Kulissenwechsel

Die morschen Dielenbretter geben nach. Über ihm der Schnürboden, der für einen lautlosen Kulissenwechsel sorgt. Das Leben ist schön! Sag es! Jetzt sag’s schon! zischt es aus dem Souffleurkasten.
Ein Kind liest, noch bevor es Buchstaben kennt. Sein Alphabet ist ein Setzkasten. Die Buchstaben Gefühle. Aus ihnen deutet es seine Welt. Es weiß, was die Mutter sagen will, selbst dann, wenn sie schweigt. Dann vor allem. Was es am meisten fürchtet, ist, wenn man es schreien lässt und niemand kommt, um es nicht zu verwöhnen. Berührung. Kein in Honig getauchter Schnuller kann sie ersetzen.
Es liest die Hand seines Vaters, der mit ihr einen Drachen bauen kann und ausholen zum Schlag; Ich mach das nicht gern. Das kannst du mir glauben. Aber, wenn du…
Immer das Weite suchend aus Furcht vor der porengroßen Nähe im geteilten Bett. Das Weite im Schlaf, der erst kommt, wenn du alle Schafe zehn Mal gezählt hast, aber vergessen, dich mitzuzählen. Keine Zahl, aber die Vorstellung von Menge haben: von zu viel oder zu wenig. Die Kälte. Mit Handschuhen schlafen auf Nadelkissen. Mit dem Fingerhut über dem Kopf der Nähmaschine zuhören, wie sie schnurrt. Augen, die zufallen. Der Fingernagel unter dem Nähfuß. Der Fuß auf dem Pedal. Blut, das auf den Linolboden der Küche tropft. Kukeriku. Den Buckel hat sie vom Kalkmangel. Was Mangel ist, weiß das Kind; es kennt ja nichts anderes. Aber Kalk?
Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf. Sagt man. Großmutter, die noch im Sterben ihre Freundinnen ums Krankenlager schart, um mit ihnen Schlafkatzen mit grinsenden Gesichtern zu basteln; Großvater, der von einem Lungendurchschuss ein vernarbtes Loch hat, in das er seinen Finger legen darf; den Virginiarauchenden Onkel nicht zu vergessen, der, wenn er betrunken ist,  Mutter unter den Rock will. Der abwesende Vater. Briefe: Wenn ihr brav seid, komme ich Weihnachten. Inge mit dem Schlüssel um den Hals. Der Mohrenpeter. Ein Kind der Schande. So einer kommt nicht in den Kindergarten.
Die Welt eine Drehbühne mit wenigen Kulissen.
Lieber Gott. Mach, dass ich wachse. Schnell, denn ich möchte fort. Weit weg. Es schließt die Augen und hört den Schnee, wie er knirscht unter seinen Füßen. Sieht Scholle und Saat; atmet den Duft von Jasmin und Flieder, spürt seine Haut, geschält von der Sonne, Himmel und Hölle: mit Kreide gemalt auf Asphalt. Das Grün stirbt im Rausch der Farben: Herbst. Und schon wieder Winter. Vom Schwungrad der Zeit hinausgeschleudert in eine Welt, die den guten Ausgang in den Märchen hoffentlich nicht Lügen straft.
Das Leben ist schön!!! Sag es! Jetzt sag’s schon!

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