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Erdrandsiedler

Ich schreibe von dir. Du hast keinen Namen. Du bist auf der Flucht. Dein Bangen und Hoffen ist alt wie die Welt. Schmetterlinge sind deine Träume. Du kannst sie nicht fangen. Du willst sie jagen. Man wird dir sagen: Lass es! Lass sein. Du bist nicht willkommen. Nicht dort noch hier.

Sie sitzen bei Bockwurst, Wein oder Bier und singen die Hymne des Hasses. Lass es. Lass sein. Du musst weiter wandern. Bist keiner von ihnen. Du bist die andern, die sie einst waren. In anderen Kriegen und auch auf der Flucht. Seit tausenden Jahren wandern die Völker und ziehen über die Erde. Kein Rom hielt sie auf. Du bist der Schwimmer. Du bist der Strom. 

Ruhelos brandet das Meer wild an verheißenes Land. Angespült von der Flut und angelandet bei Ebbe liegt das von ihr preisgegebene Gut: Sohlen von Schuhen, Fetzen und Lumpen von meersalzzerfressenen Schwimmwesten, mit billigen Schwämmen gefüllt – made in China. Zertrümmerte Schiffsteile, Gummistück-reste von Schlauchbooten, die in der Sonne bleichen. Wie Trauer liegen sie da. Wie Trauer um Tod ohne Leichen. 

Wem schuldest du, nein, wem verdankst du, so fehl am Platze zu sein? Wer kennt dich? Wer anerkennt deine so teuer bezahlte Sehnsucht nach einem Leben in Würde? Ein Nomade bist du und weißt: Ich bin eine Bürde und trage mich selbst auf dem Buckel. Ein Vagabund streifst du durch dritten Raum mit den deinen. Schlagbäume wachsen aus grünem Holz und turmhohe Mauern schaust du, wo immer du bist. Dort stehen Wächter, Pächter der Träume, bewachen das Zentrum vor seinem Grenzland, dem Saum und dem Rand, der Peripherie: The west and the rest. Dazwischen ein Graben, ein Schautwaswirhaben, aber bleibt-woihrseid! Ihr kommt nicht ins Land. Hört ihr? Nie! Ihr seid wie die Pest. Ihr baut hier auf Sand. Ihr beschmutzt unser Nest. 

Sie sprechen von Flüchtlingsströmen, als würden die Räume, die wir bewohnen, geflutet; von Dämmen, die brechen; von Krise und Katastrophe ist Rede, von Invasoren. Sie bemühen ein Wir, das nur gelte für die, die hier geboren, und wiederholen bis zum Erbrechen: das Boot ist voll. In Rausch und Rage reden sie sich am Stammtisch im Bierzelt: Wir müssen das Abendland retten vor artfremdem Austausch, Europa zur Festung machen, die Grenzen sichern; sie erklären zum Feind, wer um Schutz sucht und zu Verrätern, ja zu Verbrechern, die helfen. Wenn Menschen kommen und wollen zu dir, dann sei du das Haus und verschließe die Tür. 

Du kommst vom Rand und die turmhohe Mauer der Festung Europa hält dich nicht ab, sie zu stürmen. Zuerst für ein besseres Leben aufgebrochen, musst du das nackte jetzt retten; bist in der Hitze von tausend Sonnen den Ameisenpfad der Armen gegangen, jeden Kreis der Hölle hast du durchwandert und wirst mit Knüppeln und Steinen und Gummischrotkugeln empfangen am Ende der Straße, am Rand deines Kontinents der verlorenen Hoffnung; nach der Wüste das Meer. Dort warten die Wächter der Klingendrahtzäune und Schilder mit Totenköpfen warnen am Strand, es nicht zu wagen, in die haushohe Mauer und Sicherheitswand mit den Kletterblockaden zu steigen. Selbst die Möwen kreischen Kukeruku, Blut ist im Schuh; aber du? 

Wer sind sie, die heute Schleppern sich anvertrauen? Wer sticht in der Nacht noch in See geleitet vom Nordstern mit nichts als nur Hoffnung?  Wer sind diese Männer und Kinder? Wer sind diese Frauen? Man nennt sie die Illegalen, die Clandestinos, die Sans Papiers. Viele werden das Paradies nicht schauen, das sie in Träumen sich malen. Ihr Grab ist die Wüste; ihr Grab ist die See. 

Es gibt kein Zurück. Dort, wo du herkommst, frisst der Löwe noch immer nicht Gras und lagert neben dem Böcklein; Scharen von war Lords durchkämmen das Land und ziehen von Tor zu Tor, erschlagen den Bruder, den Freund, deine Nächsten. In Schutt und Asche liegen die Städte von Tausendundeiner Nacht. Und wenn es nicht Krieg ist, dann sind es andere Plagen. Tod durch Hunger? Tod durch Ertrinken? Du musst es wagen. Du hast keine Wahl. Du wirfst eine Münze: Kopf oder Zahl. Skylla Charybdis. Es gibt kein Zurück. Vor dir das Meer. Kein Glaube an Gott wird die Fluten dir teilen; es gibt keinen Weg zwischen Wänden aus Meilen von Wasser. Es gibt keinen Bund. Es gibt nur das Bangen: Werden wir an das andere Ufer gelangen? Wird es sinken auf Grund unser Schlauchboot wie das Floß der Medusa? Ertrinken auch wir zwischen Izmir und Samos vor Malta, Gibraltar und Lampedusa?

In den Städten Europas spricht man von Schande; von Aufrüstung gegen die Schlepperbande, von Auffanglagern und Anlandeplattformen; man hört auch und liest von anderen Sagern: Von Ausreiszentren, von Routen und Häfen sperren und Booteversenken. Man gibt zu bedenken, dass Rettung aus Seenot Verbrechen sein könne. Niemand ertrinkt mehr auf hoher See. Gibt’s keine Boote, könne keines mehr sinken. Tote können nicht mehr ertrinken. Gelöst das Problem der Sans Papiers. Das ist der Plan. Das sind die Pläne. Wer sagt noch willkommen? Wer Fraternité? 

Europa, was tust du? Was hast du getan? Europa, Europa weißt du es nicht? Du verlierst dein Gesicht. Du verlierst es im Spiegel. Spiegelt die Mauer. Spiegelt die Ziegel. Spiegelt die Trauer. Spiegelt den Spiegel.

3 Comments
  • Anonymous
    Posted at 16:06h, 14 März Antworten

    Lieber Helmut ! Für mich kommt dein Text gerade richtig, um mich an unsere Vorfahren und die noch davor, davor …. zu erinnern, meine Familie väterlicher Seite aus dem Böhmerwald, etc … In einer Sendung France Culture sagte die marokanische Schriftstellerin Leïla Slimani heute „wenn man von einem Ort nicht wegwandern kann, so hat man keine Freiheit, sowie die Frauen im Harem, wie die Sklaven der Vergangenheit und der Gegenwart und das ist unmenschich und ohne Hoffnung“.
    Danke für deinen „starken“ Text. Woher stammt der Spruch über WIEN ? Gefällt mir sehr.
    Erny Grenoble

  • Manfred Voita
    Posted at 13:20h, 10 März Antworten

    Wir wollen nicht teilen, wollen nicht verzichten, wollen keine Fremden, denn wir sind die Guten, das Böse kommt von außen, unkontrolliert und bedrohlich. Augen zu und weg gehört. Während uns der Boden unter den Füßen langsam zu heiß wird und das Klima kippt. Augen zu. Es wird schon gut gehen. Nach uns die Sintflut.

    • Helmut Hostnig
      Posted at 13:26h, 10 März Antworten

      Ja, so sehe ich das auch. Danke für Kommentar und liebe Grüße

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