Anleitung zum Wachträumen

Im Garten gegenüber, den es nicht gibt, aber geben könnte, wenn die Wand ein Fenster hätte, wächst ein Apfelbaum mit weit ausladenden Ästen, die ich im Herbst nur zu schütteln brauchte, um aus den Äpfeln, nachdem sie den Winter über im Keller gelagert haben, ein Kompott zu machen, oder sie auf einen Ofen zu legen, bis ihre Haut aufplatzt und ihr Geruch und die bildliche Vorstellung, gleich in das Fruchtfleisch zu beißen, mir das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt, obwohl ich weiß, dass ich mich noch ein wenig gedulden werde müssen, weil jetzt Frühling ist, und der Baum gerade seine Blüten abgeworfen hat, die übrigens den Rosen sehr ähnlich sind, und jetzt den ganzen mit Beton gepflasterten Boden des Lichthofes bedecken, der nach einem Regen ganz schwarz ist, aber nicht ganz so schwarz wie die Saatkrähen, die sich mit ihren Flügeln – wie Scherenschnitte – aus dem mattweißen Nebel lösen und mit kehligem, aber trockenem Krächzen über die Dächer den Steingründen zufliegen, während eine von ihnen – aus Gründen, die mir verborgen bleiben – sich dem Schwarm nicht angeschlossen hat, jetzt auf der Wäscheleine sitzt und mit ruckartigen Bewegungen den Kopf nach rechts und dann wieder nach links wirft, dem Frieden nicht traut, einen Warnruf ausstößt und auffliegt, kaum, dass sie Platz genommen hat, eine instinktgeleitete, aber begründete Ängstlichkeit an den Tag legend, die noch aus grauer Vorzeit stammt, als ihre Leber noch dazu diente, den Ausgang eines Krieges, aber auch die Ergebnisse von Würfelwürfen vorherzusagen, was schnell zu ihrem Aussterben geführt hätte, wäre der Aberglauben so verbreitet geblieben, wie er noch heute mancherorten anzutreffen ist, wo die Aufklärung keinen Fuß in die Tür bekommen hat, und Menschen auf die Straße gehen und sich gegenseitig zum Widerstand gegen ein angebliches Komplott zwischen Bill Gates, der Pharmaindustrie und der Weltgesundheitsorganisation gratulieren, oder noch immer ein Kreuz schlagen, wenn eine Katze ihnen von links kommend über den Weg läuft, was ein Irrglaube ist, den ich nicht nachvollziehen kann, weil alles, was von rechts kommt, braun und nicht schwarz ist, wenn mir dieser Einwurf erlaubt sei, was ich hoffe, da ich glaube, dass Zweifel angebracht sind, weil weder Farben noch die eindimensionale Orientierung im Raum, die kein Oben und Unten kennt, Kategorien sind, mit denen gesellschaftliche oder geschichtliche Ereignisse aus Ursachen erklärt werden können, in denen der Wurm sitzt, dem der Apfel als Nahrung dient, den ich jetzt Lust zu essen hätte, wenn ich nicht wüsste, dass ich mir den Apfel, den Garten, den Regen und den Winter, den Ofen und die Krähe und auch die Katze wachend erträumt habe, obwohl mir die augenblickliche Realität dies alles gar nicht vorenthält und ich besser mir im Wachtraum eine Welt erschaffen hätte, in welcher wir uns wieder umarmen dürfen, ohne Angst haben zu müssen, vielleicht selbst ansteckend zu sein oder angesteckt zu werden .…

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2 Comments
  • Helmut Hostnig
    Posted at 12:58h, 21 April Antworten

    Danke, lieber Manfred für deinen Kommentar. Ja, war Absicht. Mal schauen, wohin das führt, wenn ich mit offenen Augen und den Fingern auf dem Keyboard ohne Punkt und Komma vor mich hinträume. Gelingt nicht immer.

  • Manfred Voita
    Posted at 11:40h, 21 April Antworten

    Das musste ich gleich zweimal lesen, einmal, um den Text zu verstehen und dann gleich ein weiteres Mal, weil mir auffiel, was du da gemacht hast: einen Satz. War das gleich die Absicht oder ergab sich das? Ein interessantes Experiment, das ganz offensichtlich geglückt ist, sonst wäre mir ja gleich was aufgefallen oder hätte mich gestört. Neben dem Spiel mit der Sprache ist es aber auch der Inhalt, der mir gut gefällt, weil du mit dem Bild vom Garten, vom Apfelbaum und vom Apfel beginnst, vom Kompott zum Komplott und zurück zum Apfel und der Realität.

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