Friedhofsgrammatik


Friedhofsbesuche erlauben besinnlich stimmende Zeitreisen. Vor allem das „Unvergessen“ oder „Unvergesslich“  gibt zu Spekulationen darüber Anlass, wie lange so ein „Unvergessen“ währt. Das lässt sich am besten aus den Gräbern schließen, die ein rotes Kreuz aufweisen, weil sie demnächst aufgelassen werden sollen. Nach meinen Beobachtungen hat so ein Unvergessen eine Halbwertszeit von ungefähr 60 Jahren. Das sind zwei Generationen, „für die Erinnerungen noch wie Sterne sind, die in das Dunkel ihrer Trauer leuchten.“ Ein schöner Sinnspruch, den ich auf einer aufgeschlagenen Buchseite aus Marmor fand. Auf einem anderen Stein ist zwar das Geburtsdatum von 1906 eingetragen, aber kein Sterbedatum. Vielleicht hat es sich Nora C. anders überlegt.
Leider gibt es Steinmetze, welche die Grammatik nicht beherrschen, was mir als ehemaliger Deutschlehrer natürlich bitter aufstößt: „In Gedenken an meinem Vater!“ Mit solchen und anderen Fundstücken könnte Sebastian Stick seine Buchreihe um einen sechsten Titel erweitern: Der Dativ ist dem Akkusativ sein Tod.

Noch denkwürdiger sind Gräber und Inschriften, die den Hurrapatriotismus der Nazizeit ungewollt ironisch persiflieren: „Er starb als Held in einer großen Zeit. Uns bleibt als Erbe nur das namenlose Leid.“ (1942) Christus aber, der auf einem der Gräber eine österreichische Fahne im Kreuz stecken hat, wird  wohl so seinem Charakter als Märtyrer am gerechtesten.

1 Comment
  • Erny MENEZ
    Posted at 18:00h, 23 November Antworten

    Helmut bonsoir,
    Dein Artikel „spricht mich gut an“ ; ich liebe es, die Gräber alter Friedhöfe zu besuchen und mir vorzustellen, welche Leben und Schicksäle dahinter stecken. Wo Otto wohnt in München, gibt es einen wirklich schönen, alten Friedhof, da fühlt man sich „in einer anderen Welt“, für mich sehr friedlich.
    Was meine Deutsch-Grammatik anbelangt, so vergiss bitte nicht, dass ich seit 1962 nicht mehr in Österreich lebe, denn ich weiss, dass ich viele Fehler mache.
    ERNY

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