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Das Stimmchen

hausIch brauche einen Plan, sagt er lautstark zu sich selbst. Er sagt es stimmlos.
Ja, allerdings. Du brauchst einen Plan.
Das war nicht mehr seine innere Stimme. Sie kam von rechts und hatte ihren Sitz direkt am rechten Ohr. Eine Sinnestäuschung, vermutet Ferdinand. Er war erst aufgestanden und ein bisschen missgestimmt, weil er vergessen hatte, Milch zu kaufen. Und ohne Milch konnte und wollte er den Kaffee nicht trinken. Auch die Nachrichten waren – wie könnte es anders sein – auch heute keine guten.
So kann es nicht weitergehen! Du brauchst einen Plan.
Schon wieder die Stimme. Diesmal am linken Ohr. Das war keine Sinnes-täuschung und trotzdem schlichtweg unmöglich. Ferdinand ist schon etwas älter, aber weit davon entfernt, sich trotz Erinnerungslücken für dement oder anfällig für Störungen seiner Wahrnehmung zu halten. Ein bisschen schrullig, gesteht er. O.k. das bin ich, aber nicht wirklich auffällig. So, wie man es eben mit den Jahren wird, wenn sich Routinen einspuren. Wenn ich zB. in den späten Morgenstunden aufwache, …
Hast du nicht gesagt, du brauchst einen Plan?, erinnert ihn die Stimme. Diesmal mit einem strengen Unterton. Du schweifst schon wieder ab!
Sie kam von hinten. Sie war nicht in seinem Kopf. Daran war nicht mehr zu zweifeln. Ferdinand greift mit der rechten Hand nach dem linken, dann nach dem rechten Ohr und selbst in den Nacken, als würde er eine Fliege verscheuchen wollen.
Willst du mich totschlagen? Hättest wohl gern. Darf ich dich aufklären? Ich bin ohne Fleisch und Knochen. Kein Körper. Nichts. Nur Stimme. Weder männlich noch weiblich. Du wirst dich mit mir anfreunden müssen. Je früher dir das gelingt, umso besser für dich.
Ferdinand gibt auf: Erlaubt sich halt jemand einen Spaß mit mir. Soll’s so sein.
Ich weiß, was du denkst. Ich höre deine Gedanken, verstehst du? Mir bleibt nichts verborgen.
Jetzt summt die Stimme, die eher ein Stimmchen ist, was sein Volumen angeht, wie eine quadrophone Stereoaufnahme in seinen Ohren. Von links über rechts, von hinten nach vorne und mittig.
Wer bist du?, fragt Ferdinand und beginnt, sich auf einen Dialog mit ihr einzulassen. Er ist allein und kann es sich erlauben, mit dieser Stimme zu sprechen, ohne für schizophren gehalten zu werden.
Du, meine Güte. Was für eine Frage. Mit meiner Antwort wirst du nicht viel anfangen können: Ich bin, ohne zu sein. Genügt dir das?
Dann bist du Gott?, platzt es aus Ferdinand heraus. Weniger fragend, eher sarkastisch.
Gott. Gott. Ein großes Wort aus deinem kleinen Mund. Alles, was Mensch nicht begreift, will Gott oder muss göttlich sein. Nein, ich bin nicht Gott. Ich habe nicht gesagt: Ich bin, der ich bin! So kryptisch und verstiegen bin ich nicht. Mein Rätsel ist ein anderes. Du wirst es nicht lösen.
Du willst mir also ein Rätsel aufgeben. Mich unterhalten. Wer immer du bist, das ist nett von dir.
Nett? Hast du eben „nett“ gesagt? Das Stimmchen steigert sich zu einem Falsett mit nicht zu überhörendem Tremolo. Das hab‘ ich gar nicht gern, wenn mich jemand nett nennt. Das ist beleidigend, Das ist erniedrigend.
Ferdinand sieht das Stimmchen richtig rot werden vor Wut. Er sieht es nicht, stellt es sich aber vor. Ein kleiner Kobold mit einer Warze auf der Nase, gelb, mit Haaren, ganz dicht, wie ein Fell.
So also stellst du dich mir vor! Dass ich nicht lache. Den Bauch müsste ich mir halten vor lauter Lachen, wenn ich einen hätte. Bist eben ein Menschlein und kannst dir ein körperloses Sein nicht vorstellen.
Natürlich kann ich mir das vorstellen. Jede Stimme aus dem Radio ist ohne Körper, aber keine dieser Stimmen behauptet, dass sie sei ohne zu sein?
Nach einer kleinen Pause antwortet es, als würde es jetzt ihm gegenübersitzen: Hast gut aufgepasst! Du denkst mit. Pass auf! Ich mach es dir leichter: Solange ich kein Sein habe, bist du. Wenn ich aber sein werde, bist du nicht mehr.
Ferdinand kratzt sich am Kopf. Dann sagt er richtig erleichtert: Jetzt weiß ich’s. Du bist ein Philosoph.
Gar nicht so schlecht, sagt das Stimmchen anerkennend. Trotzdem daneben. Aber du wirst schon noch draufkommen. Ich lass dir jetzt Zeit zum Nachdenken. Ich komme wieder. Versprochen.
Ob der Spuk vorbei ist? Ferdinand reibt sich die Augen, steht auf und will das eben Erlebte als etwas abtun, was ihn narren wollte. Trotzdem lässt ihn der rätselhafte Satz nicht in Ruhe. Er murmelt ihn vor sich hin: Solange ich kein Sein habe, bist du. Wenn ich aber sein werde, bist du nicht mehr. Was könnte er, sie, es gemeint haben? Wer verdammt, ist er, sie oder es? Ferdinand schüttet sich noch einmal eine Tasse voll, als er plötzlich innehält und den Löffel fallen lässt, mit dem er den Kaffee zuckern wollte: Das darf nicht,… nein, das kann doch nicht, …
Doch das darf und das kann! Bingo, sagt das Stimmchen. Hast gar nicht so lang gebraucht. Alle Achtung. Hut ab, wenn ich einen Kopf hätte, um ihn aufzusetzen.
Dann bist du also …, setzt Ferdinand an und bricht wieder ab.
Ja, der bin ich. Jetzt sei nicht so entsetzt. Noch bin ich ja nicht, sonst gäb’s dich ja gar nicht und wir könnten dieses Gespräch nicht führen. Aber gut, dass du dich auf mich einlässt und dich mit mir auseinandersetzt, mich wenigstens als eine Tatsache akzeptieren willst, auch wenn du mich sonst immer meidest, als hätte ich die Pest.
Ferdinand ist bleich geworden. Der Leibhaftige ist’s, der mit mir spricht.
Wieder falsch. Ich bin nicht leibhaftig und deshalb nicht der Teufel. Du bist auf der richtigen Fährte. Du willst es nur nicht aussprechen, stimmt’s? Nicht einmal denken. Aber du tust es gerade.
Jetzt sieht er es als eine weiße, körperlose Gestalt mit toten Augen, weiß und blind wie Spinneneier. Ferdinand sucht einen Stuhl.
Dass ihr euch immer eine Vorstellung machen müsst. Kannst du mich nicht einfach nicht sein lassen? Sei doch froh. Entschuldige. Ich hab‘ ganz vergessen, dass ihr euch Nichts gar nicht vorstellen könnt.
Nach einer Pause ganz und gar unvermittelt: Wie war das noch mit deinem Plan?
Was für ein Plan?, fragt Ferdinand. Ach so, ja. Jetzt hab‘ ich einen.
Und?, fragt das Stimmchen neugierig.
Ich werde dich jetzt ganz einfach vergessen und den Tag genießen.
Ja, tu das, solange du Ich sagen kannst, mahnt es ihn, und war damit zumindest für diesen Tag nicht mehr gehört.

3 Comments
  • Helmut Hostnig
    Posted at 09:31h, 01 September Antworten

    Lieber Manfred
    Danke fürs Lesen und Kommentieren. Das klassische Altertum wusste sich mit dem Tod auseinanderzusetzen, ohne daraus eine Religion zu machen. Es lohnt sich, Epikur zu lesen; hier ein paar exzerpierte Auszüge: „Es kann befreiend sein so zu tun, als wären Dinge von Bedeutung, die es nicht sind.
    Wer aber dazu mahnt, der Jüngling solle edel leben und der Greis edel sterben, der ist töricht, nicht nur weil das Leben liebenswert ist, sondern auch weil die Sorge für ein edles Leben und diejenige für einen edlen Tod eine und dieselbe ist.“
    Liebe Grüße

  • Manfred Voita
    Posted at 07:46h, 01 September Antworten

    Zu dem Foto: Ich mag Lyrik im öffentlichen Raum sehr!

  • Manfred Voita
    Posted at 07:44h, 01 September Antworten

    Was da so neckisch anfängt, entwickelt sich zu der grundsätzlichen Frage, worauf wir hören sollten – und deine Hauptfigur entscheidet sich so, wie wir uns wohl nur entscheiden können: Im Wissen unserer Endlichkeit unser Leben zu genießen. Einfach mal so zu tun, als könnte es ja doch gut gehen.

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