Heimkehr

Heimat ist dort, wo ich noch nie war, hat sein Freund einmal gesagt. Da hatten sie beide von einer Anhöhe aus auf die Schiffe geschaut, die im Hafen lagen. Wie lange war das her? Als ob Zeit noch eine Rolle spielte.

Den brauch ich nicht mehr. Er meinte seinen Gehstock, hängte ihn über das Gestell am Bettende und schickte  mich auf einen Kaffee in die spitalseigene Kantine: Jetzt geh schon! Und bestell dir einen Grappa dazu, ja? Den trinkst‘ auf mich. Da hast‘ Geld. Das brauch ich auch nicht mehr.

Was heißt, du brauchst kein Geld mehr?

Das heißt, dass ich hier kein Geld mehr brauch. Hast du was in den Ohren? Tu mir einen Gefallen und hol die Schwester.

Als er vom Kaffee zurückkommt, ist das Bett mit einem Plastikvorhang auf Rädern von den anderen Betten abgeschirmt. Die anderen Betten sind jetzt ohne Patienten. Eine Schwester herrscht ihn an: Was suchen sie hier? Hier ist niemand. Das sehen sie doch.

Was? Ich suche nicht was, sondern wen. Ich will zu dem Mann, der noch vor einer halben Stunde in diesem Bett gelegen hat.

Sind sie ein Verwandter?

Nein. Aber ein Freund.

Tut mir leid, aber der Herr, – es tut mir leid. Sie können nicht zu ihm.

Aber das kann nicht sein. Ich war nur auf einen Kaffee.

Ja, tut mir wirklich leid.

Ich möchte zu ihm.

Die Schwester zuckt resigniert die Schultern: Aber nur kurz. Es ist gegen die Regeln. Er wird gleich abgeholt, ruft sie ihm nach.

Er zieht den Plastikvorhang zur Seite und sieht ihn angezogen auf dem Bett liegen. Wie aufgebahrt. Die Augen geschlossen, die Hände über Kreuz.

Und? Wie war der Kaffee? Hast auf mich angestoßen? Was bist‘ so bleich? Geht’s dir nicht gut? Komm! Hilf mir auf. Steh nicht herum. Mach schon.

Aber, stammle ich…

Nichts aber.

Die Schwester hat gesagt, dass …

Papperlapapp. Lass sie reden. Du siehst doch. Mir geht’s gut.

Aber…

Was du nur immer mit deinem Aber hast.

Wie betäubt bleibt er stehen, nachdem das Krankenbett mit seinem Freund von einem stämmigen Mann im blassgrünen Kittel aus dem Raum gefahren wird und schaut ihm nach. Fassungslos. Im Arm hält er seinen Gehstock, der ihm mit der Bitte, die Entgegennahme dieser Habseligkeit mit seiner Unterschrift zu bezeugen, ausgehändigt worden ist. Zu jung, sich auf ihn zu stützen, weiß er nicht, wie er ihn tragen soll; auch hat er jede Orientierung verloren, was ihn nicht sonderlich bekümmert, denn heim will er nicht. Nur nicht heim, wo immer das sein soll…

Heimat ist dort, wo ich noch nie war. Heimat ist dort, wo ich noch nie war, wiederholt er, als würde er jetzt verstehen, was er damit gemeint hat.

 

3 Comments
  • Manfred Voita
    Posted at 14:33h, 12 Oktober Antworten

    Lieber Helmut, die Auseinandersetzung mit dem Verlust hört nicht auf, es ist gut, dafür verschiedene Wege zu finden. Ich wünsche dir die Kraft, die du dafür brauchst.

  • Manfred Voita
    Posted at 23:28h, 10 Oktober Antworten

    Eine kafkaeske Situation oder vielleicht eher ein Text, der mich an den magischen Realismus erinnert, weil mit großer Selbstverständlichkeit in einem vollkommen realistisch dargestellten Alltag Dinge geschehen, die für unseren Verstand nicht zu fassen sind. Ein schöner Text, eine gelungene Auseinandersetzung mit Verlust, Ratlosigkeit und nicht loslassen können.

    • Helmut Hostnig
      Posted at 11:00h, 12 Oktober Antworten

      Lieber ;Manfred. Danke für deinen Kommentar. Der Text ist nach dem Tod meiner Mutter entstanden. Die Auseinandersetzung geht weiter.
      Liebe Grüße
      Helmut

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