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Disengagement

Vernetzt: Skulptur von Romana Hostnig

Heinrich ist Veterinärmediziner, der in einem Safaripark arbeitet und Raubkatzen operiert. Das ist er in Second life. Das Leben dort ist aufregender als sein eigentliches, noch analoges. In Wirklichkeit ist er ein Pensionist im besten Alter, was nicht viel heißt, da ja jedes Alter nach 30 das beste ist. Wer ihm zuschaut, denkt: Mann! Der hat Energie. Soviel Energie, dass er Bitcoin schürfen könnte ohne eine hangargroße Serverfarm irgendwo in Sibirien betreiben zu müssen. Als Pensionist hat er schweißtreibende Arbeit zu leisten, wenn er in die Nähe von 100+ kommen will. Noch vor dem Frühstück setzt er sich auf einen Fahrradergometer, dessen Sitz er gegen einen Pferdesattel ausgetauscht hat. An der gegenüberliegenden Wand hängt eine Fototapete. Sie zeigt eine Prärielandschaft mit Kakteen, die in der Abenddämmerung bizarre Schatten in die von Pferdehufen aufgewühlte rote Erde werfen. In der Ferne die Silhouette von Felsen, auf die er zuhält, ohne sie je zu erreichen. Das gibt ihm ein gutes Gefühl. Er reitet in die untergehende Sonne und lobt so den Tag schon vor dem Abend, den er damit vorwegnimmt. Sein Ziel ist nie anzukommen. Die körperliche Belastung erfolgt durch einen Fahrradergometer, der alle zwei Minuten den Widerstand erhöht. Er tritt bis zum Kammerflimmern in die Pedale und schaut dabei Arte. Dokus über den bevorstehenden Weltuntergang und Stand-up-Tragedies sind seine Favoriten. Als Infojunkie weiß Heinrich schon vor dem Frühstück, dass

  1. das Stabilisierungs-system MCAS der Boeing 737 Max eine kostenpflichtige Zusatzoption und daher deaktiviert war.
  2. Dass die FPÖ den Kampf gegen den Bevölkerungsaustausch für das Heimatland Österreich konsequent weiterführt, wie es die Menschen von ihr auch erwarten.
  3. Dass sich manche Tintenfische beim Sex, der über drei Stunden dauert, in den vielen Armen liegen, manche Krakendame aber ihren Sexualpartner erdrosselt und verspeist, wenn er seine biologische Pflicht getan hat.
  4. Dass ein psychiatrischer Gutachter einem Mann, der seine Sexualpartnerin vergewaltigt und gebissen hat, zur Tat und Tatzeit keine psychischen Probleme zu haben unterstellt, obwohl derselbe bei der Gerichtsverhandlung sich als Präsident von Europa ausgegeben, sich mit Fernsehgeräten unterhalten und von Ufos berichtet habe, während er auf sein Gesicht drückte, als ob er ein Gerät einschalten würde.
  5. Einen Satz aber, auf den er beim Lesen eines Online-Artikels ohne Paywall über einen Innovationsexperten gestoßen war, musste er sofort in sein Onlinetagebuch übertragen- Der Satz geht so:  „Während die Amerikaner autonome Fahrzeuge als Chance sehen, die Zahl der Verkehrstoten zu reduzieren, gefallen wir uns dabei, irrelevante ethische Probleme zu diskutieren.“ Ein sogenannter „Death-Algorithmus“ entscheidet, ob ein selbstfahrendes Auto im Notfall in eine Gruppe von Fußgängern, auf eine Mutter mit Kind oder gegen eine Wand fährt.“ Diesen Moment, wo das autonome System nicht mehr weiß, was es tun soll, nennt man Disengagement. Das alles weiß er noch vor dem smarten Frühstück, das aus zwei Avocados, Joghurt, Semmel, Spiegelei und Café mit aufgeschäumter Milch besteht.

Er hat rote Kaninchenaugen, weil er gestern bis spät in den Morgen in second life einen Avatar zu bekehren versucht hat, der als Frau verkleidet auf einer Ottomane lag und von den Abenteuern  in seinem Safaripark erzählte, in welchem er einen virtuellen Tiger gejagt hat, von denen es realiter nur noch 20 000 gibt, um aus seinen Knochen Wein zu destillieren.
Weil ihm ein Freund geraten hat, sich ein Pedometer zu kaufen oder sich eine Schrittzähler-App aus dem Playstore zu laden, tut er das jetzt. 2000 Schritte nämlich seien täglich notwendig, um fit zu bleiben und altersbedingter Adipositas vorzubeugen. Heinrich stimmt den Nutzungsbedingungen zu, d.h. er gibt seine Crashdaten den Entwicklern preis, die mit ihnen nur die Qualität der App verbessern wollen. Im Austausch dafür  würde er thirdparty Advertisements bekommen, die für ihn von hoher Relevanz seien. Wieder so ein Moment des Disengagements, wo ein sonst autonomes System nicht mehr weiß, was es machen soll: Auf die Sehnsucht nach Überwachung verzichten, die Kultur des Selftrackings durch datafictation weiter pflegen oder… Oder was?  Entzug? Er stöpselt sich das Ohr zu und begibt sich in den nahegelegenen Park. Die Straßen sind mit Plakatständern zugemüllt, auf denen ein Mann mit dem Gesicht eines Neandertalers dazu auffordert, für ihn zu „voten gegen die Asylchaoten!“ Im Park angekommen setzt er sich in die Nähe eines Abenteuerspielplatzes, wo Kinder mit Helmen und Knieschützern auf Dreirädern herumflitzen, und schaut auf seine neuerworbene App. Wie viele Schritte sind es denn? Eingebettet in die Zahl der Schritte, ja es sind schon 1925, poppt die für den User höchst relevante Werbung eines Bestattungsunternehmens mit dem vielversprechenden Namen „Himmel-blau“ auf.
Nachdem er eine Weile den Kindern zugeschaut hatte, die stellvertretend seinen durch Disengagement verloren gegangenen Bewegungsdrang auslebten, beobachtete er seine Zeitgenossen und Mitbürger. Diese waren ihm durch Produkte wie Fitbit, Digfit, Jawbones Wristbändern und Nike+ zur Kontrolle der Schritt- und Pulsfrequenz sowie des Bewegungs-, Schlaf- und Essverhaltens weit voraus.
Zuhause angekommen versucht er, sich wieder in Sibylle Berg’s Grm: Brainfuck einzulesen, das die apokalyptische Sicht auf das Morgen aus den  Entwicklungen der unmittelbaren Gegenwart herleitet. Nicht so weit hergeholt, wenn man zB. bedenkt, dass eine totale und willkürliche Überwachung von Sozialversicherten durch Versicherungsgesellschaften in der Schweiz schon heute möglich ist.

Anmerkung des Autors: Wichtige Links zu FB und zum Selftracking

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