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Telavi: Im Zentrum Kachetiens

Dem Lärm und der Feinstaubbelastung von Tiflis entfliehend, haben wir uns auf den Weg nach Telavi gemacht, der Hauptstadt im Mutterland des Weins in Kachetien. In Wirklichkeit ist es ein beschauliches Provinznest, dessen Charme sich seinen Besuchern erst erschließt, wenn sie Spaziergänge durch seine kopfsteingepflasterten Gassen und Wege so für sich hin unternehmen, ohne ein festes Ziel anzustreben. Bei diesen Streifzügen können die mit Veranden und Weinlauben als Entrée geschmückten Häuser bewundert werden, in deren kleinen Vorgärten die goldgelben Früchte der Khakibäume den Mund wässrig machen. Vielleicht kommt ihnen wie uns ein fröhlicher Mann entgegen, der uns zum Probieren ein ofenfrisches Brot anbietet, das er eben aus der nahe gelegenen Bäckerei an der Ecke erworben hat.

  • Vielleicht finden sie aber auch, – ebenso überrascht wie wir es waren -, eine verlassene Kirche auf einem Hügel gelegen, der einen weiten Blick in das von der Bergkette des Hohen Kaukasus begrenzte kachetische Tiefland gestattet, oder gar den Seiteneingang zum örtlichen Friedhof, der mit seiner fremdartigen Begräbniskultur auch uns in den Bann gezogen hat. Die verwitterten Gräber sind von Zäunen eingefriedet, in denen für die noch Lebenden eine Bank und ein Tisch eingerichtet sind. Printdruck auf Marmor sind die Formen visueller Repräsentation, die den Toten, der mit Wein und Zigaretten begraben wird, oft lächelnd, trinkend oder lässig mit einer Tschick zwischen den Fingern abbilden.

Es sind die schönsten Friedhöfe, die wir auf Reisen je gesehen haben. Hier ist es Brauch, sich nicht nur an Todestagen bei den Gräbern zu treffen, um die Erinnerung an die Verstorbenen bei Brot und Wein wachzuhalten. Auffallend ist, dass Männer mein Alter selten erreichen. Laut Statistik haben in 86 Ländern Männer eine höhere Lebenserwartung als in Georgien.  Ob das am exzessiven Alkohol- und Nikotinkonsum liegt oder an den harten Lebens- und Arbeits-bedingungen? Es werden wohl viele Faktoren eine Rolle spielen.

  • Neben der Burganlage von Irakli II, der von hier aus einst das Land und mit ihm die Seidenstraße kontrolliert hat, verdient vor allem der quirlige Markt unterhalb der Stadtmauern einen längeren Aufenthalt. Wer hier lebt, kann sich täglich mit Lebensmitteln versorgen, die keines Bio-Gütesiegels bedürfen. Mich erinnert es an die Märkte in den Dörfern der Anden. Selbst PET- Flaschen werden recycelt und dienen als Behälter nicht nur für Chacha (Schnaps aus Trester). Wie gut und unverdorben hier alles schmeckt, erfahren wir jeden Morgen zum üppigen Frühstück, das in vielen Schalen und Tellerchen serviert wird.

Es gibt Gemüsesuppe, Chatshapuri, Nudeln oder Bratkartoffeln, Bohnen, selbstgebackenes, ofenfrisches Brot, Kompott und Marmelade house made, Mazoni (georgischer Jogurt), frische Kuhmilch, Butter, viele Sorten von Käse. Und dies alles hoch über der Stadt mit Blick auf die Berge, deren Kuppen oft wie Inseln über dem Nebel schwimmen. Selten bewerte ich Unterkünfte. OMSI-house aber hat es wirklich verdient.

1 Comment
  • Susanne Hammer
    Posted at 13:11h, 20 Oktober Antworten

    Danke lieber Helmut, für den lebendigen Bericht und den liebevollen Blick auf Telavi und seine Einwohner/innen.

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