Besuch von Gsellmanns Weltmaschine

Woher kommt ihr ursprünglich?, will sie wissen. Da die über 80jährige Tochter Gsellmanns weder Bregenz zu kennen scheint, noch vom Allgäu je was gehört hat, schlägt sie vor, ihren Vortrag auf Hochdeutsch zu halten. Ich empfange Besucher aus der ganzen Welt, erklärt sie stolz und manchmal komme ich gar nicht mehr nach, so groß ist das Interesse an der Weltmaschine meines Vaters. Bis zu 10 000 pro Jahr. Jetzt hört’s auf knipsen, solang ich red, sagt sie, entschuldigt sich bei den zwei anderen Besuchern, mit denen sie eben noch geplaudert hatte und erzählt, wie ihr Vater gerne in eine Lehre als Elektriker gegangen wäre, aber es sich als Landwirt nicht hat leisten können, den kleinen Hof zu verlassen.

23 Jahre hat er auf engstem Raum an seiner Maschine gearbeitet. Sie zeigt auf die Nahtstelle am Boden, wo zugebaut wurde, um sein Lebenswerk aus nächster Nähe bestaunen zu können, das aus hunderten Glühbirnen, 25 Elektromotoren aus alten Haushaltsgeräten besteht, die Franz Gsellmann – sich alles vom Mund absparend – auf Schrottplätzen, Fetzen- oder Flohmärkten gefunden, gekauft und zusammengetragen hatte. Zu Fuß hat er alles, mit dem Fahrrad, mit der Scheibtruhe und im Winter mit dem Ochsenkarren bis aus Graz herangeschafft. Eine Sammelleidenschaft, die bei den Menschen in dem winzigen Weiler im oststeirischen Hügelland auf wenig Verständnis stieß und dem Erbauer der Weltmaschine wegen ihrer Nutzlosigkeit viel Häme und Geringschätzung eintrug. Wie nämlich kann einer in einer Zeit, wo alles „zum Brauchen“ sein musste, wie es in einer Broschüre heißt, welche auf die Sehenswürdigkeiten der Gegend aufmerksam macht, für so etwas Unbrauchbares Zeit und Geld aufwenden? Denn Beides war für einen Kleinbauer damals, der von seinem Grund und Boden leben und mit ihm seine Familie ernähren musste, knapp.
10 Jahre von den 23, in welchen er an dieser Maschine gearbeitet hatte, habe er sich in diesem Teil des Hauses versteckt. Nicht einmal seine Frau durfte wissen, was er dort treibt. Das technische Wunderwerk soll Franz Gsellmann in einem Traum gesehen haben, nachdem er 1958 seine einzige Reise zur Weltausstellung nach Brüssel unternommen hatte. Das ausgestellte Atomium – eine 110 m hohe Metallplastik sei das Schlüsselerlebnis gewesen, das ihn zu dieser Maschine inspiriert hätte.

Alles ist gebohrt oder geschraubt, ganz wenig geschweißt. Wenn er etwas nach seinem Plan anfertigen hat lassen, hat niemand davon wissen dürfen, wofür es Verwendung findet. Stunden könnten wir zubringen und nur einen Teil davon erfassen, woraus die Teile bestehen, die in die Maschine hineingearbeitet worden sind: Hier eine Rumpfstrickmaschine, dort ein Mixer, da eine Trockenhaube, dort kleine Uhrwerke, eine Windmühle, ein altes Radio, eine Sonnenuhr,ein Metronom, ein Mercedesstern, ein Süßigkeitenständer aus Plastik, Matrazenfedern, um das Modell eines Flugzeugmotors zu simulieren, eine Buchpresse, ein Adler aus Porzellan, ein Orgelgebläse, Glocken, Vogelpfeifen … 4m hoch, 4m lang, 2m breit, 2000 Bestandteile, alle bunt bemalt und jetzt in Betrieb genommen, von innen her durch die gelben, roten, grünen Lampen blinkend, leuchtend, bebend, schwingend, dröhnend. Es stampft, rasselt, surrt, pfeift, alles dreht sich, immer schneller, gerät in Schwung, ein energetisches Kreisen und Kreißen, Riemen, Drähte, Schnüre, Ketten, Spulen, Schläuche… als würde es abheben wollen, durchs Dach brechen, um aufzusteigen über dem blauen Sommerhimmel der oststeirischen Vulkanlandschaft und mit seinem Erbauer Kontakt aufzunehmen, bevor es den Betrachtern um die Ohren fliegt. Was ist es? Künstlerische Installation, kinetische Kunst, eine Maschine über eine Maschine: Eine Metamaschine, wie sie der Schweizer Tinguely geschaffen hat?
Met Much und Plarg harb ich gebaut. Für das so karge(?)Leben Gott wirt mich in der anteren Welt ein schönere Arbeit geben! Das steht auf einer Plakette auf der Rückseite seines Lebenswerkes. Welcher Arbeit er jetzt wohl nachgeht? Sein Enkel, dem die Maschine nun gehört, wollte nicht so lange warten und ist bei einem Schmied in die Lehre gegangen.

2 Comments
  • Manfred Voita
    Posted at 15:59h, 11 August Antworten

    Muss man es bewundern? Muss man staunen oder irritiert sein? Verstehen kann man es wohl nicht, aber was er da gebaut hat, das richtet keinen Schaden an und kann im besten Fall ein paar Menschen Freude bereiten. Was unterscheidet es eigentlich groß von unseren Texten, die wir auch zusammenschrauben, ohne groß auf die Welt zu schauen und meist nicht einmal mit der Erwartung, dass jemand kommt und guckt. Also ist es wohl ganz okay, wenn jemand seine Aufgabe findet und damit glücklich oder unglücklich wird, ganz so, wie er es sich ausgesucht hat.

  • Susanne Hammer
    Posted at 12:17h, 11 August Antworten

    Toll. Vor allem der letzte Absatz, wo dein Text genauso Fahrt aufnimmt wie Gsellmann’s Weltmaschine.

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