder gescannt wurden: In Ordnung! Sie können gehen! Erwachte auch sie, und er konnte in ihren Augen, die von einer Hornbrille mit Doppelglas gerahmt waren, die gleiche Panik lesen, die auch ihn ergriffen hatte. Wir sind übermüdet. Unsere Sinneswahr-nehmungen spielen uns einen Streich. Diesmal war es Lina, die ihn zu beruhigen versuchte. Kaum aber hatten sie sich von diesem Schrecken erholen wollen, – ganz war es weder Lina noch Gao gelungen -, wurden sie vom nächsten eingeholt. Vor dem Flughafen, wo sie auf einen Bus in die Stadt warten wollten, wurden sie von Agenten der örtlichen Tourismusindustrie umzingelt und nachgerade überfallen. Jeder wollte ihnen etwas anderes aufdrängen. Sie hätten einfach weiter gehen und sie stehen lassen können, die Tatsache aber, dass die Broschüren, die ihnen in die Hand gedrückt wurden, und die ihnen angebotenen Führungen wieder die gleichen Destinationen aufwiesen, die sie durch den langen Nonstopflug zurück gelassen zu haben glaubten: Schönbrunn, Riesenrad, Steffl, ja sogar Kahlenberg -, verwirrte sie sosehr, dass sie wie gelähmt da standen und sich wie in einem Albtraum gefangen sahen.

Nicht viel hätte gefehlt, und Gao wäre schon damals in eine katatonische Starre verfallen und nichts und niemand hätte ihn dazu bewegen können, seine im Stehen und Staunen eingefrorene Haltung aufzugeben. Ganz so, wie es dann auch wirklich geschah, und Gao, – der vielen Wahrnehmungs-täuschungen müde, in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert werden musste, weil er  zuvor 40 Stunden mit zum Himmel gereckten Armen auf einem Schrank gestanden hatte, als würde er nach etwas für ihn im Wortsinn Unbegreifbarem langen, und das auf nur einem Fuß, was einer unglaublichen körperlichen Leistung gleichkommt, und in der medizinischen Fachsprache als akinetische Motilitätspsychose bekannt ist. Als man ihn ins Bett legte, sagte er, er sei in Ägypten gewesen, um dann, – von Lina fürsorglich betreut -,  durch Wochen stumm und starr dazuliegen. Aber wir greifen vor, unterbrach Professor Ye seine Vorlesung, indem er seine Brille mit Stahlrand putzend – kurz von seinem Manuskript aufblickte, um in das konzentrierte Schweigen hinein seinen Vortrag fortzusetzen:

Die Zuhörer-Innen mögen das Unwissen des chinesischen Ehepaars verzeihen, das so lange welt-abgeschieden im Keller eines von seinen Landsleuten nach autokratischem Stil geführten Restaurants in Wien Kartoffeln geschält und von dem, was in der Welt vorging, nichts mitbekommen hatte. Sie haben in der Zwischenzeit ihre Schlüsse gezogen und wissen, dass es ihnen vielleicht wie Gao ergangen wäre, hätten sie, wie dieser – nicht gewusst, dass China, Raubkopien von jeher nicht unabgeneigt, dazu übergegangen war, ganze Städte mitsamt ihrer im Dienstleistungssektor beschäftigten Bevölkerung zu klonen und maßstabgerecht, im Verhältnis also von 1:1 auf chinesischem Boden detailgetreu nachzubauen. Was dem ohnehin angeschlagenen Gao den Rest gab, war das von den Verwandten herbeigeführte Treffen mit einem chinesischen Ehepaar, das in einem Keller Kartoffeln schälte und – wie sich herausstellte – Gao und Lina nicht nur etwa ähnlich, sondern von ihnen nicht zu unterscheiden war. Während Lina ihrem Naturell entsprechend darüber in ein Lachen verfiel, das über Tage anhielt, und beinahe ihren Tod herbeigeführt hätte, reagierte Gao mit schon erwähnter akinetischer Motilitätspsychose.

So viel zum Befund meiner Studien über die Reaktionen von Menschen, die als Originale auf ihre Kopien stießen, schloss der berühmte Konfliktforscher, Professor Ye, der sich auch als Autor von Kurzgeschichten einen Namen gemacht hatte, seinen Vortrag, und beeilte sich, die überfüllte Aula zu verlassen, da auch er schon paranoid geworden, fürchtete, einmal seinem Original gegenüber zu stehen, und nicht mehr ich sagen zu können, weil es ein anderer schon für sich in Anspruch genommen hatte. Anlass für seine Paranoia war durchaus gegeben, da der Verleger seiner Kurzgeschichten wegen urheberrechtlicher Verletzungen verklagt worden war. Ja, sogar von Raubkopie war die Rede.

2 Comments
  • Helmut Hostnig
    Posted at 09:40h, 11 September Antworten

    Wenn du das nicht sagen kannst, lieber Christian, ist mir die Kurzgeschichte gelungen. Habe deine Idee aber dankbar aufgegriffen und den Schluss noch einmal verändert. Danke fürs Lesen und den Kommentar.

  • chbchristan berger
    Posted at 07:31h, 11 September Antworten

    spannende geschichte. von dir oder nacherzählung aus einem buch oder …original oder kopie?
    ich kanns aufgrund des textes allein nicht sagen. …

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