Mei Trafikant

Aus dem Haus gehend schallt mir der Ruf „Oarschloch“ entgegen, aber das gilt nicht mir, wie ich nach einem Rundumblick feststelle. Auch die Ruferin – denn es war eindeutig eine weibliche Stimme – nirgends zu sehen. Doch.  Eine Frau mit High Heels stelzt an mir vorbei. Redet sie mit sich selbst?

Bis halb vier war ich unterwegs und jetzt ist es schon wieder, als ob Abend wär‘. Scheiße. Scheiße. Scheiße. Auch das noch.

Sie zieht ihren linken Schuh mit dem 10 cm hohen Absatz aus und versucht das Stoffwechselprodukt eines Hundes am Randstein abzustreifen. Dann holt sie ihr Handy aus einer weißen Ledertasche, auf der eine Rose im Relief abgebildet ist, und will telefonieren: Oarschloch!, sagt sie. Immer, wenn ich ihn brauch, ist er nicht da! Die Botschaft ist bei mir, der ich mich auch angesprochen weiß, angekommen. Irgendwie fühl‘ ich mich schuldig.

Ich gehe in die nahegelegene Trafik. Da ich noch immer rauche und zu jener Minderheit gehöre, die bald geächtet sein wird, bin ich dort Stammkunde. Am Anfang hab‘ ich geglaubt, dass ich der Auslöser für das Verhalten des Trafikanten sei. Während es bei den Kellnern in gewissen einschlägigen Wiener Lokalen geradezu erwartet wird und zum Berufsbild gehört, jeden Gast als einen unzumutbaren Störenfried zu sehen und auch als solchen zu behandeln, ist es bei Trafikanten eher unüblich.

Von Beginn an wurden Kriegsinvaliden, Soldatenwitwen und schuldlos verarmten Beamten Trafikantenstellen zu ihrer Versorgung zugestanden. Trafikanten jedenfalls gehören heute zu der vom Aussterben bedrohten und von der ersten Generation an die nächste und übernächste vererbten Spezies, die um die Endlichkeit ihrer Erwerbsquelle weiß und ihr Scheitern im Kampf der einst mächtigen Tabakmonopole mit der obrigkeitsstaatlichen Fürsorge um die Gesundheitskosten mit einem Gleichmut vorwegnimmt, die bei manchen allerdings in Schwermut oder im Falle meines Trafikanten in Überreiztheit mündet.

Mein Trafikant allerdings – ja, er hat sich das besitzanzeigende Fürwort wirklich verdient – ist weder invalid noch schuldlos verarmt; das hätte sein Verhalten in gewisser Weise entschuldigt oder begründet. Nein: Er ist ein ganz normaler dienstleistender Kleinunternehmer, und ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, warum er allen, die sein Lokal betreten, in der alles, auch die Luft zum Stillstand gekommen ist, mit einem Grant begegnet, der seinesgleichen sucht. Keiner der Kunden weiß, für welches Vergehen er bestraft wird. Will ein solcher jetzt auch noch eine Kleinware, wie zum Beispiel eine Marie, also ein Papier zum Drehen von Zigaretten, kann es schon geschehen, dass mei Trafikant, dessen Geduld schon durch mein Erscheinen überstrapaziert zu werden droht, mit zur Decke gedrehten Augäpfeln und einer wie eine Sprungfeder schnarrenden Stimme fragt: Was für a Marie? In Wirklichkeit aber meint: Zuagrasta, depperta, hupf in Gatsch und schlog a Wöll’n. Welche Marie jetz’n? Die brade, die dünne? Er fragt so gereizt, als würde ich ihn zum Zuhälter machen wollen.

Ich kaufe gleich 5 auf einmal, nachdem er die richtige Marie gefunden hat, obwohl ich mich mit jeder zufrieden gegeben hätte, nur um seine Geduld nicht auf noch härtere Probe zu stellen. Zum Abschied knurrt er wieder, mei Trafikant, und ich übersetze: Da’stess di!

Was hab‘ ich doch für ein Glück, denk ich, als die Tür hinter mir zufällt, im richtigen, tiefen Mundl-Wien daheim zu sein.

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