Mutters Galicien

Wo bist g’wes’n? In Galizien? Da hab ich einmal ein Buch g’lesen drüber. Ich kann ja nicht mehr reisen. Aber mit den Büchern kann man auch fort sein und fast wie dort, wenn’s gut geschrieb’n sind. Da hat ein Vater eine schöne, junge Tochter g’habt in dem Land, die den nicht und nicht heiraten hat wollen, den er für sie ausg’sucht hat. Da sterb‘ ich lieber, hat’s g’sagt. Da hat sie der Vater in ein Fass g’sperrt, das Spuntloch zug’macht und das Fass mit seiner Tochter drin ins Meer g’worf’n.

Und weiter? Was weiter? Hast schon g’hört? Da hat ein Zivildiener beim Roten Kreuz einer Frau g’holfen ein Kind z‘ kriegen und das im Auto. Der war in der Zeitung heute. Alle haben’s ihm gratuliert, als wär’s sein Kind g’wes’n. Vielleicht hätt’s ihn heiraten soll’n, meinst nicht auch. Wenn einer die Fruchtblase platzt, lasst keiner seine Frau im Stich, oder setzt’s einfach in ein Taxi, oder? Find’st nicht auch? Aber was brauch ich reden: Wie’s bei mir so weit war, war er weg.

Was mit der Frau passiert ist? Mit welcher Frau? Weiß ich nicht mehr. Meinst‘ die im Fass? Ja, das musst dir mal vorstellen. Ist die in ein’m Fass drin und das Fass schwimmt auf den Wellen im Meer und wird nach einer Zeit – frag mich nicht, wie lang – an Land g’spült. Wie’s da drin Luft kriegen hätt‘ sollen, ist mir ein Rätsel… Ich wach nämlich auch manchmal auf in der Nacht und krieg keine Luft nicht. Aber ich will den roten Knopf nicht drücken, weil dann bringen’s mich ins Spital und das will ich nicht. Ich will ja noch ein bisschen leben. Und wenn’st g’sund bist und kommst ins Spital, nur weil‘d halt manchmal kein Luft kriegst, wirst krank von den Bazillen dort. Unlängst hab‘ ich einen Bericht g’lesen, da…

Die Frau im Fass? Welche Frau im Fass?  Meinst die in Galicien, wo du jetzt g’wes’n bist? Ja, das Fass haben’s an Land ‚zogen und aufg’macht und da war die drin. Halbert ohnmächtig wird’s g’wes’n sein, das arme Kind. Jedenfalls hat sich das schnell rumg’sproch’n dort und dann hat man’s zum Häuptling oder König oder wer halt dort der Herrscher g’wes’n ist, ‚bracht… Nach Galicien wär‘ ich ja auch einmal gern g’fahren. Warst in Compostela? Den Jakobsweg wär‘ ich auch gern einmal ‚gangen, obwohl: Ich bin g’nug g’laufen in mein’m Leben. Ach so, Compostela sagen’s heut. Ja, wissen die das dort auch? Das ist wie mit Vorarlberg. Die einen sagen Vorarlberg, die hinter’m Arlberg Vorarlberg und es gibt sogar solche, die Voradelberg sag‘n; dabei hat das mit Radln oder Adel überhaupt nichts z‘ tun. Aber Hauptsache man versteht’s. Meinst nicht auch?

Weißt du, die Katze von der Nachbarin, eine ganz teure, so teuer, dass ich mir zwei Beerdigungen leisten könnt von dem Geld, was die Katz‘ kost hat; mit der haben’s kein Glück g’habt. Die hat einen ganz langen Schwanz; doppelt so groß wie die Katz selber und ganz buschig. Eine teure  Perser, ja eine Perser; Hat der Frau vom Nachbarn in den Finger bissen, bis auf den Knochen, dass sie g’sagt haben: Das geht so nimmer. Die muss weg.  Aber dann – wie sie’s zum Einschläfern bracht‘ haben, hat der Tierarzt g’sagt, dass schwanger ist.  Dann haben sie’s wieder mit heim g’nommen. Man schläfert ja kein Tier nicht ein, wenn’s schwanger ist, und nur weil’s die Nachbarin bissen hat, oder? Das sagt auch die vom Pflegedienst, die jetzt Oma wird.  Von schwanger aber keine Red‘. Dick war’s und is‘ noch immer, weil sie kriegt jetzt nur das Beste. Deswegen hat’s sie’s ja bissen, weil’s kein Gourmet war, sondern irgendwas Billig’s vom Hofer.

Wie das aus’gangen ist mit der Frau? Welcher Frau? Ach, die im Fass. Ja, wie soll das schon aus’gangen sein? Also: Nachdem sie der Vater in ein Fass g’sperrt hat…. Das Ende meinst, wie’s ausgangen ist?  Gut ist’s aus’gangen. War ja schön die Frau und weil’s so schön war, hat er g’sagt, der Häuptling oder König oder was er halt g’wes’n ist: Du bist jetzt meine Frau oder Favoritin oder Geliebte. Und sie wird sich ‚dacht haben: Jeder besser wie der, den mir mein Vater hat andreh’n wollen, und hat Ja g’sagt. Was ist ihr denn übrig ‚blieben? Ja, so kanns geh’n… Es kommt halt immer anders, wie man denkt. Ich hab‘ noch mehr solche Bücher über Frauenschicksale. Weiß gar nicht, wohin damit. Du willst sie ja nicht haben, oder? Weißt, es hat schon immer starke Frauen geben. Aber auch böse. Wer war das, der der Maria den Kopf hat abhacken lassen? Die Elisabeth, richtig. Was macht die deine? Kriegst du dein Fleisch? Weil sie ist ja Vegetarianerin noch immer, oder? Lass sie mir lieb grüßen. Ich mach dir heut ein‘ Schweinsbraten. Hab auch einen Hals, wenn‘st den lieber hast. Alles im Kühlschrank. Bei mir kriegst immer dein Fleisch. Hast es auch nicht leicht, stimmt’s?

1 Comment
  • Erny Menez
    Posted at 21:56h, 09 April Antworten

    Lieber Helmut !
    Deine Mutter ist eine Philosophin, die Ideen zwar etwas durcheinander, aber immer mit einer authentischen spontanen und weltoffenen Stellungnahme.
    Allein schon „Hast immer dein Fleisch bei ihr bekommen“ … in der Generation unserer Mütter war Fleisch so wichtig für die Gesundheit (und so selten) !
    Gefällt mir, danke,
    ERNY

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