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Was tust denn du da?

M. liegt im Bett und schaut fern. Neben ihm eine Frau, die er nicht kennt. Schon mal komisch. Wie kommt sie in das Bett? Plötzlich wird ihm die Fernbedienung aus der Hand gerissen; sie hat zwei Knöpfe, von denen er jetzt einen drückt, ohne zu wissen, wofür er bestimmt ist. Das Programm jedenfalls hat sich geändert, aber es ist nicht wirklich unterhaltsam. Also mischt er sich unter die Leute, denn er ist auf einer Party. Er vermutet, dass das ein Traum ist. Der junge Mann aber, der einer Frau etwas ins Ohr flüstert, ist real. M. tippt ihm auf die Schulter. Der junge Mann dreht sich überrascht um, macht einen Schritt zurück und scannt ihn mit einem Blick, den M. nicht deuten kann. Er weiß nicht warum, aber er tut, als hätte er mitgehört und fragt: „Wussten sie, dass der schwarze Berg einen gutgetarnten Tunneleingang hat und sich in ihm ein Schacht befindet, der tief in die Erde führt? Dort ist ein geheimes Labor, wo Experimente zur Erzeugung eines hybriden Menschen stattfinden.“
Der junge Mann, der M. an ein Foto erinnert, das ihn selbst – genauso alt – mit einem mit schwarzer Schuhpasta eingefärbten Schnurrbart zeigt, antwortet vom Thema ablenkend: „Wussten Sie, dass wir oft in Montenegro Urlaub machen?“ Dabei zwinkert er seiner Begleitung zu, die ein Sektglas mit einer bläulichen Flüssigkeit in der Hand hält. M. fragt sich im Traum, woher er das mit dem schwarzen Berg und seinem unterirdischen Geheimnis weiß, lässt sich und die beiden ratlos zurück und streift weiter durch die Räumlichkeiten der seltsamen Anlage, die den Charme einer gated community hat.

Er kommt zu einer wuchtigen Tür mit einem Türklopfer. Beide – Tür und Türbeschlag – lassen darauf schließen, dass der Besitzer dieses Hauses oder sein Erbauer eine hohe gesellschaftliche Stellung innegehabt haben muss. Der Türklopfer besteht aus einem beweglichen Schlägel, der unterhalb der Ohren einer Halbmaske angebracht ist, die einen ägyptischen Diener mit offenem Mund darstellt.

Er will eben den Ring anheben, um ihn auf die massive Täfelung fallen zu lassen, da beginnt der Kopf zu ihm zu sprechen…

Nachdem sich M. seine traurig klingende Botschaft angehört hatte, geht  die Tür auf und er befindet sich in einem Saal mit einer pilzartig gewölbten Decke, die von einer mit unzähligen kleinen Spiegeln verglasten Säule getragen wird.Ein Mann in einem weißen Kaftan geht um die Säule herum und klopft an etlichen Stellen auf die Spiegel, die dort, wo er anklopft, herausfallen und auf dem Zementboden zerbersten. Zuerst hält ihn M. für einen Zauberer, der die Partygäste mit seinem Kunststück unterhalten will. Wenig später aber stellt sich heraus, dass es sich ganz und gar nicht um die Vorführung eines Zaubertricks handelt. Erst aber, als der vermeintliche Zauberer ein Feuerzeug zückt und es ihm die Zuschauer gleichtun und Feuer an den von den Spiegeln befreiten Stamm legen, wird M. klar, dass dies ein verbrecherischer Akt ist, der alles nicht nur zum Einsturz bringen, sondern in Schutt und Asche legen wird. The party is over. M. flieht und stürzt ins Freie. Er verliert seine Schuhe, stolpert barfuß über knüppeldick verwurzelte Pfade durch einen Wald; dann ist er auf Kammhöhe eines steil aufragenden Felsens, an den das Meer anbrandet.

Er hört eine Horde Menschen, die ihn mit Fackeln verfolgen, seinen Namen rufen. Und zwar seinen Familiennamen. Der hat ein O und I zwischen einem anlautenden H und gutturalen Verschlusslauten. Nie – auch im Traum nicht -, wäre ihm eingefallen, dass sein Nachname einen so lebensbedrohlichen Sound erzeugen kann. Eingebettet in einer Mulde zwischen zwei Hügeln sieht er ein Haus, das ihn an eine Puppenstube erinnert. Es wäre ein Schatten geblieben und als Haus nicht erkennbar gewesen, hätte in ihm kein Licht gebrannt. Auf das hält er zu, stößt die Tür auf. Hinter der Tür kauert eine Frau in roter Robe und fragt: „Was tust denn du da?“
M. kennt sie nicht, hat sie noch nie gesehen, weiß aber, dass sie ihn nicht aufnehmen wird. Er trägt ein weißes Leibchen ohne Ärmel, das ihm über die Knie reicht und schaut hinunter zu seinen nackten Füßen. Wie aus dem Nichts taucht ein Mann mit einem grünen Regenschutz auf. Der Mann hat große Ähnlichkeit mit einem Schauspieler aus einem Film, der ihm nicht und nicht einfallen will. Noch immer ist Nacht und es ist kalt. Der Mann, – es ist nicht Clint Eastwood -, hat ein Gewehr geschultert und brüllt triumphierend: „Wir haben ihn.“ Und zu M.: „Du bist verhaftet.“ M. ist entsetzt und sagt: „Warum? Ich habe doch nichts getan!“ Der Mann, der noch ein ganzes Heer von Menschen im Schlepptau hat, die wie M. ähnliche Büßerhemden tragen und an deren Füßen Fangeisen angebracht sind, meint böse lachend: „Das sagen alle!“

Vielleicht kann ein geschätzter Leser M.*s Traum deuten und ihn so aus seiner Schlaflähmung befreien. M. versichert mir, dass er ihm sehr dankbar wäre.

 

 

 

 

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