Last dance

I

Die Kontrolleurin der Border Agency hatte eben die Pässe gescreent. Purpose of your visit? Transit, hat er gesagt und ihr noch einmal die Bordkarte gezeigt. Der Beamte hinter dem Abfertigungspult schenkt der Frau an Jonas Seite einen abschätzenden Blick… Dann gilt seine ganze Aufmerksamkeit ihm. Jona liest: Please do not use mobile phone until clear of immigration. Thank you. Es wäre nicht das erste Mal, dass ihn Kontrollorgane einer Sonderbehandlung unterziehen. Das hatte mit seinem Aussehen zu tun. Die leicht tränenden, schwarzen Augen, der Stoppelbart, der dunkle Teint. Hast was von Omar Sharif, hat nicht nur Jasmin gemeint, die noch zu der Generation gehört, die ihn in Dr. Schiwago gesehen haben. Kein Kompliment auf der Schwelle zu Grenzübertritten. Wie damals in UK, wo er nach dem schedule 7 of the terrorism act 2000 neun Stunden festgehalten worden war. Ein Jahr vor 9/11.

Im Transit zwischen Zeitzonen, in denen versteckte Sensoren Bewegungen außerhalb von erwarteten Mustern auf überwachte Monitore bannen, sitzt Jona jetzt und nippt an einer Tasse Espresso. Lustlos zappt er auf seinem Smartphone durch die Programme von 7seas. Das Gate für den Anschlussflug nach Bangkok ist noch lange nicht offen.

Draußen ist Nacht.
Ein Mond schärft die Schneide einer Axt.
Aus der Drehtür kommt Jasmin und hält auf seinen Tisch zu…
Sie trägt ein smaragdgrünes Kleid, das nur kleine Schritte erlaubt.
Da hast du dich versteckt, sagt sie, nestelt eine Zigarette aus der Packung mit dem Bild einer Raucherlunge.
Eine automatisierte Lautsprecheransage mit weiblicher Stimme beschallt die Terminals: Aviation security! Please reduce security risks by keeping your baggage with you at all times…
Ein Feuerzeug leuchtet auf.
Ich hab mich nicht versteckt. Hab hier auf dich gewartet, sagt Jona. Eine Sirene heult auf. Resigniert steckt Jasmin die Zigarette in die Packung zurück. Sie weiß, dass nur in den alten Filmen geraucht wird.
Sie schaut auf die Uhr.
Nicht so nervös, sagt Jona. Das neue Jahr findet nicht ohne dich statt.
Die kleine Kapelle, bestehend aus Klavier, Saxophon und einem Bass hat zu spielen aufgehört. Hartley hat sie aus dem Dienst entlassen. He played on, hieß es später, und nach und nach stimmten auch die anderen mit ein, während Bug und Heck auseinanderbrachen…

II

Wie ein am Boden liegender Boxer wird das alte Jahr ausgezählt. Das Beil saust auf den Hackstock nieder und kerbt die Jahre ein: 7 6 5

Glaubst du, beginnt Jasmin. 4…  Was soll ich glauben, fragt Jona. 3… Glaubst du, dass wir das nächste Jahr überleben werden? 2… Wir überleben auch dieses Jahr, sagt Jona. Er lallt. Selbst das Sprechen fällt ihm schwer. 1… Ich meine als Paar? Wir zwei? 0… Aber ja doch. Warum denn nicht, sagt Jona, aber sie hört nicht, was er sagt und er sagt es nicht so, dass er selbst daran glauben will. Das neue Jahr hatte begonnen. Er versucht aufzustehen, aber taumelt auf seinen Sitz zurück. Sektkorken knallen. Wildfremde Menschen fallen sich in die Arme. Jasmin möchte am liebsten losheulen, nestelt ein Taschentuch aus ihrer Handtasche.

III

Da seid ihr ja, frohlockt eine Stimme, die einem Mann gehört, der auf dem Flug hierher ihr Sitznachbar war und jetzt mit ihnen gemeinsam auf das neue Jahr anstoßen will. Bitte nicht, denkt Jona. Nicht auch noch das.

Na, das nenn ich eine Überraschung, begrüßt er die beiden überschwänglich. Seinen Stiernacken, den er durch eine aufgelöste Krawatte entblößt hat, schmückt eine Kette mit protzigen Gliedern. Darf ich…, fragt er Jasmin. Er hatte sie aus der Ferne beobachtet und die Lage richtig eingeschätzt. Ihr Mann war viel zu betrunken, um seine Besitzrechte ihm gegenüber geltend zu machen. Dass dicke Luft herrschte zwischen den beiden, hatte er schon während des Fluges festgestellt. Darf ich sie zu einem Tanz bitten? Und sich jovial an Jona wendend, dem er die Hand entgegenstreckt: Jürgen, mein Name. Jürgen Kaller. Sie erlauben doch? 

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