Die Spezial-Operation

Traumkurzgeschichte, Text zur Collage

Eine Sirene schlug an. Es ist ein schriller, hoher Ton, der auf keiner ihm bekannten Tonleiter gefunden werden kann. Er scheint zwischen einer schwarzen und weißen Taste zu liegen und einmal nach unten, dann wieder in Schwingungen nach oben auszuschlagen, um den richtigen in der Reihenfolge der chromatischen Tonfolge zu finden.
Schutzsuchend stürzt er auf die Straße, die plötzlich ohne Menschen ist. Die Sonne trifft ihn wie einen Keulenschlag. Es ist viel zu heiß für die Jahreszeit. Er will wieder in den Schatten des Hauseingangs flüchten, aber … und hier beginnt sein Albtraum – es gab keine Häuser mehr, keine Stadt. Er rieb sich die Augen. Es half nichts. Es war nichts mehr da.
Er fühlte eine kalte Hand auf der Stirn und eine Stimme stellte im sachlichen Ton fest: Er hat Fieber. Es ist die Stimme einer Frau.  Miron versucht die Augen zu öffnen und keiner fragt, wie er zu diesem Namen gekommen ist. Er kommt aus der Stadt, sagt eine andere Stimme. Diesmal war sie männlich: Wir müssen ihn isolieren. Ist die Spritze aufgezogen? Schnell, bevor er aufwacht und die anderen informiert.
Ich bin auf der Durchreise, bringe ich würgend hervor. Ich habe einen Pass. Einen Stempel der Regierung. Da schauen Sie. Das ist die Unterschrift des Ministers.
Die Stimmen reagieren mit Lachen. Zuerst will er in das Lachen miteinstimmen, weil er glaubt oder glauben will, dass ihn sein Geständnis gerettet, ihm das Lachen geschenkt hat. Aber es ist kein befreiendes, es ist ein verlegenes Lachen. Es ist so eines, wie es entsteht, wenn man so tut, als ob man einen Witz endlich kapiert, aber in Wirklichkeit noch immer nicht verstanden hat. Sie lachten. Aber sie lachten über ihn. Sie lachten ihn aus. Vom Minister persönlich prustete einer, einen Stempel hat er; von der Regierung, kicherte eine andere. Von der Regierung brüllen sie jetzt schenkelklopfend im Chor und ersticken fast an ihrer Heiterkeit.
Ich muss hier weg, denkt Miron. Nichts wie weg, bevor es zu spät ist. Was hast du gesagt? Was? Die Stimme hatte nur Augen, denn sie trugen alle Masken und über den Augen Brillen mit doppeltem Rand, die ihre Pupillen groß wie die Brille selbst machten. Er hat es gesagt, hörte Miron noch, was ihn neben dem Namen, der nicht seiner war, noch bestürzter hätte machen müssen, als er es schon war. Ich habe das Wort KRIEG nicht ausgesprochen. Ich habe das Wort nicht gesagt, wehrt er sich, da er weiß, dass ihn das Kopf und Kragen kosten kann. Jetzt aber sucht eine Nadel seine Vene und er spürt nichts mehr. Traumlos treibt er durch den Rest der Nacht.

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