Sprachphilosophische Betrachtungen zur Pandemie

ES
Nicht lebendig, nicht tot. Ein Programm, das einen Prozess in Gang setzt. Ein Algorithmus etwa? Vielleicht etwas mit künstlicher Intelligenz Vergleichbares, das selbstlernend etwas Neues, nie Dagewesenes, ein Monster schuf? Vielleicht. Unheimlich auf jeden Fall. Unsichtbar? Ja und nein. Nach der Quantenmechanik noch in einer sogenannten Superposition von zwei Zuständen. Baustein der Materie und Existenzform als Idee. Kopf und Zahl. Verzweiflung und Hoffnung. Tod und Leben. Erst, wenn ich hinschaue, genau hinschaue… Eben noch war es da. Ich war zu abgelenkt, um es in seiner Flüchtigkeit wahrzunehmen. Abgelenkt von der Kastanie im Hof, die gerade wieder grün zu werden verspricht. Abgelenkt auch vom süßlichen Duft, wie ihn Hyazinthen verströmen. Ein Duft, dessen Ursprung ich mir nicht erklären kann, da es hier weit und breit keine Hyazinthen gibt. Jedenfalls war es nicht mehr da, als ich es näher in Augenschein nehmen wollte. Vielleicht narrt es mich, wie es bei Experimenten geschieht, weil allein schon der Akt des Betrachtens auf den Gegenstand des Betrachtens Einfluss nimmt, ihn verändert, ihn auf einen der Zustände festlegt und so das Ergebnis in Zweifel zieht. Sogar in Frage stellt. Ich lege mich trotzdem auf die Lauer und nehme mir fest vor, dann, wenn es sich mir zeigt, so zu tun, als hätte ich nicht hingeschaut. So, wie man tut, wenn man etwas gesehen hat, was man nicht hätte sehen dürfen. Eigentlich ein unmögliches Unterfangen. Aber da ich es mir einmal in den Kopf gesetzt habe, bleibe ich dabei.

ES ist so fremd, wie ein elfdimensionales Wesen nur sein kann. ES hat ein Grinsen im Gesicht, das mich an den Joker im Film erinnert, wie er vor dem Spiegel steht und mit den Zeigefingern der rechten und linken Hand das Clown geschminkte Maul in die Breite zieht. Es war nicht einfach, – als würde ich Stufen hinabgehen, so kam es mir vor -, um vom geträumten Wachzustand in den Traum und von dort wieder in den traumlosen Schlaf zurückzufinden, in welchem ich noch wusste, dass ich alles vergessen haben würde, wenn ich die Augen öffne und wieder wach bin. So war es auch. Noch eben war alles so, wie ich es kannte und gewohnt war. Ein bisschen stiller als sonst vielleicht. Das erste, was mir auffiel, war das Ausbleiben von Flugzeug- und Straßenlärm. Der Himmel war blau. Die Vögel zwitscherten. Die Kastanie bald wieder so weit, dass sie in der Hitze des Sommers Schatten spenden wird können. Als ich dann einkaufen ging – vorbei an einem verwaisten Spielplatz, der wie ein kontaminierter Tatort mit Bändern abgezäunt war, mir 2 Leute mit Schutzmasken auf einer leergefegten Straße entgegenkamen, die auf dem Trottoir einen weiten Bogen um mich machten und vor dem Spar eine Security stand, wusste ich wieder, dass ES da war.

ES hat es in kurzer Zeit zu vielen Namen gebracht. Der Name, der sich durchgesetzt hat, heißt Neue Normalität. Wir werden mit der Neuen Normalität leben müssen, trommelt es aus allen Kanälen. Eine neue Zeitrechnung hat begonnen. Es gibt die Zeit vor der Pandemie und eine postpandemische: die Neue Normalität eben. Eigentlich hat die Zeitenwende schon mit 9/11 begonnen. Damals und im Zuge der in Europa verübten Attentate durch den IS hat die Aufrüstung zur Überwachung im öffentlichen Raum und öffentlichen Einrichtungen begonnen, und kaum eines dieser unserer Sicherheit dienenden Maßnahmen wurde je zurückgenommen. Ob das nach Eindämmung der Pandemie durch sehnlichst erwartete Impfstoffe geschehen wird, ist mehr als fraglich. Social distancing und Ellenbogengrüße haben Handshake und Um-armungen ersetzt, der bargeldlose Verkehr das Zahlen mit Münzen und Geldscheinen, unsere Bewegungen im öffentlichen Raum sollen durch Tracing Apps erfasst, Urlaub im eigenen Land verbracht werden; beim Betreten von Banken führen Bodygards Fiebermessungen durch, Mitmenschen fühlen sich aufgerufen, das Nichteinhalten von Regierungserlässen anzuzeigen und in ihren social media Kanälen mit Fotos an den digitalen Pranger zu stellen. In Pressekonferenzen werden Pressekonferenzen angekündigt, bei welchen immer neue Verordnungen erlassen werden, deren Durchsetzbarkeit erst vom Verfassungsgerichtshof überprüft werden muss, da sie erhebliche Einschränkungen in Grundrechte möglich machen. „So viel Freiheit wie möglich, so viel Einschränkung, wie notwendig.“ Die Freiheitsberaubungen nehmen im gleichen Umfang zu wie die Einschränkungen.  Es wird Eigenverantwortung eingemahnt. Dann wieder werden Bevölkerungsgruppen gegeneinander ausgespielt.  Stadt gegen Land. Ausländer gegen Einheimische. „Jeder wird einen kennen, der…“ oder „Koste es, was es wolle!“ sind Sätze, die sich ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben haben. Ja, ES oder die Neue Normalität hat uns fest im Griff.

ES hat emblematische Bilder hinterlassen: Militärfahrzeuge in Bergamo, die die Toten in entfernte Krematorien karren; Millionen von Tulpen, die geschreddert werden mussten, weil sie keine Abnehmer mehr fanden, ein Papst, der im strömenden Regen über den einsamen Petersplatz trottet, um dann mit seiner Monstranz den Segen Urbi et Orbi zu erteilen; Menschen, die während des Lockdowns auf Balkonen die Ode an die Freundschaft anstimmen oder das Kampflied der Partisanen „Bella ciao“ singen; Kühltransporter in NYC, in welchen die Toten auf Bestatter warten, die keinen Platz mehr in ihren Aufbahrungs-räumen haben; Zeltstädte im Central Park, weil die Spitäler überfüllt sind; Tote auf den Straßen von Guayaquil in Ecuador: Alle diese Bilder haben sich wie die einstürzenden Twin Towers in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt und wieder eine Zeitenwende auf der Timeline des 21igsten Jahrhunderts markiert.

Jeder soll in jedem einen potentiellen Gefährder sehen. „Gefährder“: Auch so ein Unwort, von dem es so viele gibt, dass ein ganzer Katalog erstellt werden könnte. Da darf auch der Sager von der Flex nicht fehlen, mit der die Infektionsketten durchbrochen werden sollen… Von Einreiseregime ist die Rede, „von Menschen, die in ihren Herkunftsländern den Sommer verbracht und uns Ansteckungen ins Land hineingeschleppt haben.“ Eine Sprache, die immer martialischer wird; eine Sprache, die ausgrenzt, hetzt und spaltet; eine Sprache, die Schuld von sich ab- und anderen zuweist, wo doch eigentlich zum Zusammenhalt aufgerufen werden sollte: Stimmen, die zu einem solchen aufrufen, bleiben in der politischen Landschaft rar.

 

 

 

 

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