Einsatzgeschichte

Weißt du, wie man eine Geschichte schreibt, und wie du beginnen müsstest, um deine Zuseher, Leser oder Zuhörer, seien es Frauen oder Männer, schon mit dem ersten Satz für sie einzunehmen, sodass sie von ihr nicht genug kriegen können, sie an deinen Lippen hängen, oder gleich ganze Absätze beim Lesen überspringen, oder mit der Fernbedienung im Schnelldurchlauf an den Cliffhängern vorbei zur nächsten Episode gelangen wollen, zum nächsten Showdown, bis zu dem Punkt, wo deine Helden, seien es Männer oder Frauen, von denen du selbst keiner sein willst, keinen Ausweg mehr wissen, es aber nur in Serien Sinn macht, sie unerwartet sterben zu lassen, weil du als Autor die Lizenz zum Töten hast, davon aber nicht Gebrauch machen willst, weil die von dir erfundenen Figuren zu Personen werden, die – am Tiefpunkt angelangt – vielleicht doch noch eine letzte Prüfung bestehen, was deren vermuteten Untergang wider alle Vernunft noch einmal aufschiebt, indem du ein altes Hollywoodgesetz beachtest, mit einem Erdbeben zu beginnen und langsam zu steigern, somit deinem Publikum nicht einen Augenblick der Ablenkung gönnst und es dazu bringst, dass Leser, Zuhörer und Zuschauer unabhängig von ihrem Geschlecht ihre Ängste, Sorgen und Nöte mit den in der Geschichte Auftretenden teilen, von denen jede etwas spiegelt, was sie aus ihrem eigenen Leben kennen, wenn sie – wie auch im wirklichen Leben – durch ihre Taten oder durch ihr Nichtstun Katastrophen herbeiführen oder verhindern, zur Empathie einladen oder dazu, ihnen Pest und Cholera an den Hals zu wünschen, wie zum Beispiel jetzt diesem Typen, der in seiner abgewetzten Lammfelljacke, dem gehetzten Blick und dem pockennarbigen Gesicht, der neben uns Platz genommen hat und zu dieser Frau mit dem blutverklebten Haar und der Sonnenbrille zu gehören scheint, hinter der der Autor, der auch eine Frau sein kann, ihre schönen vom Weinen verquollenen, blauen Augen vermutet, und wir uns jetzt fragen, in welchem Verhältnis die beiden zueinander stehen, aber auch, ob sie – vielleicht von diesem Typen in Geiselhaft genommen – nach einem Ausweg sucht, indem sie uns mit Zeichen, die noch gedeutet werden müssten, auf ihre verzweifelte Lage aufmerksam machen will, oder froh ist, dass er sie begleitet hat, und so die Fantasien Lügen straft, die sicher schon so schöne Blüten getrieben hat, dass das Publikum gleich seiner Enttäuschung durch Kommentare Ausdruck verleihen wird, auf die falsche Spur gebracht worden zu sein, wäre nicht in eben diesem Augenblick die Frau aufgestanden und hätte nicht eine kleine Pistole aus ihrer Handtasche gezaubert, um sie mit den Worten gegen den Autor zu richten, die ihm nicht und nicht, sogar in herbeigeschriebener Lebensgefahr schwebend, einfallen wollen, und er es daher an die Leser, Zuhörer oder Zuschauer, die jedes Geschlecht haben können, delegieren muss, ihre Fantasie zu bemühen.

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