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Mailand 1640

Ein Blick in die Literatur über Berichte aus Zeiten, in welchen Pest und andere Seuchen in Europa wüteten (Decamerone von Giovanni Boccaccio, die Pest von Albert Camus oder die Brautleute von Alessandro Manzoni) kann helfen, unsere Reaktionen auf die vor wenigen Tagen von der WHO ausgerufene Pandemie sowie auf die Maßnahmen der Regierenden hier und in anderen Teilen der heute globalisierten Welt mit denen von damals zu vergleichen.
Im Folgenden Auszüge aus „Die Brautleute“ von Alessandro Manzoni, eine mailändische Geschichte aus dem 17. Jhdt.; erste Drucklegung 1823, S.684 – 690, Hanser Verlag

Doch die Ausflüchte und Winkelzüge und sozusagen Racheakte des besiegten Starrsinns sind manchmal so beschaffen, dass man sich wünschte, er wäre bis zuletzt standhaft und unbesiegt geblieben, entgegen aller Vernunft und Evidenz, und dies war genau solch ein Fall. Diejenigen, die so entschieden und so lange bestritten hatten, dass sich in ihrer Nähe, ja mitten unter ihnen ein Krankheitskeim befand, der sich auf natürliche Weise ausbreiten und Verheerungen anrichten könnte, und die jetzt seine Ausbreitung nicht mehr leugnen konnten, aber sie nicht ebenjener natürlichen Weise zuschreiben wollten (was ja geheißen hätte, gleichzeitig eine große Selbsttäuschung und eine große Schuld zu gestehen), waren nun umso mehr geneigt, einen anderen Grund dafür zu finden und jeden gutzuheißen, der ins Feld geführt werden konnte. Unglücklicherweise gab es einen, der nach den damals nicht nur in Italien, sondern überall in Europa herrschenden Vorstellungen und Traditionen allzeit bereit und zur Hand war: Giftmischerei, Teufelswerk, Leute, die sich verschworen hatten, die Pest zu verbreiten mit Hilfe tödlicher Salben oder durch Zauberei…
…Die Pest war nun nicht mehr zu leugnen, aber sie erwarb sich auch ganz von selbst jeden Tag mehr Glaubwürdigkeit…
…Am Anfang also keine Pest, auf keinen Fall und in keiner Weise; sogar das Wort ist verboten. Dann pestartige Fieber: Die Vorstellung schleicht sich durch ein Adjektiv ein. Dann keine richtige Pest; soll heißen: Pest schon, aber nur gewissermaßen nicht eigentlich Pest, sondern etwas, für das man keinen anderen Namen finden kann. Schließlich ganz zweifellos und unbestreitbar Pest, aber schon hat sich eine andere Vorstellung damit verbunden, nämlich die der Hexerei und Giftmischerei, die den Sinn des nicht mehr abweisbaren Wortes verwirrt und verfälscht…

Leser und Leserinnen werden die Analogien selbst finden. Es gab sie in China, wo die Ausbreitung des Virus anfänglich ebenso geleugnet wurde wie in Trump’s Amerika (Hoax, Schuld der Demokraten, chinesischer Virus), in Großbritannien, das mit einem anderen Leader die Existenz des Virus zwar nicht leugnen, aber mit dem infamen Experiment einer Herdenimmunität hunderttausend Tote in Kauf nehmen wollte, und in einer Alpenprovinz, die sich den ehrenvollen Titel  „Wuhan von Österreich“ erworben hat und als europäische Drehscheibe für die Pandemie gilt, aber mit dem Slogan „Wir haben alles richtig gemacht!“ jede Kritik abwehrt. Ganz abgesehen von einem Nationalratspräsidenten, der das darwinsche „Survival of the fittest“ ausrufen lassen wollte.

Übrigens: „Mit den Händen“, sagt eben ein Experte im Fernsehen, „muss man wissen, wohin man sich fährt,“

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