Heimkehr

Den brauch ich nicht mehr, hat er gesagt, seinen Gehstock über das Gestell am Bettende gehängt, und ihn, der ihn ins Spital begleitet hat, auf einen Kaffee geschickt: Jetzt geh schon! Und bestell dir einen Grappa dazu, ja? Den trinkst auf mich. Da hast Geld. Das brauch ich auch nicht mehr.

Was heißt, du brauchst kein Geld mehr?

Das heißt, dass ich hier kein Geld mehr brauch. Hast du was in den Ohren? Tu mir einen Gefallen und hol die Schwester.

Als er vom Kaffee zurückkam, war das Bett mit einem Vorhang von den anderen Betten abgeschirmt. Er kann sich nicht erinnern, dass sie leer waren. Eine Schwester herrscht ihn an: Wen suchen sie? Hier ist niemand. Das sehen sie doch.

Aber, ich will zu dem Mann, der dieses Bett hier belegt hat.

Sind sie ein Verwandter?

Nein. Aber ein Freund.

Tut mir leid, aber der Herr, – es tut mir leid. Sie können nicht zu ihm.

Aber das kann nicht sein. Ich war ja gerade noch mit ihm zusammen. Ich war ja nur auf einen Kaffee.

Ja, tut mir wirklich leid.

Ich möchte zu ihm.

Die Schwester zuckt resigniert die Schultern: Aber nur kurz. Es ist gegen die Regeln. Er wird gleich abgeholt, ruft sie ihm nach.

Er zieht den Plastikvorhang zur Seite und sieht ihn angezogen auf dem Bett liegen.

Und? Wie war der Kaffee? Hast auf mich angestoßen? Was bist‘ so bleich? Geht’s dir nicht gut? Komm! Hilf mir auf. Steh nicht herum. Mach schon.

Aber, stammle ich…

Nichts aber.

Die Schwester hat gesagt, dass …

Papperlapapp. Lass sie reden. Du siehst doch. Mir geht’s gut.

Ohne weitere Widerreden zu dulden, schält er sich aus seiner Haut und lässt sie liegen. Den oder das lassen wir jetzt da, sagt er. Sein rechtes Auge blinzelt. Ich bin heimgegangen.

Aber…

Was du nur immer mit deinem Aber hast. Du meinst, wir kommen doch gerade von dort, stimmt’s? Das mein ich nicht. Dort kann ich nicht mehr sein. Dafür ist es zu spät.

Während er das sagt, fällt er in seine Hülle zurück. So, als hätte es ihn zu sehr angestrengt.

Wie betäubt ist er stehen geblieben, nachdem das Krankenbett mit seinem Freund von einem stämmigen Mann im blassgrünen Kittel aus dem Raum gefahren wird.  Im Arm hält er seinen Gehstock, der ihm mit der Bitte, die Entgegennahme dieser Habseligkeit mit seiner Unterschrift zu bezeugen, ausgehändigt worden war.  Zu jung, sich auf ihn zu stützen, weiß er nicht, wie er ihn tragen soll; auch hat er jede Orientierung verloren, was ihn nicht sonderlich bekümmert, denn heim will er nicht. Nur nicht heim, wo immer das sein soll…

Heimat ist dort, wo ich noch nie war, hat sein Freund einmal gesagt. Da hatten sie beide von einer Anhöhe aus auf die Schiffe geschaut, die im Hafen lagen. Eines davon wurde gerade beladen.

Es ist ein Ort, von dem wir keine Vorstellung haben, hat er nach einer Weile hinzugefügt.

Ich vermute, nein, ich weiß jetzt, was er damit gemeint hat, denn ich war für einen Augenblick dort.

3 Comments
  • Manfred Voita
    Posted at 14:33h, 12 Oktober Antworten

    Lieber Helmut, die Auseinandersetzung mit dem Verlust hört nicht auf, es ist gut, dafür verschiedene Wege zu finden. Ich wünsche dir die Kraft, die du dafür brauchst.

  • Manfred Voita
    Posted at 23:28h, 10 Oktober Antworten

    Eine kafkaeske Situation oder vielleicht eher ein Text, der mich an den magischen Realismus erinnert, weil mit großer Selbstverständlichkeit in einem vollkommen realistisch dargestellten Alltag Dinge geschehen, die für unseren Verstand nicht zu fassen sind. Ein schöner Text, eine gelungene Auseinandersetzung mit Verlust, Ratlosigkeit und nicht loslassen können.

    • Helmut Hostnig
      Posted at 11:00h, 12 Oktober Antworten

      Lieber ;Manfred. Danke für deinen Kommentar. Der Text ist nach dem Tod meiner Mutter entstanden. Die Auseinandersetzung geht weiter.
      Liebe Grüße
      Helmut

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